Kolumne

TURN ON Innovation: Mini-Motor macht aus jedem Rad ein E-Bike

E-Bike Motor go-e
E-Bike Motor go-e (©Frank Fox 2015)

E-Bikes sind schwer und teuer und eher was für den Freizeitradler. Jetzt haben Erfinder aus Österreich aber einen kleinen Zusatzmotor entwickelt, mit dem sich ein elektrischer Hilfsantrieb an jedem Fahrrad kinderleicht nachrüsten lässt. Dafür laufen derzeit sogar zwei verschiedene Finanzierungsprojekte – eines auf Kickstarter, das andere auf Indiegogo.

Ein einfacher Elektromotor, den man in Sekunden am eigenen Fahrrad anbauen kann und der mich beim Radeln bei Bedarf unterstützt – die Idee finde ich megaspannend. Viele andere Radfahrer anscheinend auch, denn die beiden Projekte, die derzeit auf Kickstarter und Indiegogo laufen, haben viele Unterstützer und sind schon finanziert. Wobei das Indiegogo-Projekt "add-e" – hier das Projektvideo – bereits vor vier Monaten gestartet wurde und nach Ablauf der Frist einen gigantischen Finanzierungserfolg von 250 Prozent über dem Ziel erreichen konnte. Insgesamt kamen über 350.000 Euro zusammen. Die add-e-Motoren, von denen es zwei Versionen gibt, gehen jetzt bald in Produktion. Aktuell kommen gerade die nötigen Einzelteile bei Erfinder Fabian Gutbrod und seinem Team an, berichtet er auf seiner Facebook-Seite.

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Der E-Bike Motor add-e ist in Sekundenschnelle an- und abgebaut. (©add-e 2015)

Wird es Streit zwischen den Herstellern der Mini-Motoren geben?

Und warum dann ein zweites, sehr, sehr ähnliches Projekt – und ebenfalls aus Österreich? Auch "go-e ONwheel" ist ein kleiner, aber leistungsstarker Elektromotor, den ich am Fahrrad befestige und der mir zusätzliche Tretkraft verleiht. Der Erfinder Frank Fox wollte ursprünglich den Zusatzmotor von "add-e" erwerben: "Ich hatte die Absicht, einen add-e-Motor für mich kaufen, aber die Webseite der Firma sah inaktiv aus und monatelang passierte gar nichts – so startete ich meine eigene Entwicklung. Als add-e dann auf Indiegogo seine Finanzierung startete, war ich total geschockt. Wir haben uns aber entschlossen, unsere Einwicklung fortzusetzen, weil wir zu diesem Zeitpunkt schon so viel Geld reingesteckt hatten." Als ursprünglicher Erfinder wäre ich davon nicht begeistert, dass jemand meine Idee auch noch billiger nachbaut – warum auch immer. Aber ob sich ein Streit beispielsweise vor Gericht lohnt ...?

E-Bike Motor add-e fullscreen
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Obwohl die Nachbau-Entwickler das behaupten, gibt's meines Erachtens nicht besonders große Unterschiede zwischen den Motoren – außer natürlich dem Preis. Auch weil das Indiegogo-Projekt schon beendet ist, bekommt man derzeit davon keine verbilligten Versionen mehr, sondern muss nun für das große Modell mit 600 Watt und maximal 45 Stundenkilometern Tempo stolze 1.100 Euro berappen. Das ist der normale Preis, den auch die Webseite nennt, wenn man direkt dort bestellt.

Die Kickstarter-Kopie des E-Bike-Antriebs mit ähnlichen Leistungsdaten von 800 Watt und ebenfalls maximal 45 Kilometern Höchstgeschwindigkeit dagegen kann man derzeit noch für knapp die Hälfte bekommen: 499 Euro werden hier aufgerufen, allerdings ist der Hilfsmotor – die erfolgreiche Finanzierung vorausgesetzt – erst im Oktober lieferbar. Ob es Qualitätsunterschiede gibt, dazu kann man derzeit schwer etwas wirklich Verlässliches sagen.

Fahrrad oder Kleinkraftrad? Das sagt das Verkehrsrecht

Ein großer Unterschied der beiden Mini-Motoren besteht allerdings in verkehrsrechtlicher Hinsicht. In Deutschland etwa gelten nur solche E-Bikes noch als Fahrrad, die Motoren mit maximal 250 Watt besitzen und nicht schneller als 25 Stundenkilometer sind. Während die Indiegogo-Erfinder ein Extra-Modell gebaut haben, das diesen Vorgaben entspricht, wollen die Kickstarter-Tüftler dieses Problem mit vom Fahrer einstellbaren Leistungsstufen umgehen. Ob diese Lösung aber – da die Einstellungen ja schnell zu ändern sind – bei einer Polizeikontrolle Bestand hat, muss man abwarten.

E-Bikes, die schneller als 25 Kilometer fahren und mehr Leistung haben, gelten nämlich als Kleinkrafträder mit geringer Leistung und benötigen daher ein Versicherungskennzeichen. Zudem besteht Helmpflicht. Auch was die Benutzung von Radwegen und den Kindertransport betrifft, gibt's weitere rechtliche Unterschiede.

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Die add-e-Produktion ist angelaufen: Die Akkus stehen schon bereit. (©add-e 2015)

Die Unterstützer des Kickstarter-Projekts sind teils irritiert, dass es zwei sehr ähnliche Motoren gibt, was in den Kommentaren deutlich wird. Die Nachbau-Erfinder versuchen jetzt zu versichern, dass ihr Motor keine schlechte Kopie vom "add-e" darstellt. Das Gerät sei aus Aluminium und damit sehr stabil und außerdem wasserdicht – was ich bei einem Elektromotor, den ich mir unters Rad schraube, allerdings auch erwarte.

Der Akku hat die Form einer Trinkflasche und wird auch an den Gewinden des Flaschenhalters angebracht. Wer an seinem Fahrrad keine eingelöteten Schraubgewinde hat, kann die Batterie natürlich auch mit Schellen befestigen. Der Motor selber wird unter dem Tretlager mit einer Zusatzvorrichtung festgeschraubt und lässt sich bei Bedarf mit einem Handgriff entfernen – ebenso wie auch der Akku. Eine sehr effektive Diebstahlsicherung. Die Kickstarter-Methode der Befestigung macht auf mich allerdings einen etwas simpleren und durchdachteren Eindruck, denn sie funktioniert im Grunde wie der Anbau eines Fahrradständers.

Hilfstriebwerk nur beim Treten aktiv

Das kleine Hilfstriebwerk wird immer nur dann aktiv, wenn ich in die Pedale trete: Dann klappt der Motor automatisch runter, die breite Antriebsrolle wird gegen das hintere Laufrad gepresst und der Elektromotor startet. Dieser Vorgang dauert nur etwa ein, zwei Sekunden. Dieser Anpressdruck ist so stark, dass die Methode selbst unter Wasser noch hundertprozentig funktionieren soll, versichern die Erfinder. Also dürfte auch mit klatschnassen Reifen noch die volle Zusatzkraft zur Verfügung stehen.

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Gesteuert wird das Gerät per App – einstweilen nur für Android verfügbar – und Bluetooth. Hier stelle ich die Leistung ein, kann die Geschwindigkeit und den Ladestand der Batterie ablesen. Angezeigt wird auch die geschätzte Strecke, für die noch Saft im Akku ist. Die Unterstützungslevel lassen sich über Schalter am Lenker wählen und die Leistungslevel per App, wodurch man das Fahrrad – wenigstens in rechtlicher Hinsicht – in Sekundenschnelle in ein Mofa verwandelt hat. Praktisch: Man kann sein Smartphone per USB am Akku aufladen und somit relativ bedenkenlos als Navi verwenden.

Akku des E-Bike-Motors hält etwa 50 Kilometer durch

Eine Akkuladung reicht im Durchschnitt für etwa 50 Kilometer Strecke – was aber sehr stark von der Nutzung abhängig ist. Er soll bei der Indiegogo-Version mindestens 500 Zyklen packen, während die Kickstarter-Variante sogar 1000 Zyklen schaffen kann. In der Realität dürften diese Werte aber höher liegen. Die Ladezeit beträgt jeweils etwa eine Stunde. Genial fände ich übrigens, wenn man den Akku beim Bergabfahren gleich wieder aufladen könnte...

Die Idee ist faszinierend, der Preis zumindest in der Kickstarter-Ausführung extrem attraktiv. Ob es zwischen beiden Projekten noch zum Streit kommt und wie die verkehrsrechtliche Bewertung dieser neuartigen Zusatzgeräte ausfällt, muss die Zukunft zeigen. Nach der ersten spontanen Begeisterung für die Idee und die Ausführung denke ich mittlerweile, dass man gerade in Deutschland mit den gelegentlich pingeligen Beamten der Verkehrspolizei, den zahlungsunwilligen Versicherungen und den stellenweise technologisch überforderten Gerichten mit einigen Unsicherheiten rechnen sollte.

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