Meinung

WWDC 2016: iOS 10-Keynote – Optimierung siegt über Innovation

Die WWDC 2016-Keynote ist vorüber: iOS 10, watchOS 3 und tvOS präsentieren sich mit neuen Features. OS X heißt künftig schlicht macOS. Punkten will Apple nicht nur mit Emotionen, sondern vor allem auch mit einer besseren Privatsphäre – ein Innovations-Feuerwerk wurde aber nicht gezündet.

Ein Kommentar von Alexander Mundt

Nein, ein Meilenstein war die gestrige Keynote auf der WWDC 2016 in San Francisco beileibe nicht. Das iOS 10-Update für iPhones und iPads fällt zwar vergleichsweise umfangreich aus und bietet viele neue Features. Doch seien wir ehrlich: Vieles davon ist schlicht Spielerei. Welch prominente Rolle diese vermeintlichen Highlights mittlerweile einnehmen, konnte jeder deutlich erkennen, der die Keynote im Live-Stream verfolgte. Dreimal größere Emojis, Sticker oder Sprechblasen mögen tolle Gimmicks im Kampf gegen WhatsApp, Facebook Messenger und Co. sein – eine Zeichen für den Innovationsgeist des iPhone-Herstellers stellen diese Features aber nicht dar.

Apple spielt gekonnt mit Emotionen

Dafür spielt Apple einmal mehr gekonnt mit Emotionen und spricht seine Kunden gezielt über die Gefühlsschiene an – und beherrscht dieses Konzept wie kaum ein Zweiter. Damit gelingt es oftmals auch, manch inhaltliche Schwäche zu kaschieren. Aber ich mache mir da nichts vor: Zwar kann ich mit den iMessage-Spielereien persönlich nicht allzu viel anfangen. Viele andere User dürften sich aber genau auf solche Gimmicks freuen, weswegen es richtig ist, dass der Konzern seinen Kunden genau diese Möglichkeiten bietet.

 Die iMessage-Spielereien nahmen eine prominente Rolle auf der Keynote ein. fullscreen
Die iMessage-Spielereien nahmen eine prominente Rolle auf der Keynote ein. (©Screenshot TURN ON/Apple 2016)

Dafür punktet iOS 10 an anderer Stelle. Die neue intelligente Foto-App verfügt in iOS 10 über eine Gesichtserkennung und ermöglicht dadurch eine bessere Verwaltung der Medieninhalte. Konkurrenten wie Google bieten das zwar längst an. Doch anders als bei Google landen die Daten nicht in der Cloud, sondern verbleiben direkt auf dem eigentlichen Gerät, verspricht Apple. Ein großer Pluspunkt für die bessere Privatsphäre. Die Privatsphäre soll auch an anderer Stelle noch besser werden. Dafür setzt der Konzern in vielen Apps auf eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Was ein solcher Schutz bringt, wird hier am Beispiel von WhatsApp erklärt.

Apples Smart Home-Offensive ist gut und richtig

Zwar steckt Smart Home hierzulande gefühlt weiterhin in den Kinderschuhen, Apple hat aber wie kaum ein zweites Unternehmen die Wichtigkeit von Smart Home erkannt. Die bisherige Lösung HomeKit erscheint in iOS 10 als eigene App namens Home. Damit schafft Apple eine attraktive und unkomplizierte Plattform, um HomeKit-kompatible Geräte bequem aus einer einzigen Anwendung heraus zu steuern. Das mag derzeit nicht nur für mich eher uninteressant sein, hat aber ein ungeheures Potenzial.

Was nützen neue Features, wenn sie nicht jeder nutzen kann?

Ob Karten, Music, Pay oder auch News: Apple hat seine Apps an vielen Stellen aufpoliert, sowohl was Design als auch was Features anbelangt. Ärgerlich: Zwar werden Apple Pay oder Apple News immer wieder prominent beworben – doch deutsche Kunden schauen nach wie vor in die Röhre und müssen auf derlei Dienste verzichten. Dass sich das künftig alsbald ändern wird, ist nicht abzusehen. Was richtig ist: Apple öffnet viele seiner Apps endlich auch für alle Entwickler. Das dürfte den Programmen zugutekommen und ist ein Schritt, der längst überfällig war.

Dass Apple Siri auch in OS X, das künftig schlicht macOS heißt, ausweitet, ist ein folgerichtiger Schritt. Außerdem rücken iOS und macOS noch näher zusammen. Eine universelle Zwischenablage ermöglicht es, etwa auf dem iPhone ein Dokument zu kopieren und anschließend auf dem Mac einzufügen – praktisch. Auch die bessere Speicherverwaltung auf dem Mac ist sinnvoll. Ältere Dateien lassen sich in macOS Sierra bei Bedarf einfach in die Cloud schieben. So wird unkompliziert und schnell freier Speicher auf der Festplatte geschaffen.

 iOS und macOS verschmelzen immer mehr: Das ist gut. fullscreen
iOS und macOS verschmelzen immer mehr: Das ist gut. (©Screenshot TURN ON/Apple 2016)

watchOS 3 und tvOS ohne echte Highlights

Wenig überraschend sind hingegen die Änderungen, die mit watchOS 3 und tvOS Einzug halten werden. Besitzer einer Apple Watch dürfen sich immerhin über Apps freuen, die siebenmal schneller starten sollen. Der Apple TV bekommt eine noch bessere Sprachsteuerung, außerdem lassen sich per Remote-App alle Funktionen des Mediaplayers bequem auf dem iPhone steuern. Die vereinfachte Anmeldung namens Single Sign-On klingt gut, ist aber vorerst nur in den USA relevant. Bahnbrechende Highlights konnte Apple jedenfalls beiden Betriebssystemen nicht spendieren.

Damit wir uns nicht falsch verstanden: Die Keynote war gut, hatte aber nur wenige echte Highlights zu bieten. Apple macht alles spürbar noch ein wenig besser, intuitiver und ausgefeilter, wagt aber kaum Neues. Letztendlich geht aber auch jeder mit anderen Erwartungen in eine solche Show. Ich persönlich hatte mir von iOS 10 nicht allzu viel erhofft und wurde aus diesem Grund auch nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil: Ich war mitunter doch erstaunt, wie umfangreich das Update auf iOS 10 im Herbst doch sein wird. Apple macht ein ohnehin schon gutes Betriebssystem – wenn einem allerlei Restriktionen nichts ausmachen – noch besser.

Keynote kein Innovations-Feuerwerk, aber handwerklich gut

Nein, revolutioniert hat Apple mit dieser Keynote nichts – aber wer konnte dies ernsthaft erwarten? Meines Erachtens nach muss nicht immer gleich alles revolutionär sein – das ist in der heutigen Zeit ohnehin nur noch sehr schwer zu erreichen. Mag die gestrige Vorstellung mitunter auch langatmig gewesen sein – und ja, das war sie bisweilen in der Tat. Aber das ist okay. Wenn im Herbst iOS 10 erscheint, wird selbst das dann vier Jahre alte iPhone 5 noch von neuen Features profitieren (wenn auch sicher nicht alle Funktionen verfügbar sein werden). Etwas, was bei Android aufgrund der verzwickten Update-Situation nicht mehr als ein frommer Wunschgedanke ist. Mag Google in puncto Features iOS auch weit voraus sein: Das bringt am Ende wenig, wenn nur ein kleiner Teil in den Genuss neuer Funktionen kommt. Ich jedenfalls freue mich auf iOS 10 und eine Software, die das iPhone noch ein wenig besser macht.

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