Sind Smart-Speaker wirklich smart, nur weil sie sprechen können?

Smart Speaker verändern unseren Alltag - aber sind sie wirklich so smart?
Smart Speaker verändern unseren Alltag - aber sind sie wirklich so smart? (©TURN ON 2017)
Patrick Schulze Fragt sich, wann VR-Brillen endlich so massentauglich werden wie in "Ready Player One".

Smart Speaker wie Amazon Echo, Google Home oder Apple HomePod erobern die Wohnzimmer. Doch nicht alles, was sich smart nennt, ist auch wirklich so clever. Als Kunden sollten wir darauf achten, dass die Hersteller das Potenzial der Technologie auch wirklich nutzen.

Keine Frage: Das Smartphone war eindeutig das wichtigste technische Produkt der letzten Jahre. Doch spätestens seit dem letzten Jahr gibt es eine neue Geräteklasse, die mehr und mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht: der Smart Speaker.

Gemeint ist damit ein Lautsprecher, der über eine Software zur Spracherkennung und -Wiedergabe verfügt und der Musik vornehmlich kabellos per WLAN empfängt. Das wohl prominenteste Beispiel dieser Gattung ist der Amazon Echo mit der Sprachassistentin Alexa, gefolgt vom Google Home. Als jüngster Spross der Smart-Speaker-Familie buhlt der HomePod von Apple um die Gunst der Kunden. Daneben gibt es eine wachsende Zahl weiterer Lautsprecher von Herstellern wie JBL, LG, Sony, Sonos oder Panasonic, die entweder auf Alexa oder den Google Assistant setzen.

Amazon Echo
Der Amazon Echo ist der Vorreiter unter den Smart Speakern.

Getestet oder zumindest ausprobiert habe ich in den vergangenen Monaten die meisten dieser Geräte. Vor allem der Umgang mit den digitalen Sprachassistenten und den Streaming-Möglichkeiten standen dabei im Fokus meiner Tests - schließlich sind das ja die Dinge, die Smart Speaker ausmachen. Doch je mehr ich mich mit dem Thema Smart Speaker beschäftigt habe, desto mehr drängte sich mir auch eine Frage auf: Ist ein Lautsprecher wirklich smart, nur weil er sprechen kann?

Auch Jar Jar Binks kann sprechen

Nach moderner Definition heben sich sogenannte Smart Speaker vor allem durch ihre sprachgesteuerten Interfaces von herkömmlichen Lautsprechern ab. Alexa, Google Assistant oder Siri sollen den Nutzer verstehen und ihm logisch antworten oder weiterhelfen können. In der Praxis klappt das mal mehr, mal weniger gut – insgesamt funktioniert das Ganze aber schon erstaunlich zuverlässig.

Bei meinen Tests drängte sich mir trotzdem immer wieder die Szene aus dem Film "Star Wars: Episode I" auf, in der Jedi-Meister Qui-Gon Jinn zum ersten Mal auf den trotteligen Jar Jar Binks trifft. Als letzterer etwas Dummes tut, fragt ihn der Jedi gerade heraus, ob er keinen Verstand habe. Jar Jars Antwort: "Ich sprechen" woraufhin Qui-Gon trocken erwidert: "Die Fähigkeit zu sprechen macht dich noch nicht intelligent."

Ein Sprachassistent allein reicht nicht

Tatsächlich ist es nämlich so, dass ein Sprachassistent allein noch kein smartes Produkt ausmacht, auch wenn die Hersteller das vielleicht gerne vermitteln wollen. Was nützt es mir denn, wenn ich Siri auf dem Apple HomePod zwar nach dem Wetter fragen kann, aber im nächsten Moment daran scheitere, meine Playlist von Spotify abzuspielen – oder Musik via Bluetooth wiederzugeben? Beides kann der ach so smarte HomePod nämlich nicht.

Apple HomePod
Der Apple HomePod streamt Musik nur von Apple Music.

Die Auswahl an Musikquellen ist je nach Hersteller eingeschränkt

Nun ist der HomePod nur ein Beispiel eines Produktes mit extrem eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten, das es zudem noch nicht mal in Deutschland zu kaufen gibt. Andere getestete Smart Speaker hatten aber teilweise ähnliche Probleme oder bekamen wichtige Kernfunktionen erst nachträglich per Update nachgeliefert. So konnte etwa auch Google Home anfänglich auch keine Musik via Bluetooth abspielen und generell streamen auch Google Home und Amazon Echo bislang nur ausgewählte Musik-Apps.

Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass es sich um fokussierte Produkte für ganz bestimmte Anwendungszwecke handelt. Dieser Ansatz ist im Grunde auch nicht verkehrt. Nicht jeder Lautsprecher muss jede Audio-Funktion unterstützen und so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau ist generell nur sehr schwer zu realisieren.

Dennoch sollte smarte Technik nach meinem Dafürhalten den Anspruch haben, die Möglichkeiten für den Nutzer im Alltag zu maximieren und sie nicht unnötig einzuschränken. Lautsprecher, die nur Musik aus ganz bestimmten Audio-Apps abspielen können, empfinde ich daher als wenig smart, selbst wenn sie Fragen beantworten, die Fußballergebnisse ansagen oder Erinnerungen speichern können.

Und wäre ein hervorragend klingender Lautsprecher wie der Apple HomePod nicht gleich viel cleverer, wenn er sich auch an die heimische Anlage anschließen ließe und man darüber seine alten Platten hören könnte? Oder wenn ihn zumindest auch Apple-Music-Nutzer ohne aktuelles iPhone nutzen könnten? Auch die soll es ja schließlich noch geben.

Manche Smart-Speaker sind schlauer als andere

Natürlich gibt es auch überaus positive Beispiele: Der Panasonic SC-GA10 entpuppte sich im Test beispielsweise als ein Smart Speaker, der fast keine Wünsche offen lässt und der neben Google Cast, Bluetooth und kabelgebundener Musikwiedergabe auch Musikstreaming von lokalen Netzlaufwerken abseits des Google-Ökosystems ermöglicht.

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Der Panasonic SC-GA10 unterstützt eine Vielzahl an Musikquellen.

Generell scheint es so, als würden die Hersteller momentan noch mit der Produktkategorie Smart Speaker experimentieren, um herauszufinden, welche Funktionen die Kunden wirklich wollen oder brauchen.  Beim Sony LF-S50G gelingt dies mit einer halbherzigen und obendrein auch ziemlich überflüssigen Gestensteuerung nicht ganz so gut wie bei Panasonic. Andererseits haben gerade Amazon und Google mittlerweile mehrere Updates für ihre klugen Lautsprecher gebracht und so den Funktionsumfang erweitert. Apple dürfte mittelfristig eine ähnliche Roadmap haben.

Welches Potenzial Lautsprecher dank Sprachsoftware und digitaler Technik wirklich haben, hat zur Google I/O 2018 allerdings der Hersteller JBL gezeigt. Dieser möchte noch vor Ende des Jahres mit der Link Bar eine TV-Soundbar auf den Markt bringen, die gleichzeitig Smart Speaker und TV-Set-Top-Box ist und damit unterm Strich gleich eine ganze Palette von bislang separaten Geräten überflüssig machen könnte.

Smart Speaker haben riesiges Potenzial

Mit Blick auf die Gegenwart lässt sich wohl festhalten, das Smart Speaker schon jetzt eine Produktkategorie sind, die unheimliche Aufmerksamkeit auf sich zieht und die in Zukunft wohl eine noch viel wichtigere Rolle spielen wird. Hinzu kommt, dass sprachgesteuerte Interfaces ganz allgemein auf dem Vormarsch sind. Wer die beeindruckende Demo von Google Duplex auf der Entwicklerkonferenz 2018 gesehen hat, dürfte eine ungefähre Ahnung davon haben, wohin die Reise geht.

Die Technologie hinter der KI-Software zur Spracherkennung und -Ausgabe, die bei Google, Amazon und Co. entsteht, ist absolut beeindruckend. Trotzdem reicht das allein eben nicht aus, um ein Produkt wirklich smart zu machen. Die Frage wird vielmehr sein, ob diese Technologie unsere Möglichkeiten wirklich erweitert. Es reicht eben nicht aus, dass ein Lautsprecher sprechen kann. Als Lautsprecher muss er zumindest auch Musik abspielen und das sollte unabhängig von irgendwelchen Apps, Diensten oder Streaming-Protokollen auch die Musik sein, die wir als Nutzer hören möchten.

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