Kolumne

TURN ON Talk: Wer soll da noch durchblicken, Apple?

Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort.
Alex meldet sich alle zwei Wochen mit seiner Kolumne zu Wort. (©TURN ON 2015)

Gestern gab es frische News aus dem Hause Apple. Wie immer in Form einer Keynote… ne, das heißt jetzt ja: Special Event.

Neben einem – meiner Meinung nach ziemlich coolen – Recyclingroboter namens "Liam" und ambitionierten, technologischen Ansätzen (auch im medizinischen Bereich), war die Mehrheit doch eigentlich nur am Haptischen interessiert: Dem neuen iPhone SE und dem iPad Pro 9,7 Zoll. Nennen wir es hier doch einfach iPad Pro Mini. Denn das ist es, worum es im Grunde geht: Apple lässt High-End Modelle schrumpfen (und teilweise verbessern und kannibalisiert somit bis dato gleichwertige Produktkollegen) und fabriziert somit ein Produktportfolio, dass so langsam stark an Samsung erinnert. Ob das so gut ist? Mich treibt es beim Vergleichen und Argumentieren der entsprechenden Geräte langsam auch in den Wahnsinn.

iPad Pro 9,7 vs. iPad Pro 12,9 vs. iPad Air 2

Angefangen mit dem iPad Pro 9,7 Zoll ... also Pro Mini ... also iPad Air 3 ... oder? 9,7 Zoll beim iPad Air 2, 9,7 Zoll beim iPad Pro Mini. Beide Check. Beide 444 Gramm? Check! 2048 x 1536 Pixeln bei 264 ppi? Beide Check! WLAN ac mit MIMO? Check! Bluetooth 4.2? Check. Langsam wird's ermüdend. Hat sich denn überhaupt etwas verändert? Ja! Der Prozessor. A9X statt A8X, wie beim 12,9 Zoll iPad Pro eben. Und die Kamera! Kann nun 4K. Das kann das "echte" iPad Pro mit 12,9 Zoll nicht. Trotz sonst gleicher Technik. Okay? Und das mit Preisen von 689 bis 1199 Euro. Das 12,9 Zoll Pro liegt zwischen 907 und 1419 Euro. Das iPad Air 2 bei maximal 559 Euro.

Dann hätten wir noch das iPhone SE. Ein iPhone 5 beziehungsweise 5s mit aktuellster iPhone 6s-Technik. Oder? Fast. Denn das Display ist so gesehen der signifikanteste Unterschied: Nun 4 statt 4,7 Zoll. Und mit technischen Abstrichen. Wohl tatsächlich das 5/5s-Originaldisplay (geringeres Kontrastverhältnis, kein Dual-Domain Pixel)? Es entspricht zumindest effektiv der ursprünglichen Philosophie von Apple, dass das perfekteste Display mit einer Hand bedienbar sein sollte. Mit dazu gibt es ebenfalls den A9 Prozessor, WLAN ac, Bluetooth 4.2, eine 12-Megapixel-Kamera (die mit 0,5 mm mehr an Gehäusedicke nicht mehr heraussticht), 4K Video und softwaresimulierte Live Photos. Blöd, dass die Frontkamera von 5 auf 1,2 Megapixel zurückfällt.

Und das mit 16 oder 64 GB. Für 489 beziehungsweise 589 Euro. Das iPhone 6s liegt mit 64 GB bei 854 Euro. Nun ... Warum keine 128 GB? Warum gerade SOLCHE Preise für definitive Unterschiede im Detail? Die Preisspanne im Vergleich zum iPad Pro Mini, dass weniger Material, dafür mehr Features bietet ergibt – hierauf angewandt – keinen Sinn beziehungsweise ist nicht machbar.

Was will der iPhone SE-Käufer eigentlich?

Versetzen wir uns doch einfach mal in die Lage eines normalen Nutzers. Denn, wenn wir ehrlich sind, wir Technikbegeisterte sind in der Thematik so tief drin, dass wir das ganze auch mal von Außen betrachten sollten. Wonach sucht der "normale" Kunde? Wonach richtet er sich? Nach dem Preis? Klar, dann ist das SE attraktiv. Doch was bedeutet überhaupt SE? Ein fiktives Gedankenprotokoll: "Ist das jetzt alt? Neu? Es sieht anders aus, als alle anderen. Okay, dann doch das iPhone 6. Oder das 6s? Die sind aber so groß. Ich hätte aber dennoch gern das aktuellste an Technik, was möglich ist."

"Dann doch lieber zum iPad Air 2 greifen. Das ist günstig und passt in meine Umhängetasche. Aber wenn ich zocken will, ist das iPad Pro 9,7 schneller. Egal, dann will ich nur Bücher lesen. Aber beim Pro 9,7 Zoll passt sich das Display an, damit ich meine Augen nicht anstrengen muss ... Nagut, dann eben das iPad Pro. Das Komplettpaket! Dann bin ich auf der sicheren Seite! Wie? Kein 4K-Video? Keine Display-Anpassung? Nur 1,2-Megapixel-Frontkamera ... und auch kein Stift zum Schreiben dabei."

Apple-Portfolio wird zunehmend unübersichtlicher

Dieses Hin und Her könnte man nun ewig so weiter spielen. Ich frage mich an dieser Stelle nur (da ich selbst vor geraumer Zeit ein halbes Jahr in einem Apple Store in Hamburg als Specialist gearbeitet habe): Wie argumentieren Apple-Mitarbeiter neue beziehungsweise alte Produkte beziehungsweise wie rechtfertigen sie diese? Denn zugegeben: Das "alte" Produktportfolio gefiel mir weitaus besser. Es war klar strukturiert, man wusste genau, welches Produkt für welchen Einsatz angeschafft werden sollte und quälte sich nicht mit Kompromissgedanken.

Vielleicht ist es aber genau das, was Apple verfolgt: So viele Produkte mit Unterschieden im Detail herausbringen wie möglich, dass es im Grunde egal ist, welches Gadget man von Apple in der
Hand hat, Hauptsache, man hat etwas von Apple und ist Teil der iCloud. Die Gefahr dabei wäre jedoch, dass die iDevices in Zukunft charakterlos zu werden. Genau so, wie diverse Kollegen aus der Android-Sparte. Das wäre schade.

Alex und Jens sind nicht nur auf YouTube für TURN ON aktiv und testen dort die neuesten Produkte. Die beiden kommentieren hier wöchentlich auch schriftlich aktuelle Entwicklungen, Produkte oder Trends aus der Tech-Welt.

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