Meinung

Sony hat eine große Zukunft als Smartphone-Macher verdient

Das Sony Xperia XZ2.
Das Sony Xperia XZ2. (©TURN ON 2018)

Sonys Smartphones verkaufen sich nicht gut. Das nehmen Kritiker zum Anlass, mal wieder einen Nachruf auf Sonys Handy-Sparte zu veröffentlichen. Mit der Produktqualität hat der mangelnde Erfolg aber wenig zu tun – im Gegenteil war Sony für wichtige Innovationen verantwortlich und hat sich eine große Zukunft als Smartphone-Macher verdient.

Im zweiten Quartal 2018 konnte Sony nur zwei Millionen Smartphones ausliefern und somit 1,4 Millionen weniger als im Vorjahreszeitraum. Das schreibt Sony im zugehörigen Geschäftsbericht. Einige Kommentatoren nahmen das zum Anlass, das baldige Ende von Sonys Smartphone-Sparte zu prophezeien.

Der Mythos vom drohenden Untergang

So schreibt winfuture.de, es dürfe "wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Abteilung endgültig abgestoßen oder stillgelegt wird." Areamobile.de fragt, "ob die Zeit noch reicht, um das Ruder herum zu reißen und die Smartphone-Sparte von Sony vor dem Untergang zu retten." Der Untergang droht jedenfalls aus Sicht der Kommentatoren, obwohl der ehemalige Sony-CEO und heutige Chairman Kaz Hirai gegenüber dem Guardian anlässlich der CES 2018 versicherte, dass Sony aus strategischen Gründen im Kommunikations-Business bleiben möchte.

Smartphones gehören fest zu Sonys aktuellem Dreijahresplan. (© 2018 Sony via Xperia Blog)

Sein Nachfolger Kenichiro Yoshida bestätigt im aktuellen Dreijahresplan des Unternehmens das Festhalten am Smartphone-Business. Der Xperia Blog veröffentlichte die zugehörigen Folien zur Präsentation des Plans. Sony bemängelt darin eine zu langsame Verbesserung seiner Smartphones und sieht vor allem in Europa einen wichtigen Markt. Einen "exzessiven Fokus auf Gewinn und verkaufte Einheiten" möchte das Unternehmen bei seinen Smartphones allerdings vermeiden. Es droht also kein Untergang von Sonys Smartphone-Sparte. Und die hätte der Hersteller auch nicht verdient.

Für Sony-Kritiker stirbt die Handy-Sparte schon lange

Mit der Xperia-XZ2-Serie führte Sony ein neues Smartphones-Design ein. (© 2018 TURN ON)

Sonys Smartphone-Sparte geht schon seit vielen Jahren unter, ist einigen Tech-Kommentatoren zu glauben. So schrieb Andrew Grush bereits im Jahr 2015 auf Android Authority, dass Sony "den Glauben an Mobile aufgegeben" habe.

Stefan Etienne von The Verge bemerkte im Jahr 2017 im Test des Xperia XZ1 und XZ1 Compact, die Smartphones würden nur gewohnte Kost bieten und warf gar die Frage auf, ob Sony "überhaupt noch Smartphones bauen sollte". Die Nachfolger Xperia XZ2 und XZ2 Compact, die das gewünschte neue Design mitbringen, würdigte The Verge dann nicht mit einem Test.

Sonys Probleme liegen woanders

Sicherlich gibt es Gründe für den mangelnden Erfolg von Sonys Smartphones. Nach meinem Dafürhalten sind das unter anderem fragwürdige Business-Entscheidungen wie die schleppende und teils erfolglose Suche nach Partnern unter den US-amerikanischen Mobilfunkanbietern, das zurückhaltende Marketing und die teils zu hohen Preise – so kam das Xperia XZ2 ausgerechnet in Indien für umgerechnet 920 Euro auf den Markt und das Xperia XZ2 Premium bietet Sony in Deutschland für üppige 900 Euro an.

Der Preis des Xperia XZ2 Premium ist mit 900 Euro recht hoch angesetzt. (© 2018 Sony)

Dabei leidet Sony, wie andere Hersteller, an dem enormen Druck durch günstige China-Smartphones. Der Hersteller profitiert nicht von der im Reich der Mitte üblichen Industriespionage und der Zwangs-Abtretung von Eigentums- und Nutzungsrechten und weniger von den niedrigen Standards bei den Arbeitsbedingungen. Sony stellt seine Handys nämlich in der japanischen Heimat her, wobei einige Bauteile aus China stammen. So müssen unter anderem die Japaner von Sony, das US-amerikanische Apple sowie die Südkoreaner von LG und Samsung höhere Preise für ihre Handys verlangen als chinesische Hersteller.

Der Konsument sieht am Ende nur das Preisschild und da wirken die China-Handys verlockender. Doch wenn der Abgesang auf Sonys Mobile-Sparte mit einer angeblich mangelnden Smartphone-Qualität begründet wird, so kann ich das nicht nachvollziehen. Sony macht hier keine größeren Fehler als andere Hersteller.

Ist ein eigenes Design ein Makel?

Sony-Smartphones wie das Xperia XA2 bieten ein eigenständiges Design. (© 2018 TURN ON)

Besonders merkwürdig erscheint mir der häufig erhobene Vorwurf, Sony würde Smartphone-Trends nicht genügend hinterherlaufen und stattdessen bei seinem eigenen Design bleiben. Sehen sich moderne Smartphones wirklich nicht ähnlich genug? Außerdem: Als Sony beim Trend mitmachte, den Kopfhöreranschluss wegzulassen, waren die Kritiker darüber keineswegs glücklich. Trends bringen nicht immer eine objektive Verbesserung mit sich, sondern können auch reine Modeerscheinungen sein oder Produkte sogar verschlechtern.

Sony blieb recht lange beim 16:9-Format, während andere Hersteller früher das längliche 18:9-Format für ihre Handy-Displays entdeckten. Es lässt sich aber darüber streiten, welches Format insgesamt praktischer ist. Der oftmals kritisierte große Displayrand bringt derweil sicher Nachteile mit sich, aber in zu kleinen Rändern hätten Sonys nach vorne gerichtete Stereo-Lautsprecher keinen Platz gefunden, außerdem konnte Sony mit dem Xperia XZ2 hier etwas aufholen. Die Kritiker sind trotzdem unzufrieden – so bietet dieses Smartphone für Jimmy Westenberg von Android Authority nur ein "kopiertes HTC-Design", was ich in der Sache nicht nachvollziehen kann.

Sonys gestalterische Eigenständigkeit (hier das Xperia XZ2 Compact) ist keine Schwäche. (© 2018 TURN ON)

Mich überzeugte insbesondere das Xperia XZ2 Compact mit dem neuen Ambient Flow Design, denn dank der gewölbten Rückseite schmiegt es sich angenehm in die Hand. Auch die Gestaltung des Xperia XA2 kann Vorzüge für sich verbuchen. So bemerkte ich im Test: "Dank dünner Ränder an den Seiten liegt es gut in einer Hand, das Smartphone ist stabil verarbeitet und auf seine Art, wie Sony richtig sagt, praktisch und elegant." Sony sollte weiterhin seinen eigenen Weg gehen. Die Design-Kritiker lassen sich grundsätzlich nicht zufrieden stellen.

Sonys Smartphone-Innovationen

Selbst wer mit Sony-Smartphones nicht anfangen kann, muss die einflussreiche Innovationskraft des Unternehmens anerkennen. Sony war der erste Hersteller, dessen Handys die HDR-Videoaufnahme beherrschten (Xperia XZ2). Sony führte die Super-Zeitlupe in Smartphones ein (Xperia XZ Premium), veröffentlichte das erste Handy mit 4K-Display (Xperia XZ5 Premium) und das erste Smartphone mit IP57-Zertifizierung (Xperia Z). Andere Hersteller rüsteten ihre Handys erst später gegen zeitweiliges Untertauchen in Wasser.

Das Sony Ericsson Xperia Arc S ist noch heute ein echter Hingucker. (© 2018 Sony)

Und nicht erst in den letzten Jahren trug Sony seinen Teil zur Mobile-Entwicklung bei. Das Unternehmen konnte zum Beispiel das gelungene Tastenhandy mit Walkman-Branding namens Sony Ericsson W810i (2006) ganze 15 Millionen Mal verkaufen. Im selben Jahr brachte das Sony Ericsson K800i die Handy-Fotografie einen Schritt weiter. Im Jahr 2011 machte das Sony Ericsson Xperia Arc (S) mit einem eleganten und dünnen Design auf sich aufmerksam. Noch heute sind die Xperia-Compact-Smartphones die einzigen Android-Flaggschiffe im handlichen Format.

Fazit: Sony-Smartphones verdienen mehr Erfolg

Sonys mangelhafte Smartphone-Verkäufe haben Gründe, die ich aber nicht vordergründig bei der Handy-Qualität sehe. Andere Faktoren wie manch fragwürdige Business-Entscheidung, das zurückhaltende Marketing und die starke China-Konkurrenz sind auch zu beachten.

Es fällt auf, dass einige Sony-Kritiker unbeirrt weiter die Smartphone-Sparte schlecht reden, selbst wenn das Unternehmen auf Kritik reagiert, das angeblich lang ersehnte neue Design einführt und bei Trends mitzieht. Der Untergang wird weiterhin seit Jahren prophezeit, obwohl Sony stets erklärte, am Smartphone-Business festzuhalten.

Ich freue mich schon auf das Xperia XZ3, das angeblich so aussehen soll. (© 2018 @OnLeaks/@CompareRaja)

Sony hat diesen regelmäßigen Totengesang nicht verdient. Das Unternehmen konnte den Handy-Markt mit wichtigen Innovationen bereichern, liefert schneller und für eine längere Zeit Android-Updates aus als die meisten anderen Hersteller und es hat sich seine Eigenständigkeit bewahrt. Die Sony-Smartphones sind insgesamt ähnlich gut wie jene der Konkurrenz und erfordern dasselbe Abwägen von Vor- und Nachteilen.

Wir brauchen nicht weniger Unternehmen, die ihren eigenen Weg gehen, ihre eigene Technologie und Services in ihre Smartphones integrieren und ihre eigenen Design-Entscheidungen treffen. Wir brauchen mehr von ihnen.

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