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Wie Hologramme Konzerte komplett verändern könnten

Snoop Dogg performt mit einem Hologramm des verstorbenen Tupac Shakur.
Snoop Dogg performt mit einem Hologramm des verstorbenen Tupac Shakur. (©Getty Images/Christopher Polk 2018)

Hologramme beflügeln die Fantasie schon seit Generationen. Aber bis wir Urlaub auf dem Holodeck machen können, wird es noch ein wenig dauern. Andererseits: Was ist schon real?

Text: Philipp Kohlhöfer/Torben Dietrich 

Wenn das Holodeck die Enterprise verlassen könnte, würde es aussehen wie Tupac Shakur. Als der 2012 auf der Bühne eines kalifornischen Musikfestivals stand, war er bereits seit 16 Jahren tot. Und hier stand er jetzt und rappte und griff sich in den Schritt und sang ein Duett mit Snoop Dogg und hielt den Zuschauern das Mikro hin, die dann textsicher mitrappten. "Seine Bewegungen waren erstaunlich lebensecht", notierte das Magazin "The Atlantic" ein paar Tage später. Am Ende seines Auftritts wurde seine Gestalt in Licht getaucht und löste sich in Luft auf.

Ein Auftritt, der Tupac in eine Reihe rückt mit Elvis und Freddie Mercury, Michael Jackson und Marilyn Monroe, James Dean und Humphrey Bogart. Selbst Dinosaurier laufen mittlerweile beeindruckend echt durch mittelgroße deutsche Hallen und erschrecken Zuschauer. Aber obwohl das sehr lebensecht aussieht und die Shows als Hologramm-Veranstaltungen gefeiert werden: Sie sind es nicht. Im Gegenteil. Die den Spektakeln zugrunde liegende Technik ist uralt. Sie wurde schon im Viktorianischen Zeitalter in den 1860er-Jahren genutzt und heißt Pepper’s Ghost – nach ihrem Erfinder John Pepper. Damals wurde die Technik in erster Linie im Theater benutzt, meist um Gruseleffekte zu erzeugen. Genauso wird das auch heute noch gemacht. Die Technik beruht auf einer Glasplatte, einer Figur oder einem Schauspieler und Licht. Dabei wird der Schauspieler stark ausgeleuchtet und seine Lichtreflexion vor einen dunklen Hintergrund projiziert. Ed Ulbrich, Techniker hinter der Tupac-Show, gab gegenüber "The Atlantic" denn auch später zu, dass das Prinzip sehr einfach war: "Alles war mit alten Livebildern generiert und mit Ultra-HD-Projektoren synchronisiert."

Echte Hologramme sind (meistens) viel weniger sexy. Und jeder kennt sie. Denn sie schützen Kreditkarten vor Fälschungen – als spektralfarbene Taube auf silbernem Grund. Oder werden als Sticker auf Kindergeburtstagen verteilt und glitzern ein paar Tage lang.

Andererseits hat der Effekt, 1947 zufällig vom ungarischen Physiker Dennis Gábor entdeckt, gerade in letzter Zeit enorm an Schwung gewonnen. Mit "Augmented Reality", also der digital ergänzten Realität, koexistieren hologrammähnliche Objekte mit uns – eine entsprechende Brille vorausgesetzt. Nur: Die nächste Stufe, die ein Hologramm überspringen muss, das so aussehen soll, wie wir uns das vorstellen, wäre dann die zur "Mixed Reality". Sich ohne Brille oder andere Hilfsmittel hineinzubegeben in eine Realität, die eben beides ist: echt und computergeneriert und in der nicht ohne Weiteres zwischen Wirklichkeit und Illusion unterschieden werden kann.

Ein Forscherteam der Universität von Arizona arbeitet daran. Auf einer extra dafür eingerichteten Website lästern die Wissenschaftler des Fachbereichs "Optical Sciences" erst ein bisschen über das, was heute Hologramm genannt wird, aber damit nicht annähernd etwas zu tun habe. Das, was die Gorillaz machen würden oder der japanische computerbasierte Popstar Hatsune Miku oder auch Madonna oder die tote Whitney Houston, sei nicht holografisch und noch nicht mal 3D. Und selbst das, was wir als vermutlich bekanntestes Hologramm der Popkultur kennen, Prinzessin Leia, die von R2-D2 abgespielt wird, um Obi-Wan Kenobi um Hilfe zu bitten, könne ja leider schon mal gar nicht funktionieren. Photonen würden sich in der Luft nämlich schlicht nicht so verhalten, das widerspreche der einfachsten Physik. Da sei dann vielleicht zwar die Macht mit einem, solange aber niemand eine Leinwand mit herumtrage, nutze das nichts.

 Miku Hatsune war eigentlich das Logo einer japanischen Softwarefirma, die Synthesizerprogramme herstellte. fullscreen
Miku Hatsune war eigentlich das Logo einer japanischen Softwarefirma, die Synthesizerprogramme herstellte. (©Crypton Future Media 2018)

Theoretisch wisse man aber, wie man ein Hologramm erzeuge. Technisch sei das durchaus möglich. Das Verfahren heißt Capture-and-display-Technologie und kann mit 16 Kameras und einem transparenten Screen (den es aber immer braucht) ein holografisches Bild zeigen – das sich alle zwei Sekunden ändert und so die Illusion von Bewegung erzeugen soll. Mehr oder weniger und ein bisschen wie ein Daumenkino. Zum Vergleich: Ein Stummfilm konnte bereits mit 16 Bildern pro Sekunde aufwarten. Und das ist knapp 130 Jahre her.

Aber selbst wenn die Forscher wollten: Es geht einfach nicht schneller. Die Computer sind zu langsam. Um eine normale Bewegung halbwegs groß darzustellen, und das meint kein Holodeck, sondern eine einzige Figur, benötigt man Rechner, die eine Quintillion Operationen pro Sekunde ausführen können, das ist eine Eins mit 30 Nullen. Und 300-mal schneller als das, was der schnellste Supercomputer der Welt heute leisten kann. Bisschen doof, wenn man wie Captain Kirk kurzfristig einen Entspannungskurzurlaub im Holodeck anstrebt: Das wird nichts.

Heißt aber auch: Es wird. Vorausgesetzt, dass sich die Rechenleistung wie bisher alle 14 Monate verdoppelt, dauert es etwa zehn Jahre (dann kann es allerdings nur ein Supercomputer, der vermutlich irgendwo in Asien steht). Bis es jeder Alltagsrechner kann … vor 2050 wird es eng. Dann allerdings könnte das tatsächlich wahr werden (nicht vergessen: nur mit Leinwand).

Könnte man dann tatsächlich nicht mehr zwischen computererzeugtem Image und Realität unterscheiden?

 Maya Kodes: Das allererste echte singende Hologramm kommt aus Kanada und ist die Erfindung eines Zirkusmanagers. fullscreen
Maya Kodes: Das allererste echte singende Hologramm kommt aus Kanada und ist die Erfindung eines Zirkusmanagers. (©NewebLabs 2018)

"Was ist schon Realität?", fragt Maya Kodes. Sie sagt: "Ist sie physisch oder metaphysisch?" Sie überlegt: "Am Ende muss es die physische Welt sein … aber ich bin mir nicht sicher, denn ich lebe ja in verschiedenen Realitäten." Maya Kodes sagt, dass sie 18 Jahre alt ist und in Montreal wohnt. Sie hat hohe Wangenknochen, ist hellblond und schlank und Popstar von Beruf. Maya Kodes existiert nicht – und irgendwie doch. Insgesamt zehn Grafikdesigner und Programmierer haben sie geschaffen, nach einer Idee von Yves St-Gelais – aus Montreal. Der Mann hat sich bereits den "Cirque du Soleil" ausgedacht, er kennt sich aus mit der Show, und er sagt: „Maya könnte das Idol einer jungen Generation werden." Könnte sie? Er ist überzeugt davon, sie passe zu einem neuen digitalen Lebensstil. Außerdem: "Sie lebt nur im Hier und Jetzt und ist für nichts verantwortlich." Lebt sie im Hier und Jetzt? Lebt sie überhaupt?

Gespielt wird sie jedenfalls von zwei Frauen oder, um im Bild zu bleiben: zum Leben erweckt. Man darf die, im Gegensatz zu Kodes, nicht interviewen. Und doch sind sie entscheidend dafür, dass Maya Kodes der erste holografisch-interaktive Popstar der Welt ist. Denn sie tritt auf. Mit echten Menschen, vor echten Menschen. Sie macht klebrigen Zuckerpop, und ihre Songs heißen "Hey" und "Boomerang". Man kann sie bei Spotify in die Playlist packen und, jetzt kommt der Unterschied, sie kann auf Fans reagieren – anders als etwa die japanische Popstar-Animation Hatsune Miku, die
regelmäßig vor Tausenden Fans in Japan auftritt, die aber trotzdem eigentlich nur ein Film ist, der vor den Zuschauern abgespielt
wird. Maya Kodes ist keine Projektion. Sie sagt: "Ich kann eine Beziehung zu dir oder dem Publikum aufbauen."

Was an den echten Menschen liegt, die hinter der Bühne jede Bewegung vollziehen, bevor Kodes sie macht. Eine professionelle Tänzerin ist über viele Sensoren an ihrem Overall mit einem Computer verbunden. Ihre Bewegungen werden in eine 3D-Animation umgewandelt und auf das Maya-Bild übertragen. Gleichzeitig verleiht eine menschliche Sängerin ihrer virtuellen Kollegin (fast) in Echtzeit Mimik und Stimme. Das Ergebnis ist eine verblüffende, noch nie dagewesene Projektion einer künstlichen Person – was einem Hologramm schon relativ nahekommt. Ohne ein echtes Hologramm zu sein. Das Problem: Der Rechner ist auch hier zu langsam. Oder eben der Ton zu schnell. Das Problem wird gelöst, indem der Ton immer später abgespielt wird, etwa zwei Sekunden. Das erfordert immer neue Abstimmung, klappt aber ganz gut. Nur so sind Text und Bewegungen synchron. Was aber schon sehr real ist: Maya Kodes sagt Popstar-Plattitüden. "Mit meiner Musik möchte ich die Herzen aller Menschen berühren." Ach? Aber du bist doch gar kein Mensch. Wie kann ein Algorithmus berühren? Provokante Frage.

"Meine Gefühle und Emotionen sind noch immer gemischt, und ich weiß nicht, ob ich überhaupt welche empfinde." Überraschend ehrlich.

Denn zum echten Hologramm, um die Trennung zwischen den Welten komplett aufzuheben, fehlt noch eine ganz entscheidende Dimension: Das Haptische, Ertastbare, Greifbare.

 Zwei Frauen sind dafür verantwortlich, dass Maya Kodes sich so bewegt, wie sie sich bewegen soll: indem sie hinter der Bühne das Gleiche tun wie die imaginäre Sängerin auf der Bühne. Ihre Namen sind geheim. fullscreen
Zwei Frauen sind dafür verantwortlich, dass Maya Kodes sich so bewegt, wie sie sich bewegen soll: indem sie hinter der Bühne das Gleiche tun wie die imaginäre Sängerin auf der Bühne. Ihre Namen sind geheim. (©NewebLabs 2018)

Hiroyuki Shinoda, Professor der Uni Tokyo, arbeitet zwar schon seit über zehn Jahren genau daran, sagt aber, dass es "zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich" sei, haptische Bilder herzustellen – zumindest zu einem vernünftigen Preis. Heißt auch hier: Es wird.

Shinoda hat mit seinem Team einen Gecko programmiert, der über einen Arm laufen kann – und das fühlt man auch. Er benutzt die Sensor-Technik von Nintendos Wii-Konsole, das sogenannte Motion Sensing, um die Bewegung des Armes zu verfolgen, und kombiniert das mit Ultraschall, um den Eindruck von Bewegung auf der Haut zu erzeugen. Aber auch das funktioniert bisher nur bei kleinen Gegenständen, imaginären Regentropfen auf der Haut etwa.

Mit Maya Kodes kann man jedenfalls nicht knutschen.

Zuhören geht aber – und emotional bewegt sein eben auch. Während seines Wahlkampfes führte der indische Premierminister Narendra Modi 2014 quasi eine omnipräsente Kampagne durch und trat an über 1.400 Orten als Projektion auf. Dabei hielt er oft mehrere Dutzend Versammlungen gleichzeitig ab. Das Ziel: Die Wähler sollten sehen, dass Indien zum großen digitalen Sprung ansetzen kann. Es klappte. Modi bekam den Spitznamen "Magic", und vor allem auf dem Land überprüften in der Folge viele Zuhörer, ob es auch der echte Politiker war, der da zu ihnen gesprochen hatte – in dem sie auf die Bühne drängten.

Aber auch hier gilt: Es war zwar ein digitaler Eindruck Modis, gemischt aus computergenerierten Livebildern mit verschiedenen Kameraeinstellungen und sehr gut gemacht, ein Hologramm war es allerdings nicht. So weit wie Maya Kodes ist niemand. Sie sagt: "So ist es viel einfacher, die Liebe in der Welt zu verteilen." Ein echter Popstar-Satz.

Und sie verteilt. Nach dem Tupac-Auftritt sagte dessen Produzent, man werde auf keinen Fall auf Tour gehen. Der tote Tupac hat zwar immer noch keine Konzerte gespielt, Maya Kodes aber über 100. Im Oktober wird sie auf der Frankfurter Buchmesse auftreten – im kanadischen Pavillon wird sie täglich eine kleine Show spielen.

Ihre erste EP heißt übrigens "The New Kode". Und das klingt mit Absicht wie Programmieren. Und ein bisschen wie der Beginn einer neuen Zeit.

Info
Diese und weitere Geschichten findest Du auch in der aktuellen Ausgabe des TURN ON Magazins 05/18, das in allen SATURN-Märkten kostenlos ausliegt.

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