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Teuer ist das neue Günstig: Was bedeuten 850 Euro für das iPhone XR?

Wirklich günstig ist das iPhone XR nicht geworden.
Wirklich günstig ist das iPhone XR nicht geworden. (©TURN ON 2018)

Apple hat auf der Keynote 2018 sein neues Einsteiger-iPhone präsentiert. Im Vorfeld wurde es als eine Art "iPhone für die Massen" zu einem erschwinglichen Preis erwartet. Tatsächlich wird es nun ab 849 Euro erhältlich sein. Derweil kostet das beste Modell des iPhone XS Max satte 1649 Euro. Was bedeuten solche Preise für den Smartphone-Markt?

Zwischen 550 und 650 US-Dollar sollte das iPhone XR ohne Dual-SIM kosten. Das glaubte jedenfalls der bekannte Apple-Analyst Ming-Chi Kuo noch im April 2018. Er trifft den Nagel oft auf den Kopf – aber diesmal nicht. Mit dem üblichen Preisaufschlag für Deutschland wäre das vielleicht ein Startpreis von 650 Euro gewesen. "Das kostet mehr, Andreas, Du wirst schon sehen", meinte TURN-ON-Kollege Patrick dazu. "Für das sogenannte 'günstige' iPhone verlangt Apple bestimmt 800 Euro." "Ich weiß nicht", meinte ich, "irgendwie muss es sich ja preislich von den Flaggschiffen absetzen."

Der Preis-Schock der Keynote 2018

Ich sollte es bald herausfinden. Nachdem drei Android-Smartphones in relativ kurzen Abständen bei mir den Geist aufgegeben hatten, sagte ich zu unserem Apple-Fan Alexander, dass ich diesmal die Apple-Keynote besonders gespannt verfolgen würde. "Gut, dann kannst Du sie ja gleich covern", meinte er. Ach ... Na gut, ich schrieb also mit Patrick und Alexander die ersten News zu den neuen iPhones noch während der Keynote-Präsentation. Und so kam es, dass meine Android-Preise-verwöhnten Augen schon bald kurzzeitig erblinden sollten.

Das vermeintliche Einsteiger-iPhone ist ab 850 Euro erhältlich. (© 2018 Apple)

Patrick hat sich geirrt! Aber ... leider nur darum, weil das iPhone XR noch mehr kostet – mindestens 850 Euro. Das sind 50 Euro mehr als damals für das iPhone 8 fällig wurden. Der Abstand zum iPhone XS mit seinen 1150 Euro genügt Apple wohl. Die US-Amerikaner haben es noch relativ gut, denn in Übersee ist das Smartphone für 750 US-Dollar erhältlich. Übrigens gehört der Kopfhörer-Adapter nicht mehr zum Lieferumfang. Und Apple steckt auch kein Fast-Charging-Netzteil für schnelles Aufladen in die Packung.

Wie viel Geld ist ein Smartphone wert?

Vielleicht sollte ich Smartphones einfach aufgeben, dachte ich in diesem Moment. Ich habe früher viel mehr Zeit mit Büchern verbracht. Werden die noch gedruckt? Ich dachte auch an eine Zeit zurück, die ich eigentlich nur aus Filmen kenne, wo der Vater eine goldene mechanische Armbanduhr kauft und sie dann an seinen Sohn vererbt. Das konnte er machen, weil die Dinger nicht nach zwei, drei Jahren kaputt gingen oder zu langsam wurden oder nur noch eine Laufzeit von ein paar Stunden hatten und durch das nächste tolle iPhone ersetzt werden mussten.

Als das iPhone X auf den Markt kam, rechnete ich aus, dass ich für seinen Preis von 1149 Euro immerhin 444 Salat-Menüs bei Aldi kaufen könnte, die jeweils 2,59 Euro kosten. Jeden Tag ein Salat, über ein Jahr lang. Apples neues Top-Modell, das iPhone XS Max, kostet mit 512 GB Speicher ganze 1649 Euro. Das sind für viele Menschen gut drei Monatsmieten oder 637 Salat-Menüs. Wir sind nun also bald bei zwei Jahren Salat-Versorgung angelangt!

Das 512-GB-Modell des iPhone XS Max kostet 1649 Euro. (© 2018 Apple)

Ein Smartphone ist für mich einfach nicht so viel Geld wert. Für den Preis gibt es schon einen guten Laptop. Den verwendet man in der Regel viel länger als die zwei, drei Jahre, bis wieder ein neues Handy angesagt ist. Smartphones sind technisch viel schneller veraltet, von neuen Software-Versionen überfordert, erhalten schnell keine Updates mehr und bei ihnen ist recht bald ein Akku-Tausch angesagt.

Übrigens hat Apple die Preise für den Akkutausch bei den neuen Modellen iPhone Xs, iPhone Xs Max und iPhone XR außerhalb der Garantiezeit auf 70 Euro angeschraubt. Das sind 40 Euro mehr als bei den letzten iPhones von 2017. Wahrscheinlich dachte Apple, dass das sowieso kaum jemand merkt. Und wahrscheinlich stimmt das auch. Angesichts eines Einstiegspreises von 849 Euro für das "günstige Einsteiger-iPhone" kommt es auch nicht mehr darauf an, schätze ich.

Kann Apple sich das erlauben?

Trotz des unerwartet hohen Einstiegspreises gehen die Analysten von Digitimes Research davon aus, dass das iPhone XR für ganze 50 Prozent der Auslieferungs-Zahlen der neuen iPhones aufkommen wird. Derweil soll Apple voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2018 zehn Prozent mehr Gewinn mit seinen iPhones machen als im Vorjahreszeitraum. Unterdessen haben die Marktforscher von Canalys (via notebookcheck.com) die ausgelieferten Einheiten des iPhone X im Zeitraum November 2017 bis Ende Juni 2018 ermittelt. 50 Millionen Exemplare des Luxus-Smartphones wurden demnach ausgeliefert.

Das Nachfrage nach dem iPhone X, das einst mit seinem hohen Preis von mindestens 1150 Euro überraschte, fiel auch für Goldman Sachs unerwartet hoch aus, wie CNBC schreibt. Damals gab es von vielen Seiten größere Zweifel, ob sich das "1000-Euro-iPhone" verkaufen würde. Doch es fanden sich mehr als genügend Interessenten. Das iPhone X alleine war im vierten Quartal 2017 laut Counterpoint Research für 35 Prozent der gesamten Smartphone-Profite verantwortlich.

Mit dem iPhone X hat Apple sehr viel Geld verdient. (© 2018 YouTube/ Canoopsy)

Aus verschiedenen Gründen kann Apple Geldbeträge fordern, die vor ein paar Jahren noch als Fantasiepreise verschrien worden wären. Vor allem sind iPhones Prestige-Produkte – und Prestige lohnt sich offenbar auch auf dem Dating-Markt. Das Wiederverkaufsportal Decluttr befragte dieses Jahr 1500 US-amerikanische Smartphone-Nutzer zur Rolle von Smartphones für das erfolgreiche Dating, wie die Kölnische Rundschau berichtet. Demnach möchten 70 Prozent lieber mit einem iPhone-Besitzer auf ein Date gehen als mit einem Android-Besitzer und 35 Prozent der iPhone-Besitzer würden sich glatt weigern, einen Android-Nutzer zu daten.

Gilt der Trend auch für Android-Smartphones?

Im Android-Lager sind gerade zwei Trends zu beobachten. Einerseits gibt es Hersteller wie Samsung, die mit ihren Edel-Flaggschiffen wie dem Galaxy Note 9 auch preislich im 1000-Euro-Bereich mitspielen. Die Flaggschiffe von Sony und LG werden ebenso immer teurer, so kommt das Sony Xperia XZ3 für 900 Euro auf den Markt und das LG G7 kostete bei Release 850 Euro. Zum Glück für Konsumenten nehmen die Smartphone-Preise im Android-Lager nach dem Release schneller ab als bei Apple.

Das 512-GB-Modell des Galaxy Note 9 kostet immerhin 1250 Euro. (© 2018 TURN ON)

Zugleich gibt es einen zweiten Trend, der den ersten auf lange Sicht ablösen dürfte. So bringen chinesische Anbieter wie Huawei und Honor erschwingliche Flaggschiffe auf den Markt. Das Honor 10 kostete bei seinem Release nur 400 Euro und die Chinesen von Xiaomi veröffentlichen bald das Pocophone F1 mit dem neuesten Qualcomm-Prozessor Snapdragon 845 für ungefähr 350 Euro.

Wie ich im Artikel "Sony hat eine große Zukunft als Smartphone-Macher verdient" geschrieben habe, können die Chinesen nämlich an Stellen sparen, an denen westlich orientierte Unternehmen wie Sony, LG und Samsung nicht sparen können. So entsteht ein massiver Preisdruck im Android-Lager, aus dem die Chinesen als Sieger hervorgehen könnten.

Inwiefern auch Apple vom Android-Preiskampf beeinflusst wird, lässt sich schwer vorhersehen. Ich bin der Meinung, dass Apple eine Sonderstellung inne hat, die noch eine Weile lang erhalten bleiben dürfte. Allerdings verkauft Huawei in Europa bereits mehr Smartphones als Apple, wofür insbesondere Flaggschiffe wie das Huawei P20 Pro verantwortlich sind. Insofern könnte selbst Apple irgendwann einmal einen gewissen Konkurrenzdruck spüren.

Fazit: Nein danke, Apple

Das iPhone XR werde ich hängen lassen. (© 2018 TURN ON)

Ich wurde kurz schwach und habe in Richtung Apple geschielt. Dann stand fest, dass die US-Amerikaner mindestens 850 Euro für ihr neues "Einsteiger-iPhone" erwarten. Schon habe ich mir das Schielen wieder abgewöhnt. Im Android-Lager bewegen sich die Preise hingegen dank starker chinesischer Anbieter in die andere Richtung. Apple wird sich die hohen Preise dank seiner Prestige-Sonderstellung noch eine Weile erlauben können. Aber auch für immer?

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