Meinung

Warum fast jeder Hersteller die Notch des iPhone X kopiert

Die Kerbe des iPhone X hat schon viele Nachahmer gefunden.
Die Kerbe des iPhone X hat schon viele Nachahmer gefunden. (©TURN ON 2018)

Anfangs verlacht, doch mittlerweile Standard: Die Notch des iPhone X hat im letzten Jahr viele Nachahmer gefunden. Doch warum setzen so viele Hersteller mittlerweile auf eine Einkerbung im Display und ist das überhaupt eine gute Idee?

Was war das Gezeter groß? Als Apple im September des letzten Jahres auf seiner Keynote erstmals das iPhone X vorgestellt hat, sorgte vor allem die Notch für Aufregung – also jene Kerbe am oberen Rand des Displays, hinter der sich Frontkamera und Sensoren verbergen. Als erste Reaktion wurde damals eimerweise Häme über Apple ausgeschüttet und viele hielten die Notch von Anfang an für eine ganz schlechte Idee.

Spulen wir nun jedoch die Zeit ein Jahr nach vorn in die Gegenwart, dann müssen wir unweigerlich feststellen, dass die Notch mittlerweile allgegenwärtig ist und bei fast jedem Hersteller zum Einsatz kommt. Da stellt sich fast zwangsläufig die Frage nach dem warum. Warum kopiert scheinbar jeder Hersteller Apple und setzt auf eine Notch? Die Antwort darauf ist viel komplizierter, als es zunächst den Anschein hat. Deshalb möchte ich versuchen, die Frage in mehreren Teilen zu beantworten.

Warum gibt es die Notch überhaupt?

Mit dem iPhone X stand Apple 2017 eindeutig unter dem Druck, nach drei Jahren endlich ein grundlegendes neues Design für sein Flaggschiff-Produkt vorzustellen. Dabei fiel der Release des iPhone X genau in den Trend zu immer größeren Displays und immer schmaleren Smartphone-Rändern. Diesen Trend hatte nicht Apple, sondern vor allem Samsung gestartet und mit dem Galaxy S8 im Frühjahr 2017 beeindruckend vorgelegt. Andere Hersteller wie LG und Huawei eiferten dem nach und stellten im Laufe des Jahres eigene Smartphones mit schmalen Rändern und länglichen 18:9-Displays vor.

Das Essential Phone wartete als erstes Smartphone mit einer Mini-Notch auf. (© 2017 Essential)

Als wegweisend kann jedoch vor allem das Essential Phone angesehen werden, das im Mai 2017 vorgestellt wurde und als erstes Smartphone eine Display-Aussparung für die Frontkamera besaß. Die Notch war geboren.

Die Tatsache, dass nicht Apple, sondern das eher unbekannte Startup Essential der erste Hersteller war, der ein Smartphone mit Notch vorgestellt hat, spricht sehr für den Umstand, dass die dafür nötige Display-Technologie etwa ab Mitte 2017 serienreif gewesen ist. Essential war der erste Hersteller, der sie in seinem Nischenprodukt einsetzte. Die Einkerbung am Displayrand bot die Möglichkeit, den Screen im Smartphone noch größer und den Rand noch schmaler erscheinen zu lassen und passte somit perfekt zum allgemeinen Design-Trend.

Warum war Apple (fast) der erste Hersteller mit einer Notch?

Das iPhone X war, wie schon erwähnt, nicht das erste Smartphone mit einer sogenannten Notch – aber es war zweifellos das erste, das richtig Staub aufwirbeln konnte. Die Tatsache, dass Apple so früh dran war, dürfte zum Teil damit zusammenhängen, dass der Release-Termin des iPhone X genau in den Zeitraum fiel, als die ersten Display-Lieferanten in der Lage waren, Notch-Displays in größeren Stückzahlen auszuliefern. Und natürlich dürfte Apple mit seiner Marktmacht auch eine Menge Druck gemacht haben, um zu den ersten Herstellern zu gehören, die Massenlieferungen der neuen Displays bekommen.

Mit dem iPhone X wurde die Notch salonfähig. (© 2018 TURN ON)

Sehr wahrscheinlich ist allerdings, dass auch andere Hersteller schon im Sommer 2017 ein Auge auf die Technologie geworfen hatten. Nur brauchten LG, Huawei und Co. anscheinend etwas länger als Apple, um ihre Pläne in einem fertigen Produkt umzusetzen – oder sie wollten einfach abwarten, wie sich Apple damit schlägt und wie gut die Notch bei den Kunden ankommt.

Kopieren andere Hersteller Apple und wenn ja, warum?

Diese Frage lässt sich zumindest nicht eindeutig beantworten. Richtig ist, dass Hersteller wie Huawei, Asus oder OnePlus das Notch-Design wenige Monate nach dem Release des iPhone X übernommen haben. Damit ließen diese sich zumindest von Apple inspirieren. Von einem reinen Kopieren zu sprechen, greift aber zu kurz. Korrekter ist es zu sagen, dass diese Hersteller dem allgemeinen Design-Trend folgen und dieser heißt 2018 nun mal Notch-Display.

Im letzten Jahr lagen 18:9-Displays im Trend. (© 2017 TURN ON)

Tatsächlich kann es sich momentan im hart umkämpften Smartphone-Markt kaum ein Hersteller leisten, solch einen Trend zu verschlafen – vor allem nicht in Zeiten, in denen sich neue Handys ohnehin nicht mehr grundlegend von ihren Vorgängern unterscheiden. Bereits 2017 gab es einen ähnlichen Trend hin zu beinahe randlosen 18:9-Displays, den damals das Samsung Galaxy S8 angestoßen hatte und dem fast alle Hersteller folgten. Man könnte sogar behaupten, der längliche Screen des iPhone X sei ebenfalls davon inspiriert worden.

So gesehen haben sich andere Hersteller bei der Notch mit Sicherheit ein wenig von Apple inspirieren lassen, aber diese werden auch mit Interesse registriert haben, dass sich das iPhone X allen Unkenrufen zum Trotz gut verkauft. Die Entscheidung, das Notch-Design in ein eigenes Produkt einfließen zu lassen, dürfte daher nicht allzu schwer gefallen sein.

Ist die Notch nun gut oder schlecht?

Das ist eigentlich die interessante Frage. Denn auch wenn das Notch-Design im Vergleich zu vielen älteren Smartphones modern und unverbraucht wirkt, stellt sich dennoch die Frage nach dem Sinn des Ganzen.

Offensichtlich geht es bei der Notch zunächst einmal darum, so viel Displayfläche wie möglich auf der Front eines Smartphones zur Verfügung zu haben. Daher die Idee zu einem randlosen Screen. Gleichzeitig gibt es aber bestimmte Elemente, wie etwa die Frontkamera, die sich bislang nicht in das Display selbst integrieren lassen. Also bekommt das eigentlich randlose Display eine Einkerbung, die einen Teil des Screens einfach wegschneidet, gleichzeitig aber kleine Flächen an den Rändern weiterhin nutzbar lässt.

Die Kerbe des iPhone X wird man auch im Landscape-Modus nicht los. (© 2017 YouTube/iMore)

In der Praxis zeigt sich bislang, dass Hersteller teilweise ganz unterschiedlich mit der Notch umgehen. Apple schreibt seinen Entwicklern zum Beispiel vor, dass diese die Notch des iPhone X nicht aktiv über die Software verbergen dürfen. Das bedeutet in der Praxis, dass die Einkerbung auf dem Display immer sichtbar ist, selbst dann, wenn im Landscape-Modus ein Video auf dem Smartphone geschaut wird. Auch App-Entwickler müssen die Nutzeroberfläche ihrer Apps um die Notch herumbauen, obwohl sich die kleinen Bereiche rechts und links neben der Kerbe oft nicht sinnvoll für Bedien- oder Anzeigeelemente nutzen lassen.

Huawei integriert die Notch recht clever in das Software-Design. (© 2018 TURN ON)

Wie es besser geht, zeigt meiner Meinung nach Huawei beim P20, bei dem der Platz rechts und links neben der Notch konsequent für die Statusleiste genutzt wird, die ohnehin immer sichtbar ist. So gesehen ist die Kerbe beim P20 für meinen Geschmack sogar ein Gewinn, wie ich bereits im April in einem separaten Artikel erklärt hatte. Auch im Landscape-Modus werden Videos beim P20 an beiden Rändern zudem sauber abgeschnitten, um Dellen im Bild zu vermeiden. Es zeigt sich also, dass die Frage, ob eine Notch nun gut oder schlecht ist, auch eine Frage des Software-Designs ist.

Welche Alternativen gibt es zur Notch?

Wenn wir uns fragen, warum so viele Hersteller bei ihren Smartphones Anno 2018 auf eine Notch setzen, dann sollten wir uns auch fragen, welche Alternativen es gibt, um mit aktueller Technologie ein Full-Screen-Smartphone umzusetzen. Die Antwort darauf liefern aktuell die beiden chinesischen Hersteller Vivo und Oppo mit dem Vivo Nex und dem Oppo Find X. Beide verbannen die Selfie-Kamera komplett von der Front des Smartphones und versenken diese stattdessen im Inneren des Gehäuses. Wird diese gebraucht, fährt sie über einen Mechanismus aus.

Der Vorteil solcher Konstruktionen liegt auf der Hand. Doch die Nachteile sollten nicht verschwiegen werden. Denn mechanische Teile, wie sie zum Aus- und Einfahren der Kamera benötigt werden, sind natürlich anfällig für Staub, Flüssigkeit und allgemein für Verschleiß und Beschädigungen. Die Ansätze, die Vivo und Oppo damit verfolgen, sind daher interessant, mutig und lobenswert, werden aber vermutlich nicht die Zukunft des Smartphone-Designs darstellen.

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