Kolumne

TURN ON Talk: Der digitale Gesundheitswahnsinn

Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort.
Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort. (©TURN ON 2015)

Im aktuellen TURN ON Talk mit Jens und meiner Wenigkeit haben wir uns die momentan aktuellsten digitalen Gesundheits- und Health Gadgets angeschaut, miteinander verglichen und unserem persönlichen Ärger Luft gemacht. Doch was meiner Meinung nach unterging: Was bedeuten solche Gadgets eigentlich für uns alle? Für unsere Gesellschaft? Und was machen die Apps eigentlich aus und mit uns?

Im Grunde kann man es gut mit einem Wort zusammenfassen: Gesundheitswahnsinn. Oder auch der ständige Drang etwas scheinbar Gutes für seinen Körper tun zu wollen. Nicht, weil ein weiser Arzt das sagt, sondern, weil für mein Smartphone oder meine Spielekonsole wieder eine neue App verfügbar ist, die noch hübscher und somit noch kompetenter ist beziehungsweise sein soll. Schließlich muss die Werbeindustrie mit Buzzwords wie "Soja", "vegan" oder auch "glutenfrei" recht haben. Steht ja schließlich auf der Verpackung.

Ja, so einfach machen wir es uns heutzutage ... denn hat es früher um die 1980er bis 1990er zur Do-It- Yourself-Hinternbewegung noch riesige Geräte mit teuren Werbegesichtern – wie Chuck Norris – benötigt, braucht man seit 2006/2007 nur noch ein Handy. MyFitnessPal hieß die aller erste Fitness-App, die damals tatsächlich schon so viel konnte, wie viele App-Kollegen heute, nur eben ohne Fitnessgadget-Zusatz, sondern nur mit ein paar Daten, Formeln und einer Bewegungserkennung.

Fun Fact: Übergeschwappt ist dieser Trend dann übrigens auch auf Spielekonsolen. 2007 war die Geburtsstunde der damals innovativen Wii und somit von Wii Fit, der am einfachsten auszutricksenden Bewegungsmechanik der Welt. Gut gemeint, aber schlecht umgesetzt, wurde aus jedem Schwabbelhintern ein Top-Athlet, indem man kräftig den Controller schüttelte, ohne sich sonst zu bewegen.

Bis heute hat sich im Spielekonsolensegment nicht viel getan, nur, dass man mithilfe von Kinect nun mit dem ganzen Körper durch sein Wohnzimmer hüpfen kann ... sofern es denn groß genug ist ... wobei genau genommen, viele setzen bei Virtual Reality auf den modernen Fettkiller schlechthin. Ich denke jedoch, dass vielleicht nur die HTC Vive dafür infrage käme, da man sich mit der bekanntermaßen tatsächlich bewegen muss. Doch ob das wirklich einem gesunden Ausgleich entspricht, wage ich noch zu bezweifeln.

Immer mehr Fitness-Apps fürs Smartphone

Die Fitnessindustrie für iPhone, Galaxy und Co. blüht: Jeder dritte Smartphone-Besitzer zwischen 25 und 54 Jahren nutzt regelmäßig Fitness-Apps. Das liegt nicht am coolen Zubehör, wie Pulsmesser und Co., sondern tatsächlich an den Apps selbst. Warum? Die Palette ist mittlerweile riesig: Apps zum Laufen, Muskeln aufbauen, Kalorienzählen, Apps zur Herz- und Gewichtskontrolle, zur täglichen Ernährungskontrolle, ja ganze Fitness-Foto-Communitys gibt es schon, in denen sich jeder mit seinem nicht vorhandenen oder gephotoshoppten Adoniskörper vor dem Spiegel fotografieren und online stellen kann.

Doch was macht die Apps so besonders gegenüber einfachen Schrittzählern? Nun, sie rechnen einen ganz individuellen Fitnessplan zusammen, der ab sofort den Alltag bestimmt. Damit das aber in Realität nicht so hart rüberkommt wie in der Theorie, geben sich Fitnessapps als "der beste Freund der Welt" aus. Sie präsentieren sich entweder als allwissender Arzt, durchtrainierter Fitnesscoach, professioneller Chefkoch oder bester Freund auf Erden. Dinge, die wir in der Realität meist schmerzlichst vermissen und die uns deswegen sofort in den Bann ziehen.

Die App - also der "Freund" beziehungsweise "Gesundheitsexperte" – erkundigt sich regelmäßig nach unserem Wohlbefinden, gibt gut gemeinte Ratschläge, empfiehlt stets neue Möglichkeiten das Bestmögliche aus sich herauszuholen und fasst am Ende des Tages peinlich genau zusammen, was wir richtig gemacht haben und was wir noch verbessern können. In etwa: Trink am Tag mehr Wasser, stehe zwischendurch mal auf, kein McDonalds vor dem Schlafengehen.

Doch ob das alles so richtig ist, was uns vorgeschlagen wird? Wer weiß das schon. Denn alle Infos basieren auf unglaublich einzigartigen, persönlichen Angaben wie Geschlecht, Größe und Gewicht. Der Rest ist aufgehübschter Durchschnitt aus irgendwelchen Studien oder Schätzungen. Wer also genau wissen möchte, was seinem Körper gut tut und wie man am besten seine vorhandenen Wehwehchen loswird, der sollte anstelle seines imaginären besten Freundes vielleicht doch lieber mal einen kleinen Jogging-Abstecher zum Arzt seines Vertrauens machen.

Alex und Jens sind nicht nur auf YouTube für TURN ON aktiv und testen dort die neuesten Produkte. Die beiden kommentieren hier wöchentlich auch schriftlich aktuelle Entwicklungen, Produkte oder Trends aus der Tech-Welt.

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