Kolumne

TURN ON Innovation: Mini-PC Lattepanda mit Windows 10 im Test

Der Lattepanda ist ein Mini-PC, der bei Kickstarter finanziert wurde.
Der Lattepanda ist ein Mini-PC, der bei Kickstarter finanziert wurde. (©TURN ON 2016)

Kleinstcomputer sind absolut im Kommen. Ob nun als HDMI-Stick von Amazon oder die Bastelvariante Raspberry Pi. Und mit dem Remix Mini gibt's sogar ein Rechnerchen mit Android. Windows-Fans konnten auf Kickstarter den Lattepanda unterstützen. Wir haben das kleine Gerät mitfinanziert und konnten es jetzt testen.

Dass ich ein Fan von Mini-Rechnern bin, steht schon lange fest. Ich habe einen Raspberry Pi – auf dem Kodi läuft – als Home Theater PC (HTPC) im Einsatz gehabt, dann den tollen Remix Mini von Kickstarter. Als ich bei der Finanzierungs-Plattform vor ein paar Monaten über das Projekt Lattepanda gestolpert bin, konnte ich nicht widerstehen und habe die Variante mit 2 GB Arbeitsspeicher mitfinanziert.

Lattepanda: Bei Kickstarter über 440.000 Pfund gesammelt

Das Projekt Lattepanda war übrigens bei Kickstarter überaus erfolgreich: Die Macher wollten 100.000 britische Pfund einsammeln und haben insgesamt 442.735 Pfund für die Realisierung des Projektes überwiesen bekommen. Ich war unter den ersten Geldgebern dabei (Nummer 112) und habe 45 Pfund – um gerechnet knapp 58 Euro – plus Versandkosten von etwa 17 Euro bezahlt. Da trotz des Absenders aus Hongkong der Zoll mit der aufgeklebten Erklärung zufrieden war – ganz im Gegensatz zum Remix Mini übrigens, wo ich 20 Euro nachzahlen musste – hat mich der Mini-PC insgesamt erstmal 75 Euro gekostet. Übrigens inklusive einer vorinstallierten Windows 10 Home Edition-Version. Das ist ein fairer Preis, finde ich.

Bevor ich das Gerät allerdings in Betrieb nehmen konnte, musste ich mir erst die passende Stromquelle besorgen. Denn der Lattepanda-Rechner erfordert ein Netzteil mit 2.000 mA, und die normalen Smartphone-Trafos haben nur 1.000 mA oder weniger. Davon habe ich zwar jede Menge in meiner Bastelkiste, aber das reicht zum Betrieb des kleinen Rechners nicht aus. Maus und Tastatur jeweils mit USB-Anschluss braucht man außerdem, sodass am Ende knapp 100 Euro auf der Rechnung stehen.

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Das Innenleben des Lattepanda: In der Mitte ist der kombinierte Prozessor plus Speicher. (©TURN ON 2016)

Für Bastler steckt ein Arduino-Prozessor drin

Ausgestattet ist die kleine Rechenkiste mit einem Intel Cherry Trail Atom Vierkernprozessor mit 1,84 GHz plus einer integrierten Grafikeinheit mit einem 500-MHz-Grafikchip. Es gibt zwei verschiedene Versionen der Rechenplatine, mit zwei oder vier GB Arbeitsspeicher und mit 32 oder 64 GB internem Speicher – die sich natürlich preislich unterscheiden. Interessant für Bastler und Programmierer ist die Arduino-Schnittstelle inklusive Arduino-Koprozessor, mit der sich etwa Hausautomatisierungs-Lösungen steuern lassen. Bislang war vor allem das eine Stärke von Linux-Rechnern, der Lattepanda ist einer der ersten entsprechend ausgerüsteten Mini-PCs mit Windows 10. Mit weiteren Anschlüssen ist die Platine reichlich gesegnet. Es gibt einen Netzwerk-Port, drei USB-Anschlüsse, einer davon USB 3.0. Das Bild kommt per HDMI auf einen geeigneten Monitor, zusätzlich gibt's eine Schnittstelle, an der sich Smartphone-Displays anschließen lassen. Es gibt einen Steckplatz für eine microSD-Karte, der Ton kommt aus der 3,5-Zoll-Klinkenbuchse. Intern hat der Lattepanda noch WLAN und Bluetooth, während der Strom per Micro-USB angeliefert wird.

Lattepanda Kickstarter fullscreen
Lattepanda Kickstarter fullscreen
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Und was kann das kleine Windows 10-Maschinchen nun? Aufschluss über die Leistungsfähigkeit von Minirechnern gibt uns immer erstmal ein Test, wie sie mit Videos umgehen können, die mit dem H.264-Codec komprimiert sind. Dieses Komprimierungs-Verfahren für Filme ist ebenso populär wie verbreitet und immer ein guter Hinweis auf die Leistungsfähigkeit der Grafikeinheit. Laut Hersteller soll der Lattepanda ja sogar Filme mit dem neueren und besseren H.265-Codec ruckelfrei darstellen können – warum also nicht auch H.264? Im Praxistest allerdings fiel das Gerät dann aber überraschend teilweise durch.

An eine ruckelfreie Darstellung  per Netzwerk war nicht zu denken, die Filme waren absolut unsehbar. Kam der Film vom lokalen Speicher, wurde es plötzlich besser, jedenfalls mit dem Windows-Player. Mit dem beliebten Abspielprogramm VLC ruckelte es nach wie vor extrem stark, allerdings nur mit der normalen Windows-Version. Die optimierte Windows 10-App hingegen spielte dann wieder ruckelfrei ab. Nur ältere Streifen, die etwa mit DivX komprimiert sind, aber eben nicht in HD oder gar 4K auflösen, konnte der Lattepanda auf Anhieb gut darstellen. Eigentlich sollte die Hardware die hochauflösende Videodarstellung beherrschen. Die Vermutung liegt nahe, dass Windows 10 so viele Ressourcen beansprucht, dass für die Filme teilweise nicht genug Rechenpower übrig bleibt – jedenfalls wenn diese von einer Netzwerkressource kommen.

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Elektronik auf engstem Raum. (©TURN ON 2016)

Windows 10 ist kostenlos und aktiviert

Nach dieser ersten Ernüchterung muss man aber jetzt wirklich eine Lanze für den Lattepanda brechen: Das vorinstallierte Windows 10 ließ sich nach kurzer Zeit und dem Download eines Sprachpaketes überreden, Deutsch zu sprechen. Bei dem Betriebssystem handelt es sich um die Home-Edition in 32 Bit, also die "kleinste" der verfügbaren Varianten – und die Version kann natürlich beim ersten Start problemlos aktiviert werden. Mit Programmen wie Photoshop C2 oder dem Office-Paket kommt das Rechnerchen ebenso ausreichend schnell klar wie etwa mit Webbrowsern und diversen Apps. Der Prozessortyp steckt auch in manchen Tablets und liefert in Zusammenarbeit mit dem Speicher insgesamt eine durchaus vernünftige Leistung ab.  Man hat kein Turbo-Windows, aber für knapp unter 100 Euro einen kompletten nagelneuen Windows-Rechner für die Hosentasche.

Lattepanda Kickstarter fullscreen
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Und sonst? Die Wärmeentwicklung hält sich in Grenzen, es besteht keine Gefahr, dass ein Gehäuse abfackelt und man benötigt auch keinen zusätzlichen Kühlkörper. Weil das Gerät keinen Lüfter und keine anderen beweglichen Teile hat, macht es keine hörbaren Geräusche. Daher ist auch die Stromaufnahme entsprechend geringer als bei sonstigen größeren Windows-PCs. Geht man von der Maximalleistung der Stromversorgung aus, kann man mit einem Verbrauch von 5 bis 7 Kilowattstunden pro Monat rechnen, wenn die Kiste im Dauerbetrieb läuft.

Mit dabei: Ein echt stylishes Gehäuse aus Holz

Mitgeliefert wurde übrigens ein Sperrholzgehäuse zum Zusammenbauen. Dies war die kostenlose Zugabe fürs Erreichen der 160.000-Pfund-Marke. Und das Gehäuse ist wirklich der Hammer: zwei dünne Holzbrettchen, kaum dicker als eine Postkarte, in denen die einzelnen Teile per Lasercutter vorgestanzt waren. Weil die Teile absolut exakt zusammenpassten, gestaltete sich der zuerst kompliziert wirkende Zusammenbau dann am Ende doch kinderleicht. Das Gehäuse sieht extrem stylish aus, sehr retro und auch ziemlich Öko – insgesamt in meinen Augen jedenfalls cool.

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