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Wie Eishockey den Einsatz von Technik im Sport revolutioniert

Tyler Kelleher kam im Juni 2018 aus der AHL, der zweithöchsten Nordamerikanischen Liga, nach Ingolstadt.
Tyler Kelleher kam im Juni 2018 aus der AHL, der zweithöchsten Nordamerikanischen Liga, nach Ingolstadt.

Bei Eishockey und Technik denkt man zuerst an Wayne Gretzky (und dann natürlich an die Könner in der DEL, der Deutschen Eishocky Liga). Tatsächlich aber treibt Eishockey die technische Entwicklung im Sport voran wie kaum eine andere Disziplin.

Von Christoph Borgans

Manchmal sagt sie Sachen wie "Du bist 95 Prozent". Das heißt dann: Mach mal langsamer. "75 Prozent" bedeutet: Gib Gas. Denn das optimale Training, sagt Maritta Becker, liegt bei 85 Prozent Intensität. Becker, 37, ist Athletik-und Videotrainerin beim ERC Ingolstadt, den Panthern. Sie ist auch: ehemalige Nationalspielerin und eine Koryphäe im deutschen Fraueneishockey. Immer noch hält sie den Punkterekord, obwohl sie seit der Saison 2014/15 nicht mehr spielt. Und sie hat ihren Laptop immer dabei. Selbst während der Spiele hilft der dabei, das Team besser zu machen. Becker empfängt in der Kabine die Videoaufnahme aus der Totalen. Eine Software schneidet sie zu Clips und verschlagwortet sie. Becker sucht die Stellen, die für das Spiel unmittelbar relevant sind, etwa alle Gegentore, und präsentiert sie in jeder Drittelpause dem Trainer. Live-Analyse sozusagen. Fast, zumindest. Becker sagt:

"Wir waren 2015 unter den ersten DEL-Clubs, die das gemacht haben." Sie misst außerdem noch die Herzfrequenz der Spieler, um daraus die ideale Belastung für das Training zu entwickeln. Eben 85 Prozent. Anfangs hat sie auch während des Spiels den Puls der Spieler gemessen. Mittlerweile sagt sie: "Ein Spiel bedeutet für alle das Maximum an Belastung.“ Becker ist davon wieder abgekommen. Ist ja kein Fußball, keine Zeit für Ruhepausen, geht ja immer schnell. Aber selbst um davon abzukommen, muss man die Daten erst mal sammeln und auswerten.

Eishockey, das wissen alle, die sich damit beschäftigen, ist Statistik. Alles Mögliche wird gesammelt und ausgewertet, immer schon. Der Sport bietet sich daher wie kaum ein anderer an, wenn's um die Einführung von technischen Neuerungen geht. Zumal er fürs Auge oft zu schnell ist: Ein Eishockeyfeld ist im Schnitt nur so groß wie ein Viertel eines Fußballfelds. Darauf tummeln sich zehn schnelle Spieler, zwei bullige Goalies und vier Schiedsrichter. Der Puck ist nicht größer als eine Handfläche, dafür aber bis zu 175 Stundenkilometer schnell. Viel Spaß bei der manuellen Datenerfassung. "Wenn man mal nicht aufpasst, verpasst man schon sehr viel", sagt Petra Vogl, Fan-Beauftragte in Ingolstadt. Seit 1987
verfolgt sie die Spiele des Teams. Am liebsten direkt am Eis, auch wenn man bei Fan-Gesängen, Wut- und Jubelschreien nicht immer alles mitbekommt. Aber dafür ist ja die Technik da. Sie sagt: "Gut, dass es heute Bildschirme und Videowürfel gibt. Da können spannende Szenen noch mal gezeigt werden."

Im Gegensatz zum – in dieser Hinsicht sehr traditionellen – Fußball dürfen Schiedsrichter im Eishockey schon seit Langem Videos zu Hilfe nehmen. Manchmal aber reicht auch das nicht. Als im Mai 2018 in den Play-offs die Pittsburgh Penguins gegen die Washington Capitals spielten und Penguins-Stürmer Sidney Crosby hinter das Tor der Capitals gelangte, um von dort auf seinen Mannschaftskameraden Patric Hörnquist zu passen, erzielte der ein Tor. Oder auch nicht. Man weiß es nicht. Aus der Perspektive der Kamera verschwand der Puck irgendwo unter dem Torrahmen und dem Knieschutz des Goalies.

Bis der "Smart Puck" kommt, wird es nicht mehr allzu lange dauern

Der Schiri entschied nach mehrmaligem Ansehen der Szene gegen ein Tor. Was für tagelange hitzige Diskussionen sorgte und zu einer Sondersendung auf NBC führte. Übertrieben, denn eigentlich konnte niemand sagen, ob der Puck die Torlinie überquert hat. Niemand außer dem Puck.

Nur ist der noch immer eine stumme Scheibe aus Hartgummi. Allerdings wird sich das demnächst ändern: Ab der Saison 2019/20 möchte die NHL einen Puck einführen, der weiß, wo er ist, und es auch mitteilen kann: den "Smart Puck".

In Deutschland gibt es etwas Ähnliches bisher nicht. In der Deutschen Eishockey Liga (DEL) beschäftigt sich die Arbeitsgruppe "Spieltechnik" mit dem Thema. "Die Clubs wollen das", sagt Jörg von Ameln, Leiter des Spielbetriebs. "Und es wird auch nicht mehr jahrelang dauern." Konkrete Pläne für eine ligaweite Einführung gibt es aber noch nicht. In Ingolstadt würde man die Einführung begrüßen, ist man doch nicht zuletzt aufgrund der engen Verbindung zu Saturn immer an technischen Innovationen interessiert.

So war die Saturn-Arena, als eine der ersten Stadien in Deutschland, vollständig mit freiem WLAN ausgestattet. Und im Rahmen der Vertragsverlängerung der Elektronikmarktkette mit der Stadtwerke Ingolstadt Freizeitanlagen GmbH über die Namensrechte wurden technische Neuerungen angestoßen, die sich derzeit in der Planung befinden. JUKE, der Musikstreamingdienst von MediaMarkt und Saturn, mit mehr als 57 Millionen Songs, liefert denn auch schon seit längerer Zeit das Entertainment-Programm bei den Heimspielen des ERC Ingolstadt. "Man hat da ja auch eine Vorreiterrolle, wenn Saturn der Namensgeber ist", sagt die Fan-Beauftragte Vogl, und ERC-Marketingdirektor Claudius Rehbein ergänzt: "Ohne das Sponsoring von Saturn wäre der Aufstieg nicht möglich gewesen." Und das meint nicht nur den Aufstieg in die DEL: Höhepunkt war die Deutsche Meisterschaft 2014. Und weil sowohl Sponsor als auch Team für Dynamik und Technik stehen, könnte bald der "Smart Puck" folgen, obwohl dessen Einführung nur ligaweit möglich wäre.

Finnland macht vor, wie es gehen könnte. Die Proficlubs dort spielen offiziell seit 2016 mit dem "Smart Puck". Inoffiziell sogar schon länger: "Wir hatten eine Vereinbarung mit der Liga: Zwei Monate haben die Spieler mit dem 'Smart Puck' gespielt, ohne es zu wissen", erzählt Miska Kuusisto von Bitwise, dem Unternehmen, das das System „Wisehockey“ entwickelt hat.  Die Spieler bemerkten keinen Unterschied, denn der "Smart Puck" der Finnen besteht weiterhin aus Hartgummi. Bloß ein kleiner Bluetooth-Chip wird eingeschoben. Der registriert, aus welcher Entfernung und in welchem Winkel ein Bluetooth-Funksignal eintrifft. So lässt sich mit nur zwei Sendern die Position im Raum ermitteln.

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Fast zehn Kilogramm mehr wiegt ein Spieler mit seiner Ausrüstung – und ist dennoch beweglich und schnell.

Könnte "Wisehockey" also bei Torentscheidungen helfen? Kuusisto sagt: "Im Prinzip ja." Aber warum den smarten Puck auf eine stumpfe Ja-oder-Nein-Entscheidung reduzieren? "Mit dem Puck und den Tags bei den Spielern können wir das ganze Spiel analysieren – und zwar in Echtzeit." So stehen nicht nur am Ende fünf Gigabyte Daten für die Trainer bereit, sondern bereits während des Spiels. Daten, die auch für Live-Wetten interessant sind – und für die Fans. "Heute bekommen wir Schuss- und Bully-Statistiken live im Stadion" sagt Vogl, "aber es wäre natürlich super, live zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit der Puck aufs Tor brettert." Mit "Wisehockey" wäre noch mehr möglich: eine Spielansicht mit Bewegungen von Puck und Spielern, Schuss- und Passgeschwindigkeiten. Und eben das Einordnen der Herzfrequenz während des Spiels - wenn die Trainer diese Werte verwenden wollen.

"Bei uns damals gab es das natürlich nicht" sagt Maritta Becker. "Wir sind auch im Training immer in die Vollen gegangen. Und nach sechs Monaten hat man sich gewundert, dass man ausgelaugt war." Mittlerweile bekommen die Spieler auch in der Sommerpause Pulsuhren, die die Daten ihres persönlichen Trainingsplans
zu den Trainern senden. Außerdem rät Becker den Spielern, Apps wie "MyFitnessPal" zu nutzen, um ihre Ernährung zu beobachten. Für Becker ist die Technik ein Riesenfortschritt. Sie sagt: "Hätte ich das ganze Wissen und all die technischen Mittel schon vor zehn Jahren gehabt – ich würde wahrscheinlich noch heute spielen."

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