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iOS 10 im Hands-On: Das kann die Beta-Version

iOS 10 in der Beta: Ein Erfahrungsbericht.
iOS 10 in der Beta: Ein Erfahrungsbericht. (©Screenshot TURN ON/Apple 2016)

Seit ein paar Tagen ist iOS 10 als öffentliche Beta-Version von Apple erhältlich. Als neugieriger iPhone-User habe ich mir das neue Betriebssystem gleich installiert, um es im Alltag auszuprobieren. Mein Eindruck bisher: gemischt, aber hoffnungsvoll.

Monatelang wurde wild über die neuen Features in iOS 10 spekuliert, Leaks und Gerüchte befeuerten die Neugier auf das Update immer mehr. Als dann die Nachricht über die öffentliche Beta von Apple kam, fackelte ich nicht lange: Die Anmeldung für das Beta-Programm funktioniert schnell und unkompliziert. Voraussetzungen muss man, abgesehen von einem geeigneten Gerät, nicht erfüllen. Also lud ich das ungefähr 1,7 Gigabyte große Betriebssystem auf mein iPhone 6s herunter und war gespannt: Würde sich das Gerät mit iOS 10 wie ein ganz neues iPhone anfühlen?

Der erste Eindruck war fast etwas enttäuschend, so viel hat sich auf den ersten Blick gar nicht verändert. Allerdings sind es bei Apple ja oft die Details, die den Unterschied machen. Schon nach einigen Minuten entdecke ich neue Features, andere sind einfach verschwunden – oft fällt mir das erst auf, weil gewohnte Abläufe nicht mehr funktionieren. Die Anzahl der Neuerungen ist riesig, die Wichtigsten stelle ich hier kurz vor...

R.I.P.: Nie wieder "Slide to Unlock"

 Aus "Slide to Unlock" wird "Press Home to open" oder auf Deutsch: "Zum Entsperren Home-Taste drücken". fullscreen
Aus "Slide to Unlock" wird "Press Home to open" oder auf Deutsch: "Zum Entsperren Home-Taste drücken". (©TURN ON / Screenshot 2016)

Als Steve Jobs diese Funktion bei der Keynote zum ersten iPhone vorstellte, kreischte das Publikum vor Entzücken. Mein erstes iPhone war ein 3G – seit damals ist mir der Swipe über den Sperrbildschirm in Fleisch und Blut übergegangen. Damit ist es nun vorbei: Ab sofort will mein iPhone, dass ich den Home-Button drücke und danach meinen Code eingebe. Schnell wird mir klar, dass iOS 10 davon ausgeht, dass ich das Smartphone per Touch-ID entsperre. Damit ist dann nur noch ein einziger Druck auf den Button nötig um auf den Homescreen zu kommen. Schon in iOS 9 bestand die Möglichkeit das Telefon per Touch-ID zu entsperren, ohne dabei die Home-Taste zu drücken.

Ich habe die Fingerabdruck-Funktion allerdings nicht verwendet, da ich mir angewöhnt hatte, per Druck auf die Home-Taste die Meldungen auf dem Sperrbildschirm zu checken. Durch Touch-ID verschwanden diese immer gleich. Nun habe ich mich nach einigen Tagen aber doch auf die Funktion eingelassen, die Meldungen sind in Form von Widgets trotzdem gut erreichbar.

Ein wenig Android muss sein: Widgets

 Auch bei gesperrtem iPhone erhält man über Widgets nun viele Infos. fullscreen
Auch bei gesperrtem iPhone erhält man über Widgets nun viele Infos. (©TURN ON / Screenshot 2016)

Widgets sind bei Apple offenbar ganz groß im Kommen. Nicht nur die Heute-Sektion der Mitteilungszentrale (auf dem Home-Screen per Swipe nach unten erreichbar), sondern auch der angestammte Platz der Spotlight-Suche (links vom Home-Screen) sind einer Widget-Übersicht zum Opfer gefallen. Hier kann man sich nun also auch bei gesperrtem Bildschirm die wichtigsten Infos aus vielen Apps anzeigen lassen und bei Bedarf gleich in die Programme wechseln. Welche Widgets man dort platziert, ist einem selbst überlassen, das Feature erinnert mich tatsächlich ein wenig an Android. Mehr Ordnung bringen mir die Widgets zwar nicht unbedingt, aber wenn ich das iPhone mal wieder aus Langweile zur Hand nehme, scrolle ich mittlerweile tatsächlich gerne durch diese Übersicht.

Der Beta-Status wird mir hier auch das erste Mal wieder bewusst: Obwohl die Widgets nach der Installation alle sofort funktioniert hatten, geben sie nun ab und zu mal den Geist auf. Einmal bleiben die Widgets der Apple-eigenen Programme leer, dann die von Drittanbietern. Zwischendurch funktioniert aber auch öfters mal alles blendend – zum Glück ist das Feature für mich alles andere als lebenswichtig.

Viel mächtiger: Der Sperrbildschirm

 Die Funktion "Mit Nachricht antworten" sollte man abschalten. fullscreen
Die Funktion "Mit Nachricht antworten" sollte man abschalten. (©TURN ON / Screenshot 2016)

Im gleichen Look wie die Widgets erscheinen nun Mitteilungen auf dem Sperrbildschirm. Dieser hat insgesamt die größte Überarbeitung erhalten und sieht, vor allem wenn Mitteilungen verschiedener Apps eingetroffen sind, komplett anders aus. Per Swipe nach links kommt man zur Widget-Übersicht, Rechts öffnet sich direkt die Kamera. Zuerst befürchtete ich, deswegen haufenweise unbeabsichtigte Innenaufnahmen meiner Hosentasche zu machen, bisher gab es das allerdings noch gar nicht.

Als problematisch fiel mir aber sofort auf, dass per Standardeinstellung auf SMS oder iMessages und sogar auf WhatsApp-Nachrichten sofort und ohne Angabe des Codes oder Touch-ID geantwortet werden kann. Dies sollte man, wie schon in iOS 9, in den Einstellungen abschalten. Das gleiche gilt für ein neues Feature, dank dem das Telefon aus dem Ruhezustand erwacht, sobald es senkrecht gehalten wird. Das wirkt zuerst nett, hat sich für mich allerdings als völlig unnütz und verschwenderisch in Sachen Akku-Laufzeit erwiesen, da ich das Telefon ab und zu auch einfach so senkrecht halte.

Apples eigene Apps wurden grunderneuert

 Die Mediathek in der Music-App wirkt im neuen Design nun schön aufgeräumt. fullscreen
Die Mediathek in der Music-App wirkt im neuen Design nun schön aufgeräumt. (©TURN ON / Screenshot 2016)

Auch stark überarbeitet worden ist die Karten-App von Apple, welche nun noch stärker in Richtung Navigation ausgerichtet wurde. Beim Tap auf eine Örtlichkeit erhält man nun direkt jede Menge Informationen, Fotos und Kontaktmöglichkeiten – ein großer Button berechnet auf Wunsch sofort die schnellste Route zum Ziel. Auch nett: In der rechten, unteren Ecke wird immer das aktuelle Wetter im angezeigten Kartenausschnitt angezeigt. Insgesamt wirkt die frischere Optik der gesamten App etwas intuitiver und bietet viele kleine Neuerungen.

Das zählt auch für die Music-App, welche ein komplettes Makeover spendiert bekommen hat und mir nun in der Handhabung viel logischer erscheint. Ich persönlich nutze hauptsächlich Spotify und empfinde die Optik von Apple Music nun nicht nur praktischer, sondern auch um einiges ansprechender als die der Konkurrenz. Leider wurde der iTunes Store nicht entsprechend angepasst, vielleicht können wir darauf ja auch noch hoffen.

Die große iMessage-Offensive

 In iMessage kann man nun auch handschriftlich Antworten. fullscreen
In iMessage kann man nun auch handschriftlich Antworten. (©TURN ON / Screenshot 2016)

Hier hat Apple offensichtlich eine Menge anders machen wollen – klar, die Konkurrenz ist groß und für viele Smartphone-User ist der Messenger eines der wichtigsten Features. Die Verbesserungen sind sehr vielfältig – von Tapbacks über Sticker, handschriftliche Nachrichten und die Möglichkeit Fotos zu beschriften oder zu markieren erhält iMessage Unmengen an neuen Funktionen. Ich habe anfangs ein wenig damit herumprobiert, aber ganz ehrlich: Wenn es schnell gehen soll, schreibe ich meine Nachrichten genauso wie bisher. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten neuen Features nur von anderen iOS 10-Nutzern empfangen werden können. Vielleicht gehöre ich aber auch einfach nicht zur Zielgruppe, die sich ständig Songs oder Animationen zuschickt und die es für lebenswichtig hält, dass Text jetzt automatisch in Emojis übersetzt werden kann. Jedem das Seine, ich freue mich immer noch über das GIF-Feature aus iOS 9.

Mehr Kontrolle per Schnellzugriff

 Das Kontrollzentrum bietet nun per Swipe noch mehr Optionen. fullscreen
Das Kontrollzentrum bietet nun per Swipe noch mehr Optionen. (©TURN ON / Screenshot 2016)

Das Kontrollzentrum (Swipe vom unteren Bildschirmrand nach oben) hat Apple in iOS 10 auch etwas aufgebohrt: Symbole wie Flugmodus oder WLAN leuchten jetzt in unterschiedlichen Farben und die Musik-Steuerung hat ein eigenes Fenster spendiert bekommen, welches über eine Swipe nach rechts erreicht werden kann. Das ist zwar schön, aber da ich Musik meist nur bei gesperrtem Bildschirm höre, brauche ich diesen Teil des Kontrollzentrums eigentlich nicht wirklich.

Funktionen wie Taschenlampe oder Timer bieten im Kontrollzentrum jetzt auch 3D-Touch-Features. Das ist praktisch, ich muss allerdings zugeben, dass sich 3D-Touch in meinem Alltag noch kein bisschen durchsetzen konnte. Als Smartphone-User bin ich ein Gewohnheitstier und das stärkere Herumdrücken auf dem Display erscheint mir so gar nicht intuitiv. Ich nehme an, dass die Umgewöhnung auch hier eine Frage der Zeit ist.

Verbuggte Beta? Geht so

 Hier nicht zu sehen: Beim Wechseln zwischen Apps poppt bei mir ab und zu der Homescreen dazwischen. fullscreen
Hier nicht zu sehen: Beim Wechseln zwischen Apps poppt bei mir ab und zu der Homescreen dazwischen. (©TURN ON / Screenshot 2016)

Insgesamt läuft die iOS 10-Beta auf meinem iPhone 6s recht rund, aber natürlich fallen auch immer wieder einige Kinderkrankheiten auf. Beispielsweise scheint das Smartphone beim schnellen Wechsel zwischen Apps per Doppeklick ganz leicht zu haken. Die Musikwiedergabe stoppt manchmal einfach, im App-Store oder in der YouTube-App verschwindet das Suchfeld nach Gebrauch regelmäßig und in den ersten Tagen der Beta musste ich ständig meine Apple-ID erneut bestätigen. Einen negativen Beigeschmack hinterlässt bei mir aber vor allem der Akku-Verbrauch, der außerordentlich hoch erscheint. Zuerst dachte ich, es läge daran, dass ich nun viel öfter am iPhone herumspiele – allerdings scheinen auch andere Nutzer Probleme mit dem Energieverbrauch der Beta-Version zu haben.

 Die Feedback-App für Betatester läuft zwar im Hintergrund immer mit, der Batterieverbrauch hält sich aber in Grenzen. fullscreen
Die Feedback-App für Betatester läuft zwar im Hintergrund immer mit, der Batterieverbrauch hält sich aber in Grenzen. (©TURN ON / Screenshot 2016)

Man muss sich daran erinnern, dass es sich um eine Testversion des neuen Betriebssystems handelt. Bis zum finalen Release wird es noch einige Monate dauern und im Laufe der Zeit sind immer wieder Updates eingeplant. Als Beta-Tester gebe ich daher immer wieder pflichtbewusst über die spezielle App Feedback zu Fehlern und hoffe, dass Apple meine Meldungen auch berücksichtigt. Wenn man sich daran gewöhnt hat, macht das Update aber jetzt schon Spaß, bietet viele verbesserte Details und kann sogar die Produktivität um einiges verbessern.

iOS 10 wird richtig gut

Wer auf die Teilnahme an der Beta verzichtet, kann sich bis zum Release im Herbst auf jeden Fall auf das beste iOS bisher freuen. Wer allerdings nicht auf Veränderungen steht und sich allgemein ungern umgewöhnt, muss die Zähne zusammenbeißen oder versuchen, so lange wie möglich ohne Updates auszukommen.

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