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Rekord bei Apple: Darum ist der Abgesang aufs iPhone absurd

Apple rechnet im laufenden Quartal mit einem Umsatzrückgang.
Apple rechnet im laufenden Quartal mit einem Umsatzrückgang. (©TURN ON 2015)

Apple verkündet die erfolgreichsten Geschäftszahlen seiner Firmengeschichte. Beobachter und Medien schreiben den US-Konzern dennoch bereits in Grund und Boden. Doch der Abgesang auf Apple ist nicht nur verfrüht, sondern vollkommen absurd.

Rekordumsatz, Rekordabsatz, Rekordgewinn – Apple feiert das erfolgreichste Quartal seiner Firmengeschichte. Und das meiner Ansicht nach völlig zurecht. Liest man derzeit allerdings diverse Medienberichte, könnte man den Eindruck bekommen: Apple kämpfe um das blanke Überleben. Die "Welt" sieht Apples Zukunft "auf der Kippe", "Spiegel Online" erkennt gar "Rekordsorgen" und das "Handelsblatt" titelt "Bye Bye Boom". Die Stunde derer, die den Absturz Apples herbeisehnen, scheint gekommen.

Erster Umsatzrückgang seit mehr als einem Jahrzehnt erwartet

Wenn man sich die Zahlen einmal genauer betrachtet, dürfte man prinzipiell nur zu dem Schluss kommen: Das ist Klagen auf allerhöchstem Niveau. Apple hat den Gipfel des Erfolges erreicht, von jetzt an kann es nur noch bergab gehen, lautet derzeit der Konsens. Und in der Tat: Apple selbst erwartet für das aktuelle Quartal einen Umsatzrückgang, dem ersten Rückgang übrigens seit 2003. Nach mehr als einem Jahrzehnt voller Erfolge scheint der Stern des iPhone-Herstellers zu sinken. Die iPhone-Verkäufe stagnieren, die iPad-Verkäufe sind gar rückläufig. Der Wachstumsmotor stottert – und zwar gewaltig.

iPhone 6s keine Innovation, aber 74,8 Millionen iPhones verkauft

Im abgelaufenen Geschäftsquartal hat Apple 74,8 Millionen iPhones verkauft, ein Jahr zuvor waren es 74,4 Millionen Einheiten. Diese Zahlen machen deutlich: Die Zeiten zweistelliger Wachstumsprozente sind offenbar erst einmal vorbei. Das iPhone 6s und das iPhone 6s Plus sind ohne Zweifel hervorragende Smartphones, doch die jetzigen Verkäufe konnte das 3D Touch-Smartphone nicht entscheidend in die Höhe treiben. Dennoch weist das US-Unternehmen einen Nettogewinn von unglaublichen 18,4 Milliarden US-Dollar aus. Das iPhone 6s ist weit davon entfernt, einen Innovationspreis zu gewinnen – und bescherte dem Konzern dennoch das erfolgreichste Ergebnis seiner Geschichte. Das sind Sorgen, die andere Firmen gerne hätten.

Infografik: iPhone top, iPad flop | Statista

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Das iPhone 5se dürfte kein Kassenschlager werden

Doch für ein börsennotiertes Unternehmen zählen vergangene Erfolge ohnehin nicht. Die Aktionäre interessieren sich nicht für alte Zahlen, sondern handeln ausschließlich die Zukunft. Dass die Aktie von Apple nach Verkündung des erfolgreichsten Geschäftsquartals in der Firmenhistorie eingebrochen ist, überrascht daher wenig. Das iPhone 5se, das im März vorgestellt werden dürfte, wird wohl ebenfalls kein Kassenschlager werden, so Analyst Kuo von KGI Securities. Auch Wirtschaftsexperte Gene Munster hat eine ähnliche Einschätzung schon vor einiger Zeit kundgetan.

Apple selbst sieht das offensichtlich auch so – und schockt die Anleger mit einem prognostizierten Umsatzrückgang. Ein Umsatz zwischen 50 und 53 Milliarden US-Dollar wird für dieses Geschäftsquartal erwartet. Wohlgemerkt handelt es sich hierbei lediglich um einen Umsatzrückgang, nicht um eine Gewinnwarnung. Legt man das derzeitige KGV von 10 zugrunde, zeigt sich, dass die Apple-Aktie nicht einmal überbewertet ist. Das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis ist an der Börse eine wichtige Kennzahl für die Beurteilung einer Aktie. Zum Vergleich: Der historische Durchschnitt bei den Dax-30-Werten liegt bei 14,6. Ein KGV von 10, wie bei Apple, gilt gemeinhin als günstig.

Durchschnittlicher iPhone-Preis unterstreicht Profitabilität

Wahr ist aber auch: Apple hat in den vergangenen Monaten an der Börse eine schlechte Performance abgeliefert, der Börsenwert sank um gut ein Fünftel. Zur Wahrheit gehört aber ebenso, dass Apple seinen durchschnittlichen iPhone-Verkaufspreis sogar leicht erhöhen konnte – auf nunmehr 691 US-Dollar. Nach Brancheneinschätzungen liegt der Durchschnittspreis eines Smartphones bei etwas über 200 US-Dollar. Diese riesige Differenz zeigt, warum Apple so profitabel arbeitet. Für eine Kursänderung von Apple sehe ich keinen Anlass. Das Geschäft könnte schließlich kaum besser laufen. Selbst mit vergleichsweise wenig Innovationen in der Vergangenheit lässt Apple sämtliche Konkurrenz weit hinter sich.

Apple hortet Barreserven von mehr als 200 Milliarden US-Dollar

Infografik: Apple & Co. horten Milliarden im Ausland | Statista

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In der Tat: Die nächsten Quartale dürfen für das erfolgsverwöhnte Unternehmen schwierig werden. Doch in einer ernsthaften Krise sehe ich Apple nicht. Allein Apples enorme Barreserven von mehr als 203 Milliarden US-Dollar garantierten dem Konzern aus Cupertino eine komfortable Ausgangssituation, von der viele Firmen nicht einmal ansatzweise träumen dürfen. Selbst im unwahrscheinlichen Fall einer jahrelangen Verlustserie schränkt das Apple in seiner Handlungsfähigkeit nicht ein. Und wer glaubt ernsthaft daran, dass die iPhone-Verkäufe in naher Zukunft wirklich einbrechen? Kritiker beschreien dieses Untergangsszenario schon seit langer Zeit. Doch das hinderte Apple nicht daran, immer wieder neue Verkaufsrekorde zu verkünden. Es mag gewissermaßen eine Durststrecke kommen – doch auch die geht wieder vorüber.

Apple kassierte 94 Prozent der Smartphone-Profite

 Die Verteilung der Profite im Smartphone-Markt ist mehr als eindeutig. fullscreen
Die Verteilung der Profite im Smartphone-Markt ist mehr als eindeutig. (©Appleinsider 2015)

Selbst wenn die iPhone-Verkäufe ein paar Quartale stagnieren oder leicht sinken, verdient Apple damit immer noch sehr viel Geld. Dass ein hoher Umsatz nicht mit einem hohen Gewinn gleichzusetzen ist, dürfte gemeinhin bekannt sein. Und insbesondere im Smartphone-Segment kann Apple mit der höchsten Gewinnmarge punkten. Im dritten Quartal 2015 sackte Apple satte 94 Prozent aller Smartphone-Profite ein. Kein anderer Smartphone-Hersteller arbeitet profitabler. Im Gegenteil: Microsoft, LG oder Sony spielten für die Gewinnverteilung im besagten Zeitraum keine Rolle. Und selbst Erzfeind und Smartphone-Marktführer Samsung brachte es auf nur 11 Prozent Anteil am Gewinn. Diese Zahlen machen deutlich: Der Abgesang auf Apple hat mit der Realität in vielen Punkten nichts gemein.

iPad-Verkäufe sinken in einem rückläufigen Tablet-Markt

Dass die iPad-Verkäufe massiv gesunken sind, lässt sich nicht von der Hand weisen. Wurden im ersten Geschäftsquartal noch 21,4 Millionen Einheiten abgesetzt, waren es im abgelaufenen Quartal nur noch 16,1 Millionen iPads. Ein deutlicher Absturz um rund 25 Prozent. Doch der Tablet-Markt ist generell rückläufig, der Markt scheint gesättigt. Und offenbar hat auch Apple dieser Marktentwicklung nichts entgegenzusetzen. Das iPad Pro dürfte ohnehin nicht auf riesige Stückzahlen ausgelegt sein, nicht zuletzt aufgrund des Preises und der begrenzten potenziellen Käuferschaft, die überhaupt an diesem Riesen-Tablet interessiert ist. Auch das erwartete iPad Air 3 dürfte keine Trendwende einleiten.

Apples Hoffnungen dürften auf dem iPhone 7 ruhen

Was bleibt Apple also in der Zukunft? Die Hoffnungen in Cupertino dürften vor allem und nahezu ausschließlich auf dem iPhone 7 ruhen. Natürlich wird das iPhone 7 das Smartphone nicht neu erfinden, wer würde das ernsthaft erwarten? Aber es wird sicher so viele Neuheiten und Verbesserungen mit sich bringen, dass sich ein Umstieg auf das neue Flaggschiff lohnen dürfte. Ich bin sicher: Wenn Apple in einem Jahr seine Geschäftszahlen verkündet, wird der Konzern einmal mehr hervorragende Zahlen präsentieren. Zahlen, von denen die gesamte Konkurrenz nur träumen kann.

Vielleicht ist die Zeit der immer neuen Verkaufsrekorde vorbei. Vielleicht nur vorübergehend, vielleicht auch dauerhaft. Doch das wird an einer Tatsache nichts ändern: Auch die nächsten Jahre wird der iPhone-Konzern den Smartphone-Markt prägen wie kaum ein anderer. Worauf können wir uns noch einstellen? Sicher wird uns der herbeigeschriebene Abgesang auf Apple auch die nächsten Jahre noch begleiten – wie bereits viele, viele Jahre zuvor.

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