Topliste

10 Start-ups mit genialen Tech-Ideen

Start-up
Start-up (©thinkstock/ismagilov 2017)

Was sind die goldenen Regeln für Start-up-Gründer? Beim Retailtech-Hub-Programm von Saturn werden zehn hoch qualifizierte Unternehmen für drei Monate gecoacht und gefördert. Ihre genialen Tech-Ideen landen Anfang 2018 in verschiedenen Saturn-Märkten. TURN ON stellt die zehn Gründerfirmen vor.

Combyne: Kombinationshilfe für Klamotten

Die Antwort auf die wichtigste aller Fragen liegt hier irgendwo in der Luft. Greifen kann man sie nicht, aber vielleicht entschlüsseln. Oder fühlen. "Wie schaffe ich es, dass mein Start-up langfristig erfolgreich bleibt?" Coach Folkert Behrends hat dafür viele Antworten. Eine davon: der komplexe Samba-Beat.

An einem Mittwochmorgen im November sitzt Philipp Seybold (Foto oben) von der Firma Combyne in einem großen Konferenzraum und hält Bongos auf seinem Schoß. Neben ihm sind weitere adrette junge Männer mit Instrumenten in der Hand. Congas, Klanghölzer, Bongos oder Maracas. Einer gibt den Takt vor, danach steigen die anderen ein. Das Experiment glückt, statt dissonanten Klangbreis hört man tatsächlich harmonische Rhythmen. Die Idee dahinter: Trau dich, improvisiere, sei ein Teamplayer – und hab keine Angst davor zu scheitern. "Ein Start-up zu gründen ist immer ein Risiko. Du musst in sehr kurzer Zeit hohe Gewinne einfahren, damit es weiterläuft", sagt Seybold. Mit seinen Partnern Christian Dienst (Foto unten) und Worathiti Manosroi hat er Combyne gegründet, schnell kam Head-Designer Bradley Dunk mit an Bord. Per App kann man Kleidung aus Onlineshops mit Klamotten aus dem eigenen Kleiderschrank kombinieren und sich Feedback aus seiner Community holen. Händler können somit mehr über die Vorlieben ihrer Kunden erfahren und frühzeitig Trends erkennen.

 Philipp Seybold und Christian Dienst von Combyne. fullscreen
Philipp Seybold und Christian Dienst von Combyne. (©Andreas Nestl 2017)

"Ich saß bei mir zu Hause und habe mir die Schuhe geschnürt, als die Geschäftsidee plötzlich in meinem Kopf aufpoppte. So, als würde man morgens völlig benommen aufwachen und versuchen, seinen Traum einzusortieren", erinnert sich Seybold. Dann besorgte sich der 38-Jährige das Buch "Lean Startup" von Szeneguru Eric Ries und legte los. Die perfekte Kombination – für Combyne.

Weitere Infos: www.combyne.com

Okiko: PayPal für Kinder

 Erik Winterberg von Okiko. fullscreen
Erik Winterberg von Okiko. (©Andreas Nestl 2017)

Erik Winterberg widerlegt das gängige Klischee von turboaktiven Start-up-Gründern. Der 46-Jährige hat lange in einer Marketingagentur gearbeitet und Firmen zu Familienthemen beraten: Urlaub, Klamotten, Spielzeug. Als Vater von drei Kindern war Expertise quasi hausgemacht und von eigenem Interesse. Und als zwei der Kids in die Pubertät kamen, erkannte er eine Marktlücke und machte sich selbstständig. "Die Digitalisierung dringt in immer mehr Bereiche vor, hat aber das Thema Taschengeld noch so gut wie gar nicht erfasst. Das bleibt bei vielen Familien noch ganz klassisch. Wenn meine Tochter von mir früher 20 Euro bekam und ich mich erkundigen wollte, wofür sie es ausgegeben hat, druckste sie häufig herum und wollte das nicht erzählen", sagt Erik Winterberg.

Sein Start-up Okiko ist im Grunde genommen so etwas wie Paypal für Kinder. Ein Online-Bezahlsystem mit eingebautem Jugendschutz, mit dem man einkaufen kann, ohne dass fragwürdige Artikel im Warenkorb landen. Eltern und Kinder legen auf www.okiko.com ein Profil an, und die Eltern überweisen das Taschengeld, über das der Nachwuchs dann freie Verfügung hat. Ein Beispiel: Wenn ein Zwölfjähriger auf www.saturn.de das Ego-Shooter-Game "Call of Duty" (FSK 18) kaufen will, dann verhindert Okiko den Zugriff oder erfragt bei den Eltern per SMS eine Freigabe. Deutlich reibungsloser läuft es ab, wenn das neue Album von Mark Forster im Warenkorb landen soll.

"Wir bringen das Taschengeld endlich in den Online-Markt. Viele Banken und Sparkassen haben das Thema noch überhaupt nicht auf dem Zettel. Bislang gibt es nur Sparbücher, Mäusekonten und andere klassische Modelle", so Erik Winterberg. Noch befindet sich Okiko in der Betaphase, für 2018 sind aber bereits drei größere Pilotprojekte in Vorbereitung. "Gewisse Mechanismen bleiben, aber das Start-up-Business folgt seinen ganz eigenen Regeln", weiß Winterberg. Von wegen alter Hase!

Weitere Infos: www.okiko.com

MishiPay: Bargeldloses Bezahlen im Laden

 TingLi Lorigiano von MishiPay. fullscreen
TingLi Lorigiano von MishiPay. (©Andreas Nestl 2017)

Das Damoklesschwert über allen Start-up-Gründern ist unsichtbar und hat drei Buchstaben: F. O. F – Fear of Failure, zu Deutsch: die Angst zu versagen. TingLi Lorigiano (Foto oben) versucht, sich dagegen mit zwei Kernkompetenzen zu wappnen: jugendlicher Unbekümmertheit und nordamerikanischem Idealismus. Die 24-Jährige stammt aus Kanada und lebt in London, Mutter Chinesin, Vater Italiener. Deutsch kann sie auch ein bisschen, mehr Internationalität geht kaum. Sie ist Produktmanagerin bei MishiPay, einer App für bargeldloses Bezahlen im Laden. "Jeder kennt diesen Moment, wenn du eigentlich nur ganz schnell etwas kaufen willst, und dann siehst du die lange Schlange an der Kasse. Das ist jedes Mal frustrierend", sagt sie. Ihre App funktioniert folgendermaßen: Kunden scannen Cremes, Zahnpasta oder Shampoo direkt am Regal, zahlen automatisch und gehen mit der Ware aus dem Geschäft. Technologien wie das Sender-Empfänger-System RFID ("radio-frequency identification") sorgen dafür, dass Kundn beim Verlassen nicht vom Ladendetektiv gestellt und als mutmaßliche Diebe verdächtigt werden.

Im Förderprogramm vom Retailtech Hub ist TingLi Lorigiano die einzige Frau. Ein Phänomen, das scheinbar in der Natur der Sache liegt: „Etwa 99 Prozent der Tech-Branche ist männlich dominiert“, sagt sie mit einem Seufzer. "Das liegt nicht daran, dass Frauen automatisch ausgegrenzt werden, sondern schlicht am Interesse. Die meisten Frauen beschäftigen sich halt lieber mit anderen Dingen als Web-Entwicklung, Programmierung und Code-Sprachen.“

Mishipay wurde 2015 gegründet und hat seitdem im Londoner Stadtteil Spitalfields mehrere Pilotprojekte initiiert, jetzt soll die nächste Stufe gezündet werden. "Alle meine Freunde sind Entwickler", so Lorigiano, "deshalb war für mich klar, dass ich in der Start-up-Welt zu Hause bin. Wir haben alle keine Angst – wir versuchen einfach, unser Bestes zu geben." Oder anders: Fuck off, FoF.

Weitere Infos: www.mishipay.com

Traxas Media: Die perfekte Welle gibt es nicht

Aber Startup-Gründer müssen wie Wellenreiter sein. Rein ins kalte Wasser, rauf aufs Brett, stehen lernen, fahren lernen. Und ganz wichtig: Die Balance zu verlieren und vom Board zu fallen gehört zum Lernprozess dazu. "It’s part of the game", wie man in der Start-up-Branche sagt, wo Anglizismen wie "customer journey", "peak performance" und "exit strategy" dazugehören wie Club-Mate-Limo trinken oder Skateboard fahren im Büro.

Für Marc Sperling und Kamil Adam Tarach von Traxas Media (Foto unten) bekommt die "customer journey", also die "Reise des Kunden", einen ersten Höhepunkt, wenn dieser in den Laden kommt. "Unser Ziel ist es, dass wir die Leute sehen und innerhalb von Sekundenbruchteilen ermitteln können, was ihre persönlichen Interessen und Vorlieben sind", sagt Marc Sperling.

 Marc Sperling und Kamil Adam Tarach von TRAXAS MEDIA fullscreen
Marc Sperling und Kamil Adam Tarach von TRAXAS MEDIA (©Andreas Nestl 2017)

Der gläserne Kunde? Nicht ganz, aber nah dran. In der Praxis funktioniert ihre Geschäftsidee so: In einem Saturn-Markt steht im Eingangsbereich ein riesiger 55-Zoll-Fernseher mit einer eingebauten Mini-Kamera. Wer davor steht, sieht plötzlich animierte Sprechblasen über seinem Kopf aufpoppen, die zu einem kleinen Dialog einladen. Während man ein erstes "Hallo, wie geht’s?" austauscht, hat der Algorithmus bereits grob erkannt, wer da vor dem Bildschirm steht. Etwa: männlich, zwischen 30 und 40, Interesse für Rockmusik und Filme. "Wir können somit zugeschnittene Werbekampagnen im Echtzeitverfahren anwenden und Produkte empfehlen, während die Besucher aktiver Bestandteil einer virtuellen Animation sind“, erklärt Marc Sperling. Weil er um die sensiblen Themen Datenschutz und Kameraüberwachung weiß, versichert er, dass "kein Videomaterial archiviert und für weitere Zwecke benutzt wird. Für uns geht es eher darum, dass es ein spielerisches Element zwischen Händler und Kunde geben soll". Ein bisschen so wie beim Wellenreiten – nur ohne ins Wasser zu fallen.

Weitere Infos: traxas.de

Weview: Video Killed the Radio Star

Als die britische Synthipop-Band The Buggles 1979 mit dem gleichnamigen Hit berühmt wurde und das Zeitalter von MTV einläutete, war Leopold von Waldthausen noch lange nicht geboren. Und obwohl er heute erst 21 Jahre alt ist und die goldene Ära der Videokunst in den Achtzigern und Neunzigern gar nicht miterlebt hat, ist es für ihn "das wichtigste Medium, das in Zukunft alles bestimmen wird", wie er sagt. "Es gibt Prognosen von Google, dass 2020 rund 80 Prozent aller relevanten Inhalte im Internet über Bewegtbild laufen", sagt er. Mit seinen Partnern Jakob von Egidy und Christoph Pröschel hat er die Plattform Weview gegründet, auf der es Videorezensionen zu verschiedenen Produkten gibt. Jeder kann mit seinen Empfehlungen Geld verdienen und Testprodukte erhalten. Die Zuschauer können sich somit leicht informieren und bei einem der 100.000 Partnershops einkaufen. "Content is live", würde man in der Internet-Branche dazu sagen.

 Jakob von Egidy (links), Leopold von Waldthausen (mitte) und Christoph Pröschel von weview. fullscreen
Jakob von Egidy (links), Leopold von Waldthausen (mitte) und Christoph Pröschel von weview. (©Andreas Nestl 2017)

"Das Ganze funktioniert ein bisschen wie bei Trip Advisor", so Leopold von Waldthausen, der mit Abstand der jüngste Teilnehmer beim Retailtech-Hub-Programm ist. Die Frage, ob er mit 21 Jahren nicht eigentlich noch zu unerfahren sei, um ein Unternehmen zu gründen, hört er häufiger. Mit fast zwei Meter Körpergröße, perfektem Englisch und natürlicher Begeisterungsfähigkeit hält er die Zweifler aber schnell in Schach: "Ich habe bereits mit 14 Jahren mein Taschengeld an der Börse angelegt und viel Erfahrung gesammelt. Und als wir nach der Schule ein Startkapital im niedrigen fünfstelligen Bereich zusammenhatten, ging es los", erinnert sich von Waldthausen. Auch zu Schulzeiten hat er sich vor Physik- und Mathe-Klausuren lieber Online-Tutorials zum Thema angeschaut, als seine Nase in ein Buch zu stecken. Eigentlich ein bisschen schade, dass er die tolle Zeit von MTV nicht mitbekommen hat. Vielleicht sorgt er ja eines Tages für die Neuerfindung des Musikfernsehens.

Weitere Infos: www.weview.tv

Neuro Flash: Gutes Marketing ist Kopfsache

 Jonathan Mall von neuro Flash. fullscreen
Jonathan Mall von neuro Flash. (©Andreas Nestl 2017)

"Neuro Flash", das klingt für Laien zunächst wie ein neuer Superheld aus dem Marvel-Universum. Hinter dem Start-up verbergen sich aber keine Comiczeichner, sondern Jonathan Mall, sein Team – und ein Supercomputer. Der promovierte Neuropsychologe interessiert sich primär für die Entscheidungen, die wir tagtäglich in unserem Gehirn fällen, wenn es um besondere Präferenzen geht. "Uns geht es darum, hochkarätige Impulse zu erkennen, wie Leute wirklich ticken", sagt der 34-Jährige. Heißt konkret: Big Data auswerten, analysieren, Assoziationen sammeln und Verkettungen herstellen. Marken sollen mit der Hilfe von Neuro Flash die Vorlieben ihrer Kunden noch besser verstehen können und "weitaus effektiveres Marketing auf die Beine stellen", wie Jonathan Mall sagt.

Weitere Infos: www.neuro-flash.com

Store2be: Live ist Live

 Emil Kabisch von Store2be. fullscreen
Emil Kabisch von Store2be. (©Andreas Nestl 2017)

Früher war Marketing für Firmen recht überschaubar: Man schaltete Anzeigen, buchte eine Fläche auf Litfasssäulen, druckte Werbeposter oder kleine Zettel, die man später "Flyer" nennen sollte. Im Zeitalter der Digitalisierung verändert sich dieser Bereich rasant – und da kommen Emil Kabisch und sein Start-up Store2Be ins Spiel. Sie bringen Werbemaßnahmen in die Gegenwart, an den unterschiedlichsten Orten. Ob Shopping-Mall, Supermarkt, U-Bahnhof oder Flughafen, "die größte Herausforderung für uns ist es, Händler und Unternehmen zu verstehen, wie sie ihre Werbemittel gezielt einsetzen wollen", sagt Kabisch. "Live-Marketing" sagt man dazu ich in der Branche.

Weitere Infos: www.store2be.com

Parcellab: Nach dem Checkout ist vor dem Checkout

 Janik Lipke von Parcellab. fullscreen
Janik Lipke von Parcellab. (©Andreas Nestl 2017)

Man kennt die Situation: Die gewünschten Sneaker sind im Online-Shop angeklickt, landen im Warenkorb und wenige Sekunden später bezahlt. Dumm nur, dass man jetzt noch mindestens ein bis drei Tage warten muss, bis das neue Paar per Post kommt. "In diesem Zeitraum bekommen die Kunden vom Händler eigentlich gar nichts mehr mit. Einzig via DHL und Sendungsverfolgung kann man sehen, wo das Paket gerade ist", sagt Janik Lipke von Parcellab. Die Idee: Händler sollten hier proaktiv die Kommunikation übernehmen und eng mit den Kunden in Verbindung bleiben. Bereits jetzt kooperiert Parcellab mit rund 280 Online-Shops und sorgt etwa dafür, dass "Kunden etwa mit einem Einkaufsgutschein vertröstet werden, falls sich das Paket verspäten sollte", so Lipke. Das Firmenmotto: Nach dem Checkout ist vor dem Checkout.

Weitere Infos: www.parcellab.com

Rapitag: Keine Warteschlangen mehr

 Das Team hinter Rapitag. fullscreen
Das Team hinter Rapitag. (©Andreas Nestl 2017)

"No more queues" heißt es bei Rapitag, und damit ist das Szenario bereits gut beschrieben. Statt sich in die Schlange an der Kasse einzureihen, kann man mit der Rapitag-App den gewünschten Artikel scannen, via Smartphone bezahlen und den Laden direkt wieder verlassen. Möglich macht es eine entwickelte Technologie, die dafür sorgt, dass Sicherheits-Hardware, in Form von Mini-Bolzen oder elektromagnetischer Chips, nicht Alarm auslöst, wenn man die Detektoren am Shop-Ausgang verlässt. Noch besser: Man kann die fingergroßen Security-Bolzen einfach im Laden lassen. "Mit der Idee des Self-Check-Outs treffen wir einen Nerv der Zeit", sagt Alex Schneider, "wir sorgen dafür dass der Einzelhandel mit dem E Commerce, also dem Online-Handel, mithalten kann."

Weitere Infos: www.rapitag.com

Streetspotr: Der Display-Check

 Nicholas Catsam von Streetspotr. fullscreen
Nicholas Catsam von Streetspotr. (©Andreas Nestl 2017)

Wie sehen meine Artikel eigentlich im Laden aus? Oft haben Hersteller oder Händler nur wenige Informationen über die Verfügbarkeit und die Platzierung ihrer Produkte im Geschäft. Die App Streetspotr von Nicholas Catsam und seinem Team bringen da ein bisschen Bewegung ins Geschäft. Mithilfe einer Crowd wird die Produktplatzierung im Geschäft gecheckt und dem Hersteller gespiegelt. „Mit Hilfe unserer Crowd konnten wir bei einem konkreten Projekt an nur einem Wochenende 730 Geschäfte überprüfen und dem Kunden die Ergebnisse bereit stellen. So lieferten wir sofortige Informationen über die Verfügbarkeit und die Platzierung der Produkte in deutschen Drogeriemärkten. Folglich konnte der Kunde sofort notwendige Änderungen planen und durchsetzen“, sagt Nicholas Catsam.

Weitere Infos: www.streetspotr.com

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