Kolumne

TURN ON Talk: Das Zwei-Klassen-Netz existiert schon!

Jens meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort.
Jens meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort. (©TURN ON 2015)

Während wir uns über die Vorratsdatenspeicherung und ein mögliches Zwei-Klassen-Internet aufregen, herrscht schon von Anfang an eine extreme Beschneidung unserer digitalen Möglichkeiten: die mobile Datendrosselung.

Wenn am Ende des Datenvolumens noch so viel Monat übrig ist. "Achtung, sie haben 80% Ihres Datenvolumens erreicht", wird man gewarnt. Für ein paar Euro darf dann das Inklusivvolumen angehoben werden, ihr habt dann wieder 200, 500, 1 GB oder sogar mehr zur Verfügung. Natürlich dürft ihr dieses Datenvolumen nicht mit in den nächsten Monat nehmen, es verpufft am Monatsende. Dafür habt ihr ja dann wieder euren gewohnten Tarif zur Verfügung. Ach, und wenn es mal zu einem Fauxpas (zum Beispiel ein paar HD-Videos auf Facebook oder Massen an "lustigen Tierbabys"-Videos per WhatsApp) kommt, dann ist der Monat auch gern mal am 17. schon wieder rum.

Die mobile Datendrosselung beschneidet die Nutzung unserer Mobilfunkgeräte massiv und das zu unverständlichen Teilen. Warum drosseln wir denn? Diese Frage ist eigentlich ganz einfach: Würden wir alle ohne Drosselung leben, könnte jeder das Netz so massiv nutzen, dass am Ende niemand mehr ordentlich surfen kann. Oder? Vielleicht ist die Drosselung da, damit Mobilfunkbetreiber die Netze weiter ausbauen können?! Erinnert ihr euch noch an den Milliarden-Deal der UMTS-Frequenzen? Das Geld muss auch erst einmal wieder eingespielt werden.

Durchschnittlicher Datenverbrauch liegt bei 377 MB

Jahrelang war die SMS das Zugpferd unter den Einnahmequellen, da sie wenig Aufwand benötigte aber sehr(!) viel Geld einbrachte. Mittlerweile braucht man eine alternative Einnahmequelle, denn alles wird mit einer Flat abgedeckt. Alle SMS inklusive! Alle Telefonate inklusive! Alle Internetdaten inklusive… also bis du 1 GB aufgebraucht hast, dann ist aber auch gut! Aber warum rege ich mich eigentlich auf? Laut Statista verwenden wir in Deutschland im Durchschnitt nur 377 MB im Monat. Wozu also 5, 10 oder 30 GB mobiles Datenvolumen?

Habt ihr schon mal versucht mobil aktiv zu sein, wenn ihr gedrosselt wart? Konntet ihr nur einen Dienst ordnungsgemäß verwenden? Ich nicht. Twitter war schon eine Herausforderung, Instagram lädt im Stream erst einmal die Werbung, bevor es zu den eigentlichen Inhalten (den Bildern) kommt, bei WhatsApp kann man zumindest Textpassagen und Smileys verschicken, aber dann könnte ich ja auch SMS schreiben.

Wo kommt das zusätzliche Datenvolumen her?

Am Ende bleibt die Frage offen, warum man plötzlich für mehr Geld auch mehr Datenvolumen zur Verfügung hat. Wo kommt dieses Volumen her? Wer muss dafür am Ende einstecken? Wenn wir nur ein begrenztes Volumen für alle Teilnehmer zur Verfügung haben, wo kommt denn das Volumen für die Personen her, die mehr Geld zahlen?

Es gibt Anbieter auf dem Markt, die sogar auf 16kbit/s drosseln. Das ist UNTER Modem-Niveau der 90er. Selbst 32kbit/s sind unerträglich langsam, mit 64kbit/s (ausgewählte Anbieter) lässt es sich halbwegs aushalten und bei Facebook zu surfen, ausreichend Geduld vorausgesetzt. Hier muss meines Erachtens nach die Bundesnetzagentur aktiv werden und unbenutzbare Drosselung verhindern! Ein Mobilfunkvertrag, der im Jahre 2015 erstens nicht ausreichend Datenvolumen anbietet und zweitens dann auch noch unter 1.024 kbit/s drosselt, bremst unsere Wirtschaft aus.

Da brauchen wir uns über ein mögliches Zwei-Klassen-Netz gar nicht erst aufregen – es existiert schon!

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