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Windows 10 Mobile zeigt die Schwächen von Android und iOS

Windows 10 Mobile wirkt wie eine Frischzellenkur.
Windows 10 Mobile wirkt wie eine Frischzellenkur. (©TURN ON 2015)

Windows 10 Mobile ist gerade erst erschienen. Schon jetzt gelingt es dem Microsoft-System aber, einige eklatante Schwächen von Android und iOS aufzuzeigen. Ist das neue Windows für Smartphones besser als die Konkurrenz?

1995 bekam ich meinen ersten PC. Aus heutiger Sicht natürlich eine lachhaft lahme Krücke, war es damals ein beeindruckendes Gerät. Es hatte nämlich Windows 95 an Bord. Zu der Zeit war das der letzte Schrei in Sachen Software-Entwicklung und das modernste Betriebssystem der Welt. Zumindest dachte ich das anfangs. Erst später wurde mir klar, dass Windows 95 auch nicht mehr war als eine grafische Benutzeroberfläche für MS-DOS.

Das Uralt-Betriebssystem werkelte immer noch hinter der Fassade, was gerade angesichts neuer Anwendungsgebiete wie dem damals noch recht unbekannten Internet teilweise eine Qual war. Wie groß die Unzulänglichkeiten von Windows 95 wirklich waren, merkte ich aber erst später, als Microsoft mit Windows XP zeigte, wie es besser geht.

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Windows 95 war zu seiner Zeit modern, hatte aber seine Probleme. (©Screenshot/ Microsoft 2015)

Geschichte wiederholt sich

Warum ich diese Geschichte erzähle? Nun, weil mir Windows 10 Mobile kürzlich wieder ein ähnliches Erlebnis beschert hat. Rund eine Woche konnte ich mich bislang mit dem neuen Microsoft Lumia 950 und natürlich mit seinem Betriebssystem befassen. Während das Telefon selbst einen ganz ordentlichen Eindruck gemacht hat, bin ich von der Software noch viel mehr angetan.

Endlich, nach gefühlten 100 Anläufen, scheint es Microsoft geschafft zu haben, ein mobiles Windows zu entwickeln, dass tatsächlich gut ist. Die Software läuft rund, die Benutzeroberfläche ist nach kurzer Eingewöhnung sehr übersichtlich und sieht auch noch verdammt schick aus. Hinzu kommen Neuerungen wie Windows Hello und Continuum, die richtig clever sind. An meine Windows 95-Erfahrungen hat mich Windows 10 Mobile jedoch vor allem deshalb erinnert, weil es mir vor Augen geführt hat, wie offensichtlich im Vergleich doch einige Schwächen von Android und iOS sind.

Ordnung und Individualisierung

Das fängt schon beim Homescreen an. Auf den ersten Blick dominiert hier das gleiche Kachel-Menü wie schon bei vorhergehenden Windows-Versionen für Smartphones. Tatsächlich hat Microsoft jedoch einen ziemlich cleveren Weg gefunden, den Homescreen hochgradig individualisierbar zu machen. So kann ich als Nutzer nicht nur die Anordnung der Kacheln bestimmen, sondern auch deren Größe. Das geht auch innerhalb von Ordnern, die ich auf dem Hauptbildschirm ablege, wodurch sich einige kleine aber feine Vorteile bei Bedienung und Handlichkeit ergeben.

Speicherverwaltung: Ja, so was gibt es!

Ein weiterer ganz wichtiger Punkt betrifft die Datei- und Speicherverwaltung. Auch hier hat mir Windows 10 Mobile die Schwächen der Konkurrenz ziemlich deutlich vor Augen geführt. So ist mir bei Android oft nicht klar, welche Daten wo auf dem Smartphone gespeichert werden und wie ich diese anschließend finde. Und warum habe ich bei In-App-Downloads oft nicht mal die Möglichkeit, zu entscheiden, wo ich bestimmte Daten speichern möchte? Auf dem PC gehört das seit eh und je zum guten Ton! Doch das ist immer noch besser als bei iOS, wo man Begriffe wie Datei- und Speicherverwaltung auch im Jahre 2015 bestenfalls vom Hörensagen kennt. Modern ist das nicht mehr, erst recht nicht in Zeiten, in denen Google und Apple ihre Tablets als Profi-Geräte verkaufen.

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Eine so praktische Speicherverwaltung gibt es selbst bei Android nicht. (©Screenshot Microsoft/ TURN ON 2015)

Und es ist nicht mal so, dass Microsoft hier großes Hexenwerk vollbringt. So komplex wie am heimischen Rechner ist das Speichermanagement auf dem Smartphone nämlich dann auch nicht. Doch selbst kleine Zugeständnisse wie ein Menü, in dem sich zentral steuern lässt, ob bestimmte Dateiformate standardmäßig auf dem internen Speicher oder der microSD-Karte abgelegt werden sollen, wirken im Smartphone-Sektor schon wie eine Revolution.

Updates: Der richtige Ansatz

Auch Updates sind etwas, wo Microsoft so schnell niemand etwas vormacht. Zugegeben, als PC-Nutzer bin ich manchmal genervt davon, in welchem Tempo die Redmonder mittlerweile neue Updates für ihre Software raushauen. In der Praxis haben diese häufigen Updates jedoch zwei entscheidende Vorteile: Sie machen das System sicherer und sie geben Microsoft die Möglichkeit, Fehler relativ zeitnah zu fixen.

Und ja, ich erinnere mich an Zeiten, in denen Windows und Sicherheit eine Kombination waren, die man eher selten zusammen angetroffen hat. Das hat sich zum Glück grundlegend geändert. Mit den monatlichen Security-Patches von Microsoft werden Schwachstellen in einem sehr hohen Tempo geschlossen. Das macht auch Hoffnungen für die Smartphones mit Windows 10 Mobile. Zumal Microsoft bereits vorab angekündigt hat, sich bei den Updates nicht von Herstellern und Mobilfunkbetreibern reinreden zu lassen. Richtig so! Denn welches Recht sollte der Netzbetreiber haben, mir einen Sicherheitspatch für mein Smartphone vorzuenthalten?

Zugegeben, das ist ein Android-exklusives Problem, weil Apple die Updates seit jeher selbst in die Hand nimmt. Andererseits hat sich Apple aber auch nur um seine eigenen Geräte zu kümmern, weil iOS nur auf diesen läuft. Windows 10 Mobile wird jedoch nicht nur auf Microsoft-Smartphones beschränkt bleiben.

Continuum: Endlich mal was Neues

Zu Continuum habe ich schon einiges geschrieben. Kurz gesagt finde ich dieses Feature genial. Aus dem Smartphone wird ein PC, Betriebssystem und Apps passen sich automatisch an die Darstellung auf einem großen Monitor an. Theoretisch ermöglicht das ganz neue Anwendungsgebiete für Smartphones. Leider unterstützen aktuell nur wenige Apps die Funktion, aber das Potenzial ist da. Man stelle sich zum Beispiel vor, ich übernachte in einem Hotel und will trotzdem die neueste Folge der aktuellen Netflix-Serie schauen – nicht auf dem Smartphone, sondern im TV. Mit Continuum ließe sich die Netflix-App theoretisch auf den Fernseher bringen. Das TV-Gerät wäre dann lediglich der Monitor fürs Smartphone. Aktuell unterstützt Netflix diese Funktion aber leider noch nicht.

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Continuum: Das Smartphone als PC - im wörtlichen Sinne. (©Microsoft 2015)

Wie erwähnt: Das Potenzial ist riesig. Richtig cool wäre es übrigens, wenn Microsoft ein Smartphone mit x86-Prozessor auf den Markt bringen würde, dass über Continuum auch die klassischen Win32-Apps vom PC darstellen kann. Das ominöse Surface Phone geistert ja bereits seit einer Weile durch die Gerüchteküche.

Alles besser als bei Android und iOS?

Wischt Windows 10 Mobile also mit Android und iOS den Boden auf? Nein, das vielleicht nicht, aber allein der etwas andere Ansatz hat mir schon deutlich gezeigt, wo bei Google und Apple noch viel Raum für Verbesserungspotenzial wäre. Vielleicht muss man sich die Frage stellen, ob ein Smartphone angesichts neuer Nutzungsszenarien in Sachen Software auch 2015 noch genau so funktionieren muss wie 2008? Vielleicht braucht auch das Software-Design nach einigen Jahren einfach mal eine grundlegende Frischzellenkur.

Windows 10 Mobile hat gerade was die App-Versorgung angeht noch deutlichen Nachholbedarf gegenüber Android und iOS. In einigen Punkten wirkt es jedoch regelrecht frisch und wirft das Licht auf Bereiche, auf denen bei der Konkurrenz schon seit längerer Zeit eine dicke Staubschicht zu liegen scheint. Ich wünsche mir deshalb, dass mehr Entwickler Windows 10 Mobile mit Apps unterstützen und das System noch interessanter für den Kunden machen.

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