Kolumne

TURN ON Innovation: Mindset – Kopfhörer kann Gedanken lesen

Mindset-Kopfhörer bei Kickstarter
Mindset-Kopfhörer bei Kickstarter (©Mindset 2017)

Ein Kopfhörer, der Gedanken lesen kann? Das hört sich schwer nach Fake News an – ist es aber nicht. Auf Kickstarter wird jetzt – sehr erfolgreich – nach Geldgebern gesucht, die einen Kopfhörer finanzieren wollen, der quasi die Gedanken des Trägers liest und diesen zu mehr Konzentration ermuntern kann.

Die Idee ist cool und etwas gruselig zugleich: Mit dem Kickstarter-Projekt Mindset bekommt man nicht nur einen laut Hersteller qualitativ hochwertigen Kopfhörer, das Gerät zeichnet gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf und warnt akustisch, wenn der Träger abgelenkt ist und nicht mehr auf seine eigentliche Aufgabe konzentriert und fokussiert. Durch die verbesserte Konzentration soll auch die Arbeitsleistung deutlich gesteigert werden können. Das ideale Gerät für Großraumbüros also.

Mindset trainiert die Konzentration mit der Zeit

Die Hersteller versprechen, dass mit der Zeit sogar ein Trainingseffekt einsetzt, der es dem Besitzer von Mindset erlaubt, sich besser auch ohne akustisches Anstupsen zu konzentrieren. Die Technologie wird auch verwendet, um die Aufmerksamkeitsstörung ADHS zu behandeln, Eiskunstläufer trainieren damit für Olympia und NASA-Astronauten für den Weltraum. Und jetzt ist die Technik bei Kickstarter gelandet und für jedermann verfügbar. Wie gesagt: cool und gruselig zugleich.

Dazu kommt, dass störende Geräusche aktiv herausgefiltert werden. Mindset lauscht den Umgebungsgeräuschen und soll laut den Erfindern diejenigen herausfiltern, die störend wirken, sodass den Träger nicht anderes umgibt  als Stille. "Ursprüngliche Stille", wie die Hersteller in der Beschreibung des Geräts versprechen.

Sensoren im Bügel zeichnen Gehirnströme auf

Unter anderem mit drei Sensoren, die im Kopfhörerbügel stecken, "versteht" Mindset nach und nach wann der Träger abgelenkt ist und kann in Aktion treten. Insgesamt ist der Bügel so gestaltet, dass man praktisch kein Gewicht spüren und durch Mindset keinen schweren Kopf bekommen soll. Das Gerät ist ansonsten kabellos und wird einfach per Bluetooth mit dem Computer oder dem Smartphone verbunden. Die Akkus haben eine Kapazität von 800 mAh, was für acht Stunden ununterbrochenen Musikgenuss ausreichend sein soll. Und wenn der Akku leer ist, kann man die Kopfhörer auch per Kabel mit dem Gerät verbinden – sofern es einen Kopfhöreranschluss gibt.

 Mit diesen Sensoren werden die Gehirnströme gemessen. fullscreen
Mit diesen Sensoren werden die Gehirnströme gemessen. (©Mindset 2017)

Damit es nicht nur "mental" und in Sachen Energieversorgung stimmt, sondern sich auch die Akustik hören lassen kann, haben die Mindset-Erfinder den Kopfhörer-Spezialisten Onkyo ins Boot geholt, der für den "klaren und kompromisslosen Sound" sorgen soll. Die "Treiber", also die eigentlichen Klangerzeuger, sind also von den Onkyo-Ingenieuren mitentwickelt worden. Durch spezielle Scharniere an den Hörmuscheln soll sichergestellt werden, dass diese sanft und präzise am Kopf sitzen. Kopfschmerzen wegen ungleichen Drucks sollen nicht vorkommen. Durch einen Mikrofaser-Bezug, der statt echtem Leder verwendet wird, sollen auch die bei geschlossenen Kopfhörern üblichen Hitzestauungen entfallen.

Einzelne Gedanken nein, Stimmungen ja

Um die Technik zu verstehen, mit der Mindset die Gedanken seines Trägers "lesen" kann, muss man etwas tiefer in die Materie einsteigen. Das Gerät kann natürlich nicht wirklich einzelne Gedanken erkennen. Es soll aber in der Lage sein, Stimmungen lesen zu können. Das funktioniert ähnlich wie bei einem Scan der elektrischen Ströme im Gehirn, der Elektroenzephalografie (EEG).  Diese Technik wird seit über 50 Jahren in der Medizin verwendet.

Die insgesamt fünf Mindset-EEG-Sensoren registrieren die elektrischen Ströme im Gehirn des Trägers, womit ein ziemlich guter Einblick in dessen momentane Stimmung möglich ist. Durch eine computergesteuerte Verarbeitung der elektrischen Signale können Gefühle, Angstzustände, die Konzentration und vieles mehr gut erkannt werden. Die Macher sagen: Mindset ist das erste frei verfügbare Gerät weltweit, mit dem eine Beeinflussung der Konzentration möglich sein soll.

 Wenn der Träger abgelenkt ist, ändert sich das Hirnstrommuster. fullscreen
Wenn der Träger abgelenkt ist, ändert sich das Hirnstrommuster. (©Mindset 2017)

Mindset ist lernfähig und kann EEG-Muster erkennen

Damit das auch wirklich funktioniert, ist das Gerät lernfähig und muss auf den Träger und seine mentalen Ströme angepasst werden. Mindset lernt die Muster in den EEG-Signalen zu erkennen, die für eine besonders tiefe und fokussierte konzentrierte Stimmung stehen. Es misst dabei den Konzentrationslevel ständig in Echtzeit und zeichnet die Wechsel darin den Tag über auf.

Der Träger kann mit Mindset Phasen höchster Konzentration vorplanen, um sich möglichst stark in sein Thema vertiefen zu können. Sobald man abgelenkt ist, kommt vom Kopfhörer eine akustische Warnung  – und man kann sich wieder der Aufgabe zuwenden. So schafft man seine To-Do-Liste locker. Und die Kurve des Konzentrationslevels am Arbeitstag ist wie ein Fingerabdruck – einzigartig und individuell von Mensch zu Mensch verschieden. Je besser Mindset diese Kurve lernt und versteht, umso besser soll das Gerät arbeiten können. Und es geht sogar noch weiter: Der Kopfhörer erteilt seinem Träger auch Ratschläge, welche Tätigkeit für welche Konzentrationsphase ideal ist. Sinkt die Aufmerksamkeit, kann es beispielsweise die ideale Zeit sein, die Mails zu checken.

 In Mindset steckt viel Entwicklungsarbeit. fullscreen
In Mindset steckt viel Entwicklungsarbeit. (©Mindset 2017)

Neurofeedback: Chefs, Sportler und das Militär setzen es ein

Diese Neurofeedback genannte Technologie ist durchaus weit verbreitet. Manager, Leistungssportler und das Militär trainieren damit, um das volle Leistungspotenzial ausschöpfen zu können. Und das ist es auch, was das spannende Gerät für mich gleichzeitig gruselig werden lässt. Wissenschaftler sagen, dass Neurofeedback effektiver ist als das Konzentrationsmedikament Ritalin, das es nur auf Rezept gibt, das starke Nebenwirkungen hat und das in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.

Ich muss zugeben: Ich bin sehr neugierig auf den futuristischen Kopfhörer, wie bis jetzt fast 1500 Unterstützer auf Kickstarter ebenfalls. Bislang sind über 350.000 US-Dollar eingesammelt worden, das Finanzierungsziel von 100.000 Dollar haben die Macher aus dem kanadischen Montreal damit locker genommen. Noch sind es 26 Tage bis zum Ende der Finanzierungsaktion und die günstigsten Prämien sind natürlich alle weg. Momentan kann man noch für 229 Dollar einsteigen, mit Versand sind es dann 259 Dollar, sodass inklusive Zoll und Steuern am Ende an die 300 Euro auf der Rechnung stehen könnten. Auch weil ich mir unsicher bin, ob ich mich per Neurofeedback zu mehr Leistung antreiben lassen will und weil es mir doch etwas zu teuer ist, steige ich diesmal nicht ein. Schweren Herzens, zugegeben.

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