Kolumne

TURN ON Innovation: Chris – der digitale Beifahrer fürs Auto

Chris ist ein smarter Beifahrer fürs Auto.
Chris ist ein smarter Beifahrer fürs Auto. (©German Autolabs 2017)

Dass erfolgreiche Technologie-Projekte bei Kickstarter aus Deutschland kommen, ist nicht so oft der Fall – die Dominanz der US-Erfinder ist groß. Mit dem digitalen Beifahrer Chris hat es aber eine Idee aus dem "Autoland" Deutschland geschafft, eine ziemlich erfolgreiche Finanzierung hinzulegen.

Dass das Projekt Chris bei Kickstarter in der Abteilung Design zu finden ist – und nicht wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre bei Technologie – scheint den Erfindern aus Berlin nicht geschadet zu haben. Fünf Tage vor Ende der Frist stimmt die Kasse: Statt der geforderten 50.000 Euro sind knapp 263.000 Euro eingenommen worden und über 1350 Unterstützer glauben an den digitalen, smarten Beifahrer.

Digitaler Beifahrer: Eine Art Fernsteuerung fürs Smartphone – und mehr

Aber was ist ein digitaler Beifahrer? Im Grunde eine Verlängerung und Fernsteuerung fürs Smartphone, ausgestattet mit eigener künstlicher Intelligenz, die sowohl Spracherkennung wie auch die Bedienung mit einfachen Wischgesten in der Luft möglich macht– und sogar den Fahrer auf den Arm nehmen kann. Die Informationen werden auf einem runden Display mit 2,1 Zoll Größe angezeigt und eben auch per Sprachausgabe mitgeteilt. Dabei soll Chris in der Lage sein, den Fahrer sozusagen pro-aktiv zu informieren, er wartet nicht auf eine Frage, sondern lernt und passt sich dann entsprechend an. Wenn Chris beispielsweise verstanden hat, dass der Fahrer morgens um 8 Uhr an einem Wochentag normalerweise unterwegs ins Büro ist, dann warnt er selbsttätig vor neuen Staus und anderen Hindernissen auf der üblichen ebenfalls gelernten Strecke. Natürlich kann das smarte Gerät dann auch Alternativen vorschlagen.

 Chris wird mit Saugnapf und Ladekabel ausgeliefert. fullscreen
Chris wird mit Saugnapf und Ladekabel ausgeliefert. (©German Autolabs 2017)

Die entsprechenden Informationen holt sich der Assistent, der ähnlich wie ein Navi per Saugnapf an die Windschutzscheibe geheftet wird, übers Smartphone aus dem Internet. Mit dem ist er, wie auch mit dem Autoradio, per Bluetooth verbunden. Sollte es sich um ein älteres Modell handeln, kann Chris seine Signale auch per UKW-Funk ans Radio senden. Wie gut die Qualität hier ist, muss man allerdings sehen. Und auch wie sich Chris per UKW in das Autoradio integriert, ob man beispielsweise noch normal Radio hören kann. Sollte alles schief gehen, hat Chris aber auch einen eigenen Lautsprecher eingebaut, sodass die Kommunikation mit dem Fahrer zur Not auch ganz ohne Radio klappt. Und Internet braucht das Gerät für viele Funktionen auch nicht zwingend, versprechen die Hersteller.

 Blick in das Innenleben des digitalen Beifahrers. fullscreen
Blick in das Innenleben des digitalen Beifahrers. (©German Autolabs 2017)

Texten, Telefonieren, Musik abspielen und Navigation – Chris kann's

Und was kann Chris nun alles? Eine Menge, dazu gehören vor allem wichtige Kernfunktionen eines Smartphones, die man aber am Steuer normalerweise nicht manuell verwenden darf, weil das in Deutschland größtenteils illegal ist:

  • Verfassen von Textnachrichten beim Fahren
  • Telefonieren
  • Musik abspielen
  • zu Zielen navigieren

Das alles soll vor allem mit einer Koppel-App ermöglicht werden, die es für Android und iOS geben wird.

Dank der Zulassung für den Einsatz in allen Autos kann Chris hier, wie ich finde, eine wichtige Lücke schließen. Wer wie ich jeden Tag Auto fährt, hat sich schon oft eine verlässliche Bedienung etwa von WhatsApp hinterm Steuer gewünscht. Chris soll das können, sichern die Erfinder aus Berlin zu.

Sobald etwa eine neue Nachricht per WhatsApp eintrudelt, gibt Chris ein Zeichen – und das gilt auch für Botschaften per Facebook Messenger, SMS oder sogar Mail. Das Gerät liest diese Nachricht dann vor und der Fahrer ist in der Lage, eine Antwort zu senden oder auch einen neuen Chat zu starten – alles ohne das Smartphone auch nur ein einziges Mal in die Hand zu nehmen. Eine SMS kann dabei nur auf Android gesendet werden, ansonsten sind die Funktionen aber auch in iOS verfügbar.

Telefonieren beim Fahren: Beliebig viele Kontakte

Wer beim Fahren telefonieren will, soll es ähnlich komfortabel haben: Chris hat eine eingebaute Freisprechanlage und lässt sich sowohl per Sprache wie auch per Geste steuern. Hochwertige Mikrofone sollen beste Audioqualität garantieren – sonst bei Freisprechanlagen oft ein Manko. In einem Adressbuch lassen sich beliebig viele Kontakte speichern, bei denen man einfach den Namen sagt oder per Wischgeste durch die Liste navigiert.

Natürlich klappt das alles auch mit Musik, egal ob diese nun lokal vom Smartphone kommt oder über Spotify oder andere Anbieter wie Apple Music, Juke oder Google Play Music gestreamt wird. Playlisten und Bibliotheken sind verfügbar, auch hier ist die Wischgesten-Steuerung möglich.

Navigation funktioniert auch ohne Internetverbindung

Komplettiert wird das Funktionen-Paket durch die Navigation. Ungewohnt könnte hier für manche Fahrer die sehr reduzierte Routen-Information auf dem im Gegensatz zu normalen Navi-Displays eher kleinen Bildschirm von Chris sein. Die Chris-Erfinder sagen aber, dass man sich an die reduzierte Information schnell gewöhnt und die größere Karte nicht vermisst. Chris kennt Sonderziele wie Tankstellen, Parkplätze und Restaurants und hält den Fahrer mit Echtzeit-Updates über die Verkehrslage auf dem Laufenden. Und das alles soll auch offline funktionieren, es wird also keine Internetverbindung benötigt.

 Chris lässt sich einfach per Geste steuern, fullscreen
Chris lässt sich einfach per Geste steuern, (©German Autolabs 2017)

Ich muss sagen, Chris hört sich genial an: Herkömmliche Navis sind langsam out, mit dem Smartphone will man aber auch am Steuer gelegentlich nicht nur navigieren, sondern auch telefonieren und vor allem texten. Das ist aber in Deutschland verboten, wenn man das Gerät dazu in die Hand nehmen muss. Chris schließt hier eine Lücke für alle diejenigen Autofahrer, die sich in den nächsten paar Jahren kein neues Fahrzeug kaufen, das etwa schon ab Werk Android Auto oder ein anderes smartes System eingebaut hat. Momentan kann man Chris noch für 179 Euro plus 7 Euro Versandkosten bekommen, also unterm Strich für 186 Euro – ich habe schon für manches reine Navi mehr ausgegeben. Das hatte dann zwar auch allerlei Zusatzfunktionen wie eine Freisprechanlage, aber die Qualität war so schlecht, dass es in dieser Hinsicht unbenutzbar war. Ist die Qualität bei Chris so, wie die Hersteller versprechen, dann kommt da ein hochspannendes und ziemlich überzeugendes Gadget aus Berlin für Autofahrer auf den Markt.

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