Kolumne

TURN ON Talk: Deutschland – ein Internet-Entwicklungsland

Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort.
Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort. (©TURN ON 2016)

Tjaja, Internet – oder wie der Experte sagen würde: "Netzabdeckung beziehungsweise Anschlussvielfalt in Deutschland". Genau. Die Schmalspur-Experten, die mir vorhin im Laden noch eine "Flat" verkaufen wollten, die mit 50 Euro im Monat konkurrenzlos geil sei.

Nur, für welches Jahrhundert das gilt, haben die mir dabei verschwiegen. Denn im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn sind wir nicht nur teuer, sondern auch im Jahre 2016 noch langsam und unzuverlässig. Doch wie kann das sein, wenn die Werbetrommeln der ganz Großen und jeder noch so kleine Billigverein mit den besten Netzen EVER werben? Ein Thema, das mich die letzten Tage – aufgrund meines Umzugs – persönlich sehr beschäftigt hat. Denn es ist nervig. Immer und immer wieder.

Es hat doch alles so unschuldig angefangen. Mit Beginn der 2000er Jahre erblickte die Mutter aller bekannten Datenübertragungsmethoden das Licht der Welt: GPRS. Ihr kennt diesen Begriff sicher eher als WAP. Es sollte nur wenige Jahre dauern. Denn ab 2006 wurden nach und nach auch Technologien wie EDGE, 3G oder auch LTE serienreif. Oder auch anders: schneller, noch schneller, richtig schnell.

"Ultraschnelles Internet" gibt es nur in der Werbung

Doch leider ist das blumige Gelaber um "ultraschnelles Internet" mehr Marketing als Realität. Wie mit dem Internet zu Hause, bekommt man auch beim mobilen Internetempfang nicht das, wofür man jeden Monat zahlt.

Ich habe es selbst erlebt: In meiner alten Wohnung war es mit größerem (technischen) Aufwand möglich, meinen Telekom-Hybrid-Anschluss (55 Mbit Down/12 Mbit Up, maximal mögliches 16 Mbit-DSL bereits einberechnet) für etwa 55 Euro im Monat mit einem langem LTE-Kabel (40 Euro) und riesiger LTE-Außenantenne (120 Euro), zwei Löchern im Fenster und in der Hauswand nach zwei Wochenenden endlich zuverlässig zu betreiben.

Fun Fact: jedoch erst, nachdem der Anschluss (drei Monate nach Bereitstellung) korrekt geschaltet wurde. Bis dahin war Surfen (trotz der umfangreichen Umbauten) nur mit halber Geschwindigkeit möglich. Die Antwort der Telekom damals: "Sie haben sicher alles falsch eingerichtet. Ziehen Sie noch mal alle Stecker ab, hier steht, dass alles in Ordnung ist." Es kam ein Techniker. Er stellte fest: Internet hätte bis dahin eigentlich ÜBERHAUPT NICHT funktionieren dürfen/können, da es diverse Verschaltungen im Schaltkasten gab (oder wie man diese grauen Dinger auch nennt). Doch dann, immerhin: stolze 4 bis 5 von 5 möglichen Empfangsbalken. Und das war mitten auf dem Land. Dorfleben deluxe! Die Netzabdeckung prophezeite hier eigentlich nur als absolutes, theoretisches Maximum 50 Mbit. Im Grunde war’s also Glück im Unglück.

Netzabdeckung: Versprechen und Realität

Meine neue Wohnung in der Nähe von Hamburg (2013er Neubau ohne Kabelanschluss) liegt hingegen – laut Netzabdeckung im Internet – in einem Gebiet mit bis zu 150 Mbit (und ebenfalls maximal 16 Mbit Festnetz-DSL). Also, gleiches Technik-Setup aufgebaut, und? Die Realität holte mich knallhart auf den Boden der Tatsachen zurück: Innerhalb der Wohnung funktioniert a) das Festnetz-DSL nicht zuverlässig (Schwankungen zwischen 7 und 14 Mbit) und b) herrscht praktisch kein LTE-Empfang. Kein Balken auf dem LTE-Router. Router quer durch die Wohnung, ans Fenster, aufs Klo. Nichts. Letzter Versuch: Terrasse. Und siehe da: Ein Balken. Einer. Egal wie hoch oder wohin gedreht. Entspricht (DSL eingerechnet) 18 – 21 Mbit down und 2 – 7 Mbit up. Wo sind die restlichen 130 Mbit? Entnervt twitterte ich an die Telekom. Zu deren Antwort am Ende mehr.

Und das liegt in der Regel nicht an der vermeintlichen Dummheit des Nutzers, sondern irgendwo zwischen Geiz, Gier und Lahmarschigkeit der Netzbetreiber beziehungsweise der Politik. Denn: Im Jahre 2000 gingen die Lizenzen der weiterhin wichtigen Übertragungsstandards für iPhone und Co. für zweistellige Milliardenbeträge über den Tisch, die natürlich weiterhin fleißig auf den Kunden abgewälzt werden müssen. Kein anderes Land im Universum hat derart viel Geld für die Möglichkeit Katzenvideos unterwegs zu gucken reingebuttert wie Deutschland.

Billig-Anbieter sind auch keine Alternative

Und was haben wir nun davon? Die teuersten Tarife, die man sich momentan ausdenken kann, tonnenweise Billig-Anbieter, welche die Netze der immer gleichen drei Anbieter mieten – und mit gefährlichen Datenautomatiken abzocken – und ein Gesamtnetz, dass vorn und hinten, auf dem Land und in der Stadt herumkrüppelt. Ja, richtig gehört, es gibt 50 Anbieter, aber nur drei Netze: Vodafone, Telekom und Telefonica. Und wer jetzt glaubt, unter den 50 müsste doch DAS ultimative Schnäppchen sein, der liegt falsch. Jeder muss sich am Ende an bestimmte Gebühren halten.

Aber gibt es denn gar keine Vorteile meines 40-Euro-Durchschnittsvertrages? Doch, gibt es. Zum Beispiel die Möglichkeit, ohne Zusatzkosten quer durch die Netze zu telefonieren, SMS zu verschicken oder ... ein neues Handy für lau beziehungsweise weniger zu bekommen ... ja richtig, da wo kein Geld mehr zu holen ist, ist alles kostenlos. Da wo man richtig Gold schaufeln kann, wird’s teuer. Bei der sogenannten Internet-Flat. 500 MB bis 1 GB Volumen pro Monat sind Durchschnitt und sind bei normaler Nutzung nach 2 Wochen aufgebraucht. Und dann? Gedrosselt. Wo ist meine Flat hin? Wenn ich nicht draufzahle, krieche ich mit menschenverachtender Langsamkeit durch den Bodensatz der Internetlobby, damit ich gezwungen bin, neues Volumen zu kaufen.

In der Bahn wird's auch nicht besser

Apropos kriechen: Die Leute, die sich gern mit teurer Vaseline in den Allerwertesten schmuggeln wollen, mit Sätzen wie: "Genieße die sechsstündige Bahnfahrt mit lustigen YouTube-Videos oder arbeite einfach mal in Ruhe" gehören weggesperrt. Schon mal versucht in der Bahn zu surfen? Wenn ich im Bahnhof stehe, geht das noch ganz gut, unterwegs ein Riesenflop. Egal ob mit dem eigenen Smartphone oder per WLAN an Bord. Beide greifen auf dasselbe Netz zu, das erstens nicht auf dem Land und zweitens nicht mit den Geschwindigkeiten funktioniert. Also, wofür zahle ich noch mal monatlich? Ach ja, um meinen Freunden beim Kaffeetrinken WhatsApp oder Facebook-Videos zeigen zu können.

Was heißt das also im Endeffekt? Nun: Große Kommunikations- beziehungsweise Mobilfunkanbieter rühren die Werbetrommel inzwischen so sehr, dass sie ihren Versprechungen aus TV oder Internet tatsächlich nicht mehr nachkommen können. Hauptsache die Zahlen am Ende des Quartals stimmen. Ob jedoch ein Anschluss oder ein Tarif auch tatsächlich funktioniert, ist dann erst einmal ein individuelles Problem oder ein "Einzelfall", wie man so schön sagt. So war es dann auch effektiv bei mir: Ich twitterte der Telekom (Telekom Hilft). Man muss schon sagen, deren Service ist schnell und bemüht, nur leider nicht hilfreich. Ich schilderte den Kollegen mein Problem, prompt bekam ich eine Antwort, doch keine Lösung. Sondern ein attraktives Angebot als Hybrid und als Mobilfunkkunde.

Die Utopie der Netzabdeckungskarte

Mehr Datenvolumen für unterwegs und mein Leben lang maximalen Hybrid-Speed (150 Mbit) ohne Aufpreis. Klar, mehr Datenvolumen am Handy ist verlockend, doch führt man sich vor Augen, was die da gerade mit einem gemacht haben, ist das nicht nur fies, sondern auch Quatsch. Den Kunden beruhigen mit vermeintlich mehr Leistung, wenn er am Ende doch eh nix davon hat. Ich schlug einen Tag später zwei neue Optionen vor: den monatlichen Grundpreis senken oder einen Techniker vorbeischicken, der sich die Utopie der Netzabdeckungskarte aus dem Internet mal in der dystopischen Realität anschaut. Eine Antwort steht bisher noch aus.

Wenn wir in Deutschland so weiter machen, mutieren wir zum Entwicklungsland und können uns unseren "Technik-Pionier-Geist Made in Germany" in die Haare schmieren. Ich denke, die Konzerne vergessen eins: wir alle sind zahlungswillig, lassen uns aber nur ungern veraschen.

Alex und Jens sind nicht nur auf YouTube für TURN ON aktiv und testen dort die neuesten Produkte. Die beiden kommentieren hier wöchentlich auch schriftlich aktuelle Entwicklungen, Produkte oder Trends aus der Tech-Welt.

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