Kolumne

TURN ON Talk: Darum hat Netflix den Dreh raus

Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort.
Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort. (©TURN ON 2015)

Warum Netflix alles richtig gemacht hat und YouTube-Netzwerke alles falsch und dass es sich selbst für Uninteressierte lohnt, bis zum Ende zu lesen. Gewagt? Als ob!

Wie schön es war in Paris. Nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich. Zwei Tage war ich dort, um fast die komplette Zeit einem Netflix-Event beizuwohnen, das es in sich hatte. Und das meine ich ernst. Es war ein Event, bei dem es mal wieder richtig Spaß machte vor Ort zuzuhören, Fragen zu stellen, durch die "Cité du Cinéma" zu schlendern und am Ende zu twittern und zu snappen.

Dabei ging es nicht um plumpe Werbung, um das no-brainer bezahlte Steigern der Reichweite durch das Einladen irgendwelcher Hanse und/oder Franze, irgendwelcher (Social-Media-)Influencer – ganz nebenbei bemerkt, ich war auch ohne irgendein Honorar dort. Es ging um mehr: Standpunkte, Philosophien, gegenwärtige und zukünftige Möglichkeiten, alles vermeintlich abstrakte Buzzwords, die – neben der obligatorischen Selbstbeweihräucherung – in konzentrierter Form ihren Weg nach draußen finden mussten. Deswegen dieses Event in Paris.

Salopp würde jeder anspruchslose oder clickbait-feiernde Influencer oder Redakteur folgendes Schreiben: "Eine Veranstaltung mit stundenlanger Talkshow über aktuelle und kommende Netflix (Eigen)Produktionen, mit großem Starauflauf, die in Käfig-ähnlichen Boxen mit klischeehaft nachgestellten Sets aus den Serien für alles und jeden zur Verfügung stehen mussten, und experimentierfreudigem Kantinenessen inklusive Knast-Geschirr/-Besteck, um uns mit allen nur erdenklichen Mitteln die anstehenden Serien bei Netflix pünktlich zum nächsten Binge-Watching-Marathon schmackhaft zu machen."

Warum ich das erwähne? Weil das meiner Meinung nach der Gesamteindruck der dort auch anwesenden Langweiler-Presse gewesen sein muss, die ihre schwerste Aufgabe des Tages darin sieht, ihr Kamerastativ zu tragen oder am Nachmittag ihren Flug nicht zu verpassen. Oh Gott, was ich mir in den Workshop-Boothes alles mit anhören musste ... dazu später mehr.

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Alex war beim Netflix-Event in Paris... (©Alexander Böhm/TURN ON 2016)

So lief der Netflix-Event in Paris

Ich rekapituliere dieses Event einfach mal so, wie ich es für würdig halte. Ich versuche dennoch, so kompakt wie möglich zu bleiben. Angefangen beim Hauptpanel: Im Grunde etwa 6 Stunden (inklusive Pause) geballte Information quer durch die Welt von Netflix. Wie alles begann (1997 Online-Videothek beziehungsweise DVD-Verleih per Post!), wie lang es gedauert hat (2007 erster Video-On-Demand Versuch), wo man heute steht (75 Millionen+ Mitglieder weltweit) beziehungsweise wohin man in Zukunft gehen möchte – vor allem wie und mit wem. Nebenbei bemerkt: Fast schon ungewöhnlich die Tatsache, dass von Beginn an Reed Hastings als Founder beziehungsweise CEO dabei ist. Kommt wohl nicht von ungefähr, wie ich nach einem kurzen, fast ganz persönlichen Talk mit ihm herausgefunden habe. Aber auch dazu später mehr.

Damit das stundenlange Gerede bei defekter Klimaanlage aber nicht zum Einschlafen verführte, wurde im 30 bis 60 Minuten Takt die Bühne mit neuen Anreizen aktualisiert. Fast schon beiläufig.

#FanboyModusAn Neben wirklich grandiosen Moderatoren, wie Chris Hewitt ("Empire Magazine/Podcast", hieß es plötzlich: Da! Kevin Spacey ("House Of Cards")! Ricky Gervais ("Special Correspondents"), der mit seinem Kollegen Eric Bana ("München") über Hoden redet. Ein John Lithgow (hier als "Winston Churchill" für "The Crown", aber mein Gott, was habe ich ihn in der vierten Staffel von "Dexter" gehasst und gleichzeitig geliebt. Hier hätte die Serie definitiv Enden müssen)! Charlie Cox ("Daredevil")! Kate Mulgrev ("Star Trek") & Lea Delaria (beide "Orange Is the New Black")! Ashton Kutcher ("The Ranch")! Und irgendwo dazwischen auch Baran Bo Odar ("Who Am I") mit der ersten, deutschen Supernatural-ähnlichen Adaption "Dark" ... Verstanden, oder? Die Hauptdarsteller, oder auch "Talents" wie man Neu-Denglisch sagt, waren alle samt da. #FanboyModusAus

Warum? Natürlich um auf vorhandene beziehungsweise neue Staffeln ihrer jeweiligen Serien aufmerksam zu machen. Aber ganz nebenbei sind Dinge passiert, die vielleicht bewusst, vielleicht auch unbewusst schlicht großartig waren. Man hat die Darsteller reden lassen. Nein, erzählen lassen. Keine 60 oder 90 Sekunden, um ganz YouTube-Video-typisch die Aufmerksamkeitsspanne nicht zu gefährden. Hängt noch eine Null ran und verdoppelt dann. Die fast halbstündigen Talks haben es geschafft, mehr als nur Interviews zu sein. Die Zuschauer-Q&A Runden am Ende eines jeden Slots waren ungefiltert, fordernd. Darsteller wurden zum Nachdenken angeregt und die Antworten waren so ungewohnt wie inspirierend. Übrigens ebenso ohne Abstriche (nur in einem gemütlicherem Setting) in den angesprochenen "booths", Face-To-Face, wenn auch hier die Zeit penibel getaktet war.

Das verrieten die Netflix-Stars

Ein Kevin Spacey, der (gemeinsam mit Ted Sarandos, Content Chief) über seine vergangene Schauspielkarriere erzählt, seine (vergangenen) Zweifel daran, wie beziehungsweise was er zukünftig an Filmen machen möchte oder kann. Wie er durch seinen Schritt ein Theaterensemble zu gründen fast schon unbewusst die Grundsteine seiner nun weltweit bekannten "House of Cards"-Performance legte. Blöd (für die Konkurrenz), dass Spacey mit "House Of Cards" bei allen anderen Streamingdiensten (wie Amazon und Co.) einen Piloten hätte drehen müssen, da man an "der schweren, inhaltlichen Kost" zweifelte. Netflix war auch so überzeugt. Dann: Ein Ashton Kutcher, der über den schnellen, technologischen Fortschritt jubelt, doch gleichzeitig über die hinkende Politik der USA schimpft. Last but not least ein Reed Hastings, der der wohl ruhigste CEO ist, dem ich bisher begegnen durfte. Zwar schon Mitte Fünfzig, doch mit der Lust und Risikobereitschaft eines Start-Up Pioniergeistes Mitte 20.

Seine Aussagen waren im Nachgang so deutlich, wie man es von anderen erwarten möchte. Netflix ist ein Subscription- (also Bezahlabo-)Service, der sich mit eigenem Content von der Masse abheben und werbefrei an den Mann bringen möchte. Weltweit. Klar, Eigenproduktionen heißt im Endeffekt nicht, dass Hastings selbst Hand angelegt, sondern, dass Scripte, Produktionsfirmen und Darsteller handverlesen werden und mit komplexen Systemen und Algorithmen festgestellt wird, was ein Kunde sieht oder sehen wollen würde. Ja, auch dazu gab es (zum Beispiel vom sicherlich Apple-inspiriertem Marc Randolph) separate Workshops, die jedoch nicht all zu tief in die Trick-Kiste blicken ließen. Verständlich. Ich will die richtigen Tricks der Magier auch nicht wissen.

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...dort konnte er auch Hintergrundgespräche mit Netflix-Verantwortlichen führen. (©Alexander Böhm/TURN ON 2016)

Netflix setzt auf Storytelling

Man will nicht die Masse bedienen, man will sich nicht das typische Film- oder Fernsehkorsett anziehen (wie zum Beispiel eine Serie/ein Film darf nur/muss xy Minuten lang sein), man will nicht den Lacher für den Moment haben. Man will erzählen. Storytelling war hier das (eigentlich schon ausgelutschte) Buzzword des Tages. Klar, das haben sich auch schon andere auf die Brust geschrieben. Doch wer hat damit Erfolg? Richtig. Und warum? Weil Nischen genutzt werden. Und so blöd das klingt, genau das, was ich schon seit Jahren sage beziehungsweise versucht habe, den YouTube-Netzwerken klar zu machen. Das, was im ersten Moment als Nische erscheinen mag, ist nur Nische, weil die Masse es noch nicht kennt, aber das Internet und somit die Welt zur Verfügung haben, sich dieses "Nischenprodukt" anzuschauen. Und schon wird aus der Nische eine neue Masse. Und dazu gehört definitiv Risikobereitschaft, die im Grunde keine ist. Denn es hat alles Hand und Fuß. Es ist das, was uns (deutsche) Werbetreibende seit Jahren predigen, aber nie umsetzen: Emotionen. Authentizität. Stattdessen wird bei uns alles in "Sicherheit" erstickt. In Mainstream und Idiotencontent. Irgendwelche Statistiken repräsentieren vermeintlich, dass wir alles Vollidioten sind und nur "Schwiegertochter gesucht" haben wollen. Mensch, ihr wisst doch, dass nur die Deppen am lautesten Brüllen. Die, die genießen, die schweigen.

Und was machen YouTube-Netzwerke falsch...?

Jetzt steht am Anfang dieses Artikels doch "YouTube-Netzwerke". Warum habe ich nicht durchgehend in bester Netflix vs. YouTube-Netzwerke-Manier beide miteinander verglichen? Daumen oder Sterne gegeben. Eine Top 10-Liste daraus gemacht. Nun, bewusst, damit die Themen in Kontrast stehen. Ich helfe euch – anhand meiner Erfahrung – mit den Absurditäten auf die Sprünge:

  • Objektive Netzwerk-Events mit Panels? Klar, Videodays mit Playback-Shows. Aber auch nur, wenn man einen Exklusivvertrag hat. Oder 100.000 Abonnenten. Oder man das konkurrierende Netzwerk doof findet
  • Aufschlussreiche Gespräche mit Talents? Klar, bei Autogrammstunden neben der eigenen Merchandise-Booth mit erfahrenen 14-jährigen "YouTube-Gesichtern" zusammen mit 1.000 Fans auf einem Rathausplatz
  • Original Content Produzieren? Klar, aber nicht zu lang und immer witzig, sonst guckt ja keiner. Und so billig wie nur geht, auch wenn wir zigtausende bekommen. Der Schampus muss ja bezahlt werden. Und dem Geldgeber in den Hintern kriechen.
  • Nischen bedienen? Klar ,aber bitte geh' vorher, da ist die Tür!
  • Image reparieren/aufbessern oder ausbauen? Ich dachte, du bist schon aus der Tür!

Ich könnte es ewig so weiterspinnen. Was daraus geworden ist, sehen wir heute. Versucht man fiktionalen Content an Netzwerke heranzutragen (und weiß Gott, wie oft ich das schon probiert habe), stößt man nur so lange auf Interesse, bis der Zuständige wieder "gegangen worden ist". Es gibt Ausnahmen. Eine oder zwei, die aber auch nur mit parallel zehn anderen Sicherheiten geduldet werden oder Inhalte auf – vorsichtig ausgedrückt – Junggebliebene auslegen. (Ja, das hat entsprechend wenig mit "Kreativität" zu tun).

Kein Wunder, dass sich nichts tut. Dass wir lieber auf Deutsch synchronisierte Serien geil finden, die nicht von uns stammen, aber von uns sein könnten. Netflix (gemeinsam mit seinen Produktionspartnern) zeigt uns momentan ordentlich, was wir nicht machen, aber könnten. Ob (bei allem Respekt gegenüber seiner Arbeit) die Wahl von Baran Bo Odar als erster exklusiver (deutscher) Versuch klug war, wird sich noch zeigen. Mir wird nämlich noch nicht ganz klar: "Warum gerade er?"

Alex und Jens sind nicht nur auf YouTube für TURN ON aktiv und testen dort die neuesten Produkte. Die beiden kommentieren hier wöchentlich auch schriftlich aktuelle Entwicklungen, Produkte oder Trends aus der Tech-Welt.

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