menu
Highlight

720 Stunden Warten: Meine Odyssee zum Custom-ROM auf dem Xiaomi Mi 8

Wie sehr habe ich mich nach diesem Moment gesehnt.
Wie sehr habe ich mich nach diesem Moment gesehnt.

Das Xiaomi Mi 8 Explorer Edition hat mich an den Rand der Verzweiflung getrieben. Wie ich es mit viel Frust und nach einer 720-Stunden-Zwangspause endlich geschafft habe, ein Custom-ROM auf meinem neuen Smartphone zu installieren, erfährst Du hier.

Das Xiaomi Mi 8 Explorer Edition – ein Traum in Transparent

Als ich das letzte Mal mit meiner Frau in China Urlaub gemacht habe, beschloss ich, mir dort ein neues Smartphone zuzulegen. Mein letztes Handy, ein Motorola G4 Play, war leider in unserem vorletzten Urlaub mit mir baden gegangen und seitdem hatte ich ein altes iPhone 6 in Verwendung. Mit iOS bin ich aber nie so richtig warm geworden und in China bot sich mir die perfekte Chance, wieder zu Android zurückzukehren.

Das Xiaomi Mi 8 ist mit seiner transparenten Rückseite ein echter Hingucker. fullscreen
Das Xiaomi Mi 8 ist mit seiner transparenten Rückseite ein echter Hingucker.
Okay, die Chips sind nur ein Fake, sieht aber trotzdem echt schick aus, oder? fullscreen
Okay, die Chips sind nur ein Fake, sieht aber trotzdem echt schick aus, oder?
Ein Meisterwerk! fullscreen
Ein Meisterwerk!
Das Xiaomi Mi 8 ist mit seiner transparenten Rückseite ein echter Hingucker.
Okay, die Chips sind nur ein Fake, sieht aber trotzdem echt schick aus, oder?
Ein Meisterwerk!

Das Smartphone-Angebot im Land der Mitte ist wirklich überwältigend und ich hatte einige Probleme, mich zwischen den vielen verschiedenen Modellen von Huawei und Xiaomi zu entscheiden. Beim Schlendern durch einen Mi Store lachte sie mich dann aber an, meine nächste große Smartphone-Liebe: das Xiaomi Mi 8 Explorer Edition.

Ich war sofort von der durchsichtigen Rückseite begeistert und diese war auch einer der Gründe, warum ich mich für das Smartphone entschied. Na klar, der Prozessor und die Chips, die man durch die transparente Abdeckung sieht, sind nur ein guter Fake, aber ich finde, es sieht trotzdem richtig gut aus – wahrscheinlich sogar besser als die echte Hardware.

Leistungstechnisch konnte mich das Xiaomi Mi 8 Explorer Edition auch überzeugen: 8 GB Arbeitsspeicher, Super AMOLED Display, ein Snapdragon 845, Aluminiumrahmen – und das für umgerechnet knapp 400 Euro. Ein richtig guter Deal, mit nur einem Haken: Auf dem Xiaomi Mi 8 läuft die chinesische Version von Xiaomis hauseigenem Betriebssystem MIUI. Das sollte für mich als alten ROM-Flasher aber kein Problem darstellen – dachte ich zumindest.

Das chinesische MIUI ist gut, aber lange nicht perfekt

Obwohl ich sonst ein starker Verfechter von purem Android ohne viel Schnickschnack bin, muss ich zugeben, dass mir MIUI wirklich gefällt und sogar einige Vorzüge bietet. Glücklicherweise ließ sich die Systemsprache auch auf Englisch stellen. Allerdings war die Übersetzung nicht wirklich ausgereift und ich störte mich an vielen kleineren Mängeln.

miui-10-chinesisch fullscreen
Die chinesische Version von MIUI lässt sich auch auf Englisch stellen.

Da waren zum Beispiel die Push-Benachrichtigungen von Apps, die trotz englischer Sprache teilweise immer noch auf Chinesisch erschienen. Was mich aber besonders nervte, waren Bloatware und Werbung, mit denen die chinesische Version von MIUI geradezu vollgestopft ist. Die vorinstallierten Apps schienen für den chinesischen Markt vielleicht ganz nützlich zu sein, für mich waren sie einfach nur Ballast. Und jedes Mal beim Öffnen des Browsers erst einmal auf der chinesische Google-Alternative Weibo zu landen, war auch nicht in meinem Interesse.

xiaomi-miui-ads fullscreen
Warum sogar in den System-Apps Werbung gezeigt wurde, konnte ich absolut nicht nachvollziehen.

Es musste wieder ein Custom-ROM her. Das hätte ich ohnehin früher oder später auf dem Xiaomi Mi 8 installiert. Die angesprochenen Mängel sorgten aber dafür, dass ich damit so schnell wie möglich loslegen wollte. Die Wahl fiel auf das Community-ROM von Xiaomi.eu. Dieses basiert auf der offiziellen, chinesischen MIUI-Version und ist deshalb immer topaktuell, verzichtet aber auf Bloatware und Werbung.

Außerdem haben die Entwickler einige nette Tweaks und Features wie ein besseres Energiemanagement integriert, die die offizielle Version von MIUI nicht besitzt. Und dank der vorhandenen deutschen Sprachausgabe war das ROM praktisch wie für mich gemacht. Aber bevor es mit dem Flashen losgehen konnte, stellten mich die Chinesen auf eine Geduldsprobe.

Wenn das Smartphone einfach nicht erkannt wird ...

Das Xiaomi Mi 8 Explorer Edition ist mein erstes Smartphone des chinesischen Herstellers. Ein Grund, warum ich mich für ein Gerät dieser Marke entschied, war ihr guter Ruf in der Android-Community. Xiaomi hatte sich immer sehr entwicklerfreundlich gezeigt und unterstützt Programmierer mit der schnellen Freigabe ihrer Smartphone-Kernels enorm bei der Entwicklung von Custom-ROMs. Das Flashen hätte also gar kein Problem sein dürfen. Der Vorgang selbst war auch nicht der Knackpunkt. Der Weg dorthin war jedoch eine echte Herausforderung.

xiaomi-mi-8-03 fullscreen
Jetzt zick nicht rum! Das Smartphone ist doch angeschlossen!

Es ging schon mit dem Entsperren des Bootloaders los: Der benötigte Mi-Account war schnell erstellt und der Download des Tools Mi Unlock, das den Bootloader entsperren sollte, klappte problemlos. Wenn das blöde Tool nur auch das Smartphone erkannt hätte ...

Ich rätsele bis heute, wo genau das Problem lag. Die Smartphone-Treiber hatte ich installiert, die Optionen zum Entsperren des Bootloaders und USB-Debugging in den Entwickleroptionen waren aktiviert und ich konnte auch in Windows auf den Speicher des Geräts zugreifen. Wieso wollte das Tool nicht?

windows-10-erweiterte-startoptionen-01 fullscreen
Wenn schon das Abschalten der Treibersignaturen nicht hilft, wird es langsam kritisch.

Ich begab mich in Foren auf die Suche nach einer Lösung. Der Klassiker, die Treibersignaturen zu deaktivieren, half diesmal nicht. Das Tool als Administrator auszuführen, brachte auch keinen Erfolg. Das USB-Kabel war okay, das Handy wurde ja von Windows erkannt. Ein Wechsel der Steckplätze von USB 3.0 auf USB 2.0 – Fehlanzeige. Ich war mit meinem Latein fast am Ende, doch ein Schritt, der eigentlich erst später relevant ist, brachte doch noch den gewünschten Erfolg.

Über die Kommandozeile versuchte ich, per Android Debug Bridge (ADB), einen Befehl an das Smartphone zu schicken. Mit dem Kommando "adb devices", der alle angeschlossenen Geräte auflistet, wollte ich überprüfen, ob ich eine Verbindung zum Smartphone herstellen konnte. Und plötzlich poppte eine Benachrichtigung auf: "Allow USB-Debugging?" – Auf jeden Fall will ich USB-Debugging erlauben.

mi8-adb-devices fullscreen
Da hat mir die Android Debug Bridge noch mal aus der Patsche geholfen.

Offenbar hatte das Xiaomi Mi 8 USB-Debugging noch gar nicht erlaubt. Dabei hätte diese Meldung schon durch das Flash-Tool hervorgerufen werden müssen. Jedenfalls wurde das Smartphone anschließend erkannt und ich wollte richtig loslegen. Xiaomis neue Sicherheitspolitik machte mir aber einen (weiteren) dicken Strich durch die Rechnung.

Lass mich endlich den Bootloader entsperren!

Du kennst wahrscheinlich dieses positive Gefühl, das steigende Prozentzahlen und grüne Häkchen hervorrufen. Genau das setzte bei mir auch beim Entsperren des Bootloaders ein – zumindest kurzzeitig. 50 Prozent, Gerät verifiziert, grüner Haken: Das sieht doch gut aus. Unlocking: 55 %, 60 %, 65 %, 70 %, 75 %, 80 %, 85 %, Abbruch ... Was war denn jetzt schon wieder los? – "Versuchen Sie nach 697 Stunden erneut, das Gerät zu entsperren".

xiaomi-mi-8-04 fullscreen
697 Stunden sind eine ganz Menge Holz.

Eine kurze Google-Recherche brachte Klarheit. Nachdem man mit seinem Mi-Account bei Xiaomi eine Anfrage zum Entsperren des Bootloaders stellt, ist das Freischalten des Handys für 720 Stunden gesperrt. Mit dieser Sicherheitsmaßnahme versucht der Smartphone-Hersteller zu unterbinden, dass Händler Geräte aus China mit einem selbst geflashten Global-ROM im Ausland verkaufen. Wenn Du mehr über diesen und weitere Sicherheitsmechanismen erfahren möchtest, die auch für Hobby-Flasher äußerst nervig sind, empfehle ich dir diesen Artikel bei XDA-Developers. Für mich hieß es jedenfalls erst mal abwarten und Tee trinken.

Die Angst vor dem Brick

Etwas Gutes hatte die lange Wartezeit allerdings: Ich konnte mich ausgiebig mit den Risiken, die beim Flashen auftreten können, beschäftigen. Xiaomi hat nämlich noch ein paar weitere Stolpersteine eingebaut, die schnell dazu führen können, dass das Smartphone zu einem "Brick" wird.

Begriffserklärung "Brick"
Als "Brick" ("Ziegelstein") bezeichnet man scherzhaft ein elektronisches Gerät, das durch eine schwerwiegende Fehlkonfiguration, kaputte Firmware oder ein Hardware-Problem irreparabel beschädigt wurde und nicht mehr zu gebrauchen ist.

xiaomi-rollback-protection-01 fullscreen
Bei aktuellen Builds von ROMs ist die Rollback Protection kein Problem, aber bei älteren Versionen muss man beim Flashen mittlerweile echt aufpassen.

An zwei Stellen haben Nutzer ihre Xiaomi Mi 8 besonders häufig in Ziegelsteine verwandelt, las ich in Foren: Entweder, wenn sie versuchten, nach dem Flashen eines ROMs den Bootloader wieder zu sperren oder wenn sie eine ältere Version von MIUI als die momentane aufspielten (Anti-Rollback-Protection). Ersteres erschien mir unproblematisch, denn TWRP, die Custom Recovery, mit der ich das ROM flashen wollte, bietet gar keine Option, den Bootloader erneut zu sperren. Die Anti-Rollback-Protection machte mir schon mehr Sorgen: Was, wenn das EU-ROM eine niedrigere Build-Version als meine jetzige hatte?

Eine unbegründete Angst, denn das EU-ROM basiert auf dem aktuellen chinesischen ROM und wird wöchentlich aktualisiert. Sie ist also im Regelfall neuer als die offizielle MIUI-Version. Trotzdem hatte ich ein mulmiges Gefühl, als ich nach 720 Stunden endlich loslegen konnte. Aber das Risiko, das Smartphone zu schrotten, ist beim Flashen immer gegeben.

Der Rest ist Routine

Das mulmige Gefühl löste sich schnell in Luft auf, denn die ganze Prozedur lief wie am Schnürchen: Mi Unlock entsperrte den Bootloader problemlos. Anschließend versetzte ich das Xiaomi Mi 8 in den Fastboot-Modus und installierte über ADB TWRP auf dem Smartphone. Dann bootete ich in die Custom Recovery – und die kannte ich so gut wie meine Westentasche: Speicher formatieren, ROM-Image per ADB vom PC auf das Smartphone pushen, ROM und Magisk (für Root-Rechte) installieren, Dalvik Cache löschen (beim Vergessen drohen Bootloops) und neu starten.

So muss das aussehen! fullscreen
So muss das aussehen!
Jetzt schnell das ROM per ADB-Befehl auf das Smartphone pushen. fullscreen
Jetzt schnell das ROM per ADB-Befehl auf das Smartphone pushen.
Dann in TWRP das ROM installieren, Dalvik Cache nicht vergessen zu löschen und fertig ist die Laube. fullscreen
Dann in TWRP das ROM installieren, Dalvik Cache nicht vergessen zu löschen und fertig ist die Laube.
So muss das aussehen!
Jetzt schnell das ROM per ADB-Befehl auf das Smartphone pushen.
Dann in TWRP das ROM installieren, Dalvik Cache nicht vergessen zu löschen und fertig ist die Laube.

Nach dem Neustart wurde ich durch das Setup von MIUI geführt – auf Deutsch. Und nachdem die Einrichtung des Xiaomi Mi 8 abgeschlossen war, bekam ich endlich den Homescreen zu sehen, der so schön leer war. Keine Bloatware mehr, nur die nötigsten Systemapps. Und nirgendwo auch nur ein Anzeichen von Werbung. Außerdem hatte ich jetzt Root-Rechte, mit denen sich tiefgehende Änderungen am System vornehmen lassen. Alles war endlich perfekt.

Fazit: Es hat sich gelohnt

Der Weg zum Custom-ROM war zwar lang und beschwerlich, aber er hat sich definitiv gelohnt. Ich bin mit der von der Community angepassten MIUI-Version absolut zufrieden und freue mich jede Woche aufs Neue, wenn weitere Features erscheinen.

Und auch wenn es sich anhört, als ob ich die chinesische Version von MIUI total verteufele, grundsätzlich ist sie gar nicht so schlecht. Ja, die englische Übersetzung hätte konsequenter umgesetzt werden können, aber das Smartphone ist eigentlich nicht für den internationalen Markt bestimmt. Gleiches gilt für Bloatware und Werbung. Hier in Europa wirkt das befremdlich und nervig. In China stören sich die Leute aber viel weniger daran, beim Öffnen des Browsers gleich von Werbung erschlagen zu werden. Deshalb will ich Xiaomi hier gar keine Vorwürfe machen.

Und das chinesische MIUI war auch nicht der primäre Grund, warum ich ein Custom-ROM auf dem Xiaomi Mi 8 geflasht habe. Das hätte ich nämlich ebenso getan, wenn ich es mir hier in Deutschland mit der globalen MIUI-Version geholt hätte. Ich habe einfach Spaß daran, an Smartphones herumzubasteln.

Kommentar schreiben
Relevante Themen:

Neueste Artikel zum Thema Xiaomi Mi 8

close
Bitte Suchbegriff eingeben