Story

So hat das Smartphone unser Leben verändert

Realitätserweiterung betreibt François Dourlen mit seinen Montagen – da poppen Figuren aus der Populärkultur in unserer Alltagswelt auf.
Realitätserweiterung betreibt François Dourlen mit seinen Montagen – da poppen Figuren aus der Populärkultur in unserer Alltagswelt auf. (©François Dourlen 2017)

Gab es ein Leben vor dem Smartphone? Kaum ein Gerät hat sich jemals so schnell und so tief in unserem Alltag verwurzelt – ohne den ständigen Begleiter fühlt man sich nackt. Und unsere smarte Zukunft bleibt spannend.

Okay, 100 Jahre Smartphone, das stimmt natürlich jetzt nicht so ganz. Dennoch gibt es den Hightech-Flachmann ja schon eine gefühlte Ewigkeit. Als audiovisuelle Kommunikationszentrale, die uns mit Familie, Freunden, Kollegen verbindet. Als Navigator, der uns ans Ziel bringt, wenn wir nicht mehr weiterwissen. Als Shoppingmeile, ach was, Shoppingkosmos. Als Entertainment-Center. Als Alleswisser, der auf jede Frage eine Antwort hat. Na ja, auf fast alle Fragen. "Siri, wo hab ich meine Schlüssel hingelegt?" klappt bisher noch nicht so richtig.

Auch wenn es da noch hapert, lassen sich mit Smartphones schon Aufgaben von ganz anderem Kaliber angehen. Zum Beispiel die Suche nach Außerirdischen. Im Jahr 2015 startete der Physiker Stephen Hawking zusammen mit dem russischen Milliardär Juri Milner ein Projekt, bei dem Signale aus dem All, aufgefangen von den mächtigsten Radioteleskopen der Erde, nach Hinweisen auf extraterrestrisches Leben durchforstet werden sollen. Eine Suche, die eine enorme Rechenleistung erfordert und zu der Besitzer von Android-Smartphones etwas beitragen können. Denn wer die App BOINC auf seinem Gerät installiert, spendet etwas von dessen Prozessorkapazität für das Berkeley Open Infrastructure for Network Computing.

 Foto von François Dourlen. fullscreen
Foto von François Dourlen. (©François Dourlen 2017)

So eine kleine Spende ist kein Problem, Smartphones sind Kraftprotze. Im rund 35 Kilogramm schweren Steuerungscomputer an Bord von Apollo 11 arbeitete ein Hauptprozessor mit gerade mal 0,043 Megahertz vor sich hin, um die ersten Menschen auf den Mond zu bringen. Zum Vergleich: Die zentrale Recheneinheit eines iPhone 7 klotzt mit 2,34 Gigahertz, ist also über 54.000- mal leistungsfähiger. Kraftbolzen sind sie, unsere ständigen Begleiter, aber Sensibelchen sind sie auch. Sie hören, fühlen, sehen, dafür sorgen die bis zu zwei Dutzend Sensoren, die in High-End-Modellen verbaut sind. Das Akzelerometer erfasst die Beschleunigung des Geräts. Das Barometer misst den Luftdruck, und zwar so genau, dass sich aus den Werten nicht nur die aktuelle Hochdruckfront ablesen lässt, sondern auch, ob der Smartphone-Besitzer gerade einen Baum hochklettert. Zugegeben: Ob es sich um einen Baum handelt, erkennt das Gerät nicht, es könnte auch eine Felswand sein. Und dank Gyroskop und Magnetometer weiß unser ständiger Begleiter unter anderem genau, in welche Himmelsrichtung wir uns bewegen. Oder ob wir gerade einen Handstand machen.

Unsere Smartphones wissen viel über uns, weit mehr, als wir ihnen bewusst verraten. Die meisten persönlichen Daten, die das Gerät laufend sammelt, bekommen die Besitzer nie zu sehen. Wer neugierig ist, kann sich allerdings die Android-Apps SatStat oder Sensors Multitool installieren, beim iPhone vermittelt SensorLog eine Vorstellung von der Wissbegierigkeit der kleinen Helfer.

 Foto von François Dourlen. fullscreen
Foto von François Dourlen. (©François Dourlen 2017)

All das konnte noch niemand ahnen, als alles begann. Aber wann war das? Mobil telefonieren konnte man schon 1926, aus Zügen der Deutschen Reichsbahn. Nur wann wurde das Mobiltelefon smart? 1994, als IBM den Simon Personal Computer ins Netz brachte? Simon hatte so einiges drauf und brachte sogar einen Touchscreen mit – internetfähig war das Gerät allerdings nicht. Anders der Nokia 9000 Communicator von 1996, aber auf dem damals ultracoolen Teil ließen sich vom Besitzer keine Apps installieren und es brachte keine Kamera mit. Ein Smartphone, das nicht Selfie-tauglich ist undenkbar.

Ziemlich smart im heutigen Sinn war das Ericsson R380, das im Jahr 2000 auf den Markt kam, und tatsächlich war es auch der schwedische Hersteller, der damals das Wort "Smartphone" prägte. Der Durchbruch kam allerdings erst 2007, als Apple das iPhone vorstellte. Technisch gesehen hatten die Kalifornier mit ihrem Erfolgsmodell nichts Neues geschaffen – aber die genial-intuitive Bedienung schaffte für das iPhone den Durchbruch auf breiter Front.

Ein Jahr später legte Google dann mit Android nach, dem heute führenden Smartphone-Betriebssystem: 87,5 Prozent der über zwei Milliarden Smartphone-Besitzer auf der Welt haben ein Android-Gerät. Das liegt nicht etwa an der technischen Überlegenheit, sondern daran, dass Apple in der Edelklasse angesiedelt ist, die für die meisten auf unserem Planeten unerschwinglich ist. Und gerade für die Armen sind Smartphones noch wichtiger als für uns. Die Fischer an der südindischen Malabarküste können so zum Beispiel ihren Fang schon von See aus verkaufen – früher mussten sie erst einen Hafen anlaufen, um mit den dortigen Händlern ins Geschäft zu kommen.

 Foto von François Dourlen. fullscreen
Foto von François Dourlen. (©François Dourlen 2017)

Dabei waren sie diesen Aufkäufern natürlich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, denn mit der leicht verderblichen Ware konnten sie in dem Tropenklima keinen zweiten Hafen ansteuern, um da vielleicht einen besseren Preis zu bekommen. Und in vielen Ländern Afrikas lassen sich kleine Geldbeträge via Smartphone überweisen – ein Segen für die Armen, die keinen Zugang zu einem Bankkonto haben.

Vom Selfie bis zur Armutsbekämpfung reicht das Potenzial unserer smarten Lebensgefährten. Die technischen Möglichkeiten scheinen dagegen allmählich ausgereizt: Die Prozessorleistung wächst nur noch langsam, die Auflösung der Kameras hat längst Spitzenwerte erreicht. Doch wer sagt, dass Smartphones in der heutigen Form der Weisheit letzter Schluss sind? Ist es nicht wahnsinnig umständlich, die Geräte x-mal am Tag aus der Tasche fummeln zu müssen? Apple Watch und Co. versuchen heute schon, Abhilfe zu schaffen, doch wahrscheinlich sind Smartwatches nur eine Übergangslösung. Radikale Visionäre aus dem Silicon Valley träumen davon, uns durch Implantation von Mikroelektronik in unsere Körper zu Cyborgs zu machen. Aus heutiger Sicht ziemlich gruselig. Aber das kann die übernächste Generation schon anders
sehen. Und bis dahin träumen wir von einer revolutionären neuen Technologie, der Steuerung unserer smarten Begleiter durch Gedanken zum Beispiel. Spinnerei? Wenn uns vor 20 Jahren jemand von unserem heutigen Leben mit dem Smartphone erzählt hätte, wäre er wohl auch für reichlich überdreht gehalten worden.

Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 03/17, das in allen SATURN Märkten kostenlos ausliegt.

Neueste Artikel zum Thema

close
Bitte Suchbegriff eingeben