Meinung

Ja, Android-Updates kommen oft spät – aber das ist kein Skandal

Es wird Monate dauern, bevor die meisten Nutzer Android 9.0 Pie erhalten.
Es wird Monate dauern, bevor die meisten Nutzer Android 9.0 Pie erhalten. (©Google 2018)

Android 9.0 Pie ist frisch veröffentlicht, doch bis Samsung, Huawei, Sony und Co. das Update für ihre Smartphones umsetzen, könnten noch Monate vergehen. Viele Nutzer wittern darin einen Skandal und werfen den Herstellern gar Faulheit vor. Dabei wird die Bedeutung von neuen Android-Versionen im Allgemeinen vollkommen überschätzt.

Die Diskussion um verspätete Android-Updates bei vielen Smartphones ist so alt wie die Plattform selbst und sie kocht jedes Jahr wieder hoch – vor allem dann, wenn Google eine neue Version von Android veröffentlicht. So geschehen Mitte August mit dem Launch von Android 9.0 Pie.

Neues Android? Zeitexklusiv für Google-Smartphones!

Während Besitzer eines Pixel-Smartphones die neue Version des Betriebssystems nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit schon erhalten haben, warten viele Nutzer von Samsung-, Huawei- oder Sony-Geräten möglicherweise noch Monate, bis auch sie das Update bekommen. Das war bislang faktisch bei jeder neuen Android-Version so und es wird auch dieses Mal wieder so sein. Und wie üblich werden sich im Netz wieder viele Stimmen finden, die darin einen Skandal oder eine Schande sehen.

Denn für einige ist es offenbar ein riesiges Problem, wenn auf einem Gerät nicht die allerneueste Google-Versionsnummer von Android aufploppt. Dabei verkennen sie allerdings die Struktur der Android-Plattform, die Bedeutung der Updates selbst und auch die Unterschiede zu iOS von Apple oder zu Windows von Microsoft. Tatsächlich ist es in vielen Fällen überhaupt nicht problematisch, wenn es bis zur nächsten Android-Version zwei oder drei Monate länger dauert. Das mag für viele nach einer gewagten These klingen, aber ich möchte im Folgenden versuchen, sie zu untermauern.

Android ist viel größer als Google

Im Gegensatz zu iOS oder auch Windows 10 ist Android keine geschlossene Plattform, sondern eine Open-Source-Software. Das heißt nichts anderes, als dass der Quellcode offen zugänglich ist und theoretisch von jedem verändert, angepasst, weiterentwickelt und an ganz spezifische Bedürfnisse angepasst werden kann. Das Ergebnis kann eine Software sein, die sich sehr stark von dem Grund-Android unterscheidet, welches Google ursprünglich bereitgestellt hat.

 Android ist kein einheitliches Betriebssystem. fullscreen
Android ist kein einheitliches Betriebssystem. (©Google LLC 2018)

Und es ist ja kein Geheimnis: Viele Smartphone-Hersteller machen genau das. Sie nehmen das Stock-Android, das Google entwickelt hat und verändern es dann so weit, bis es möglichst ihren Vorstellungen entspricht und im Idealfall auch noch perfekt auf die von ihnen entwickelte Hardware angepasst ist. Meistens bauen sie dabei auch weitere Features ein, die in der Stock-Version von Google noch komplett fehlen. Wie unterschiedlich die Ergebnisse teilweise ausfallen, haben wir erst in diesem Sommer in einem Video verdeutlicht. Auf Samsung-Smartphones sieht Android folglich ganz anders aus als auf Google-Geräten und bei Huawei, LG oder Sony gibt es wieder einen anderen Look, teilweise aber auch ganz andere Features.

Genau wie bei Linux, auf dem Android aufbaut, steht der Name der Plattform deshalb nicht für ein ganz spezifisches Betriebssystem, sondern für viele verschiedene Variationen davon. In der Öffentlichkeit wird es dabei gern so dargestellt, als sei die Stock-Version des Betriebssystems von Google "die richtige Version", der alle anderen nacheifern müssen. Aber die Praxis sieht tatsächlich anders aus.

Die meisten Android-Innovationen kommen nicht von Google

Die verschiedenen Versionen von Android, die von ganz unterschiedlichen Herstellern kommen, werden in der öffentlichen Diskussion häufig als eine Schwäche dargestellt, weil sich Updates dadurch verzögern würden. Das stimmt aber nur zum Teil. Tatsächlich ist der Open-Source-Charakter von Android vor allem eine große Stärke, die über die Jahre zu zahlreichen Innovationen geführt hat.

Die Unterstützung für Fingerabdrucksensoren hat Google selbst beispielsweise erst 2015 mit dem Release von Android 6 offiziell eingeführt, dabei gab es Android-Smartphones mit biometrischen Scannern schon ab 2011. Möglich war dies für Google nur, weil andere Hersteller wie Motorola oder Samsung die dafür notwendigen Schnittstellen selbst in ihre eigenen Android-Versionen einbauen konnten.

 Fingerabdrucksensoren unterstützt Google erst seit Android 6.0. fullscreen
Fingerabdrucksensoren unterstützt Google erst seit Android 6.0. (©TURN ON 2018)

Auch der Splitscreen-Modus für Apps wurde von Google offiziell erst 2016 mit Android 7 eingeführt, nachdem Samsung und LG diesen zuvor schon mehrere Jahre selbst programmiert hatten. Gleiches gilt für die Notch-Unterstützung von Android. Offiziell gibt es diese erst mit dem neuen Android 9, doch Huawei, LG und OnePlus bieten bereits seit Monaten Notch-Smartphones auf Basis von Android 8 an. Sie haben einfach eigene Versionen von Android 8 entwickelt, die dieses Feature schon unterstützen. Sogar der Support für Dual-Kameras wurde von Google selbst erstmals mit Android 9 eingeführt, während es ihn bei LG und Huawei bereits seit Android 6 gibt.

 Die Notch wird bei Huawei bereits in Android 8.0 unterstützt. fullscreen
Die Notch wird bei Huawei bereits in Android 8.0 unterstützt. (©TURN ON 2018)

Doch das sind nur einige Beispiele: Viele der Software-Features von Android, die wir heute als selbstverständlich erachten, wurden ursprünglich gar nicht von Google entwickelt, sondern von anderen Herstellern. Google hat diese dann oft erst viel später in neuen Android-Versionen übernommen.

Was bringt denn eine neue Android-Version wirklich?

Über die Jahre hat dies zu einer Situation geführt, in denen viele Smartphones von Drittherstellern mittlerweile ab Werk deutlich mehr Software-Features mitbringen als die Pixel-Geräte von Google. Oder ganz krass ausgedrückt: Selbst mit Android 9 Pie fehlen einem Pixel 2 zahlreiche Features, die ein Huawei P20 mit Android 8 und der Huawei-Oberfläche EMUI 8 schon längst an Bord hat.

Generell lässt sich festhalten, dass es bei neuen Android-Versionen viel weniger um neue Features geht als beispielsweise bei iOS oder Windows. Denn anders als Apple aktualisiert Google seine System-Apps schon lange unabhängig von Android über den Google Play Store. Und selbst der Sicherheitsaspekt spielt bei Android-Updates nicht mehr so eine große Rolle, weil auch Sicherheitspatches schon längst unabhängig von großen Android-Versionsupdates verteilt werden.

Android-Updates und Sicherheit

Eine Frage, die bei der Diskussion über Android-Updates häufig aufkommt, ist die nach der Sicherheit. Dabei wird häufig verkannt, dass Sicherheitsupdates für Android mittlerweile losgelöst von den Versionsupdates sind und von Google sogar monatlich herausgegeben werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Gerät mit Android 6, 7, 8 oder 9 läuft. Die Sicherheitsupdates sind auch mit älteren Android-Versionen kompatibel.

Viele Hersteller liefern die Sicherheitsupdates mittlerweile mit einer zeitlichen Verzögerung von wenigen Wochen aus, manche fassen auch mehrere Updates alle zwei bis drei Monate zusammen. Gerade im Flaggschiff-Bereich ist die Abdeckung mit Sicherheitspatches aktuell recht gut. Mittelklasse-Smartphones und besonders Einsteigergeräte werden allerdings von einigen Herstellern nach wie vor oft nur unregelmäßig mit Sicherheitspatches versorgt.

In der Regel liefert Google mit neuen Android-Versionen deshalb vor allem ein paar Optimierungen für systemübergreifende Prozesse: ein besseres Akku-Management zum Beispiel, eine sinnvollere Gruppierung von Benachrichtigungen oder ein paar neue Tweaks zur systemweiten Steuerung. Diese Sachen sind wichtig und können den Alltag der Nutzer wirklich bereichern, aber sie sind gleichzeitig eher unauffällig und wirken subtil unter der Oberfläche.

 Neue Android-Versionen beschränken sich meist auf die Optimierung von Hintergrundprozessen. fullscreen
Neue Android-Versionen beschränken sich meist auf die Optimierung von Hintergrundprozessen. (©Google 2018)

Geht es hingegen um neue Features, dann liefert eine neue Android-Version von Google meistens vor allem die Dinge nach, die einige große Hersteller selbst schon längst umgesetzt haben. In Android 9 sind dies, wie erwähnt, unter anderem die Unterstützung von Notches und Dual-Kameras. Dadurch, dass Google diese Funktionen ganz offiziell in Android integriert, gibt das Unternehmen auch kleineren Herstellern – die nicht die Entwicklerressourcen von Samsung oder Huawei haben – die Möglichkeit, mit den Großen mitzuhalten.

Doch warum sind Android-Updates dann so ein großes Thema und warum soll gleich die Welt untergehen, wenn sich Dritthersteller ein paar Monate Zeit damit lassen?

Das Warten auf ein Android-Update ist gar nicht so schlimm

Die Wahrheit für viele Besitzer von Android-Smartphones ist: Es ist nicht grundsätzlich problematisch, wenn es bis zum nächsten Versionsupdate mal wieder länger dauert. Die Wahrscheinlichkeit, dass man bis dahin irgendwelche weltbewegenden Features verpasst, ist eher gering. Denn wie schon erwähnt, kommen neue Features meist über App-Updates und die laufen schon lange völlig unabhängig von Android-Versionsupdates.

Viel wichtiger ist, dass Updates überhaupt kommen und dass kritische Sicherheitspatches regelmäßig ausgespielt werden. Ob diese nun allerdings die offizielle Android-Versionsnummer verändern, kann den meisten Nutzern eigentlich ziemlich egal sein. Entscheidend ist, dass Updates keine Makulatur sind, sondern wirklich etwas verbessern – sei es nun die Sicherheit oder bestimmte Funktionen.

Sind Samsung und Co. wirklich so langsam?

Trotzdem stellt sich natürlich die Frage, warum sich Samsung und Co. nach dem Launch einer neuen Android-Version teilweise sechs Monate oder noch länger Zeit lassen, bevor sie diese auf ihre Flaggschiff-Smartphones bringen? Sind die Entwickler dort etwa so viel fauler als die bei Apple oder Google?

 Laut Sony ist die Anpassung einer neuen Android-Version eine Reise in mindestens zehn Schritten. fullscreen
Laut Sony ist die Anpassung einer neuen Android-Version eine Reise in mindestens zehn Schritten. (©Sony 2018)

Nicht wirklich! Immerhin können die Dritthersteller überhaupt erst dann damit anfangen, ihre eigene Android-Varianten auf die neueste Version zu updaten, wenn Letztere von Google veröffentlicht wurde. Gerade angesichts der Tatsache, dass die Software immer komplexer wird und dass immer mehr Features berücksichtigt werden müssen, sind ein paar Monate gar kein so langer Zeitraum. Wie viele Schritte es tatsächlich benötigt, bis eine neue Android-Version an ein einzelnes Smartphone angepasst ist, hat Sony erst kürzlich in einer Infografik verdeutlicht.

Und nur mal zum Vergleich: Google selbst und auch Apple benötigen jeweils ein ganzes Jahr, um eine neue Betriebssystem-Version fertigzustellen und auf ihre Geräte zu bringen.

Nicht alles ist gut – aber vieles ist besser als gedacht

Natürlich sind Android-Updates trotzdem wichtig und natürlich sollte die Bedeutung von Google als Begründer der Plattform nicht unterschätzt werden. Gerade im Einsteiger- und Mittelklasse-Bereich könnten viele Hersteller durchaus einen besseren Job machen und regelmäßiger neue Updates herausbringen.

Aber allein auf die Versionsnummer zu schauen, bringt bei Android meistens trotzdem wenig und sagt noch nichts darüber aus, welche Features es gibt und wie sicher das System ist. Da macht auch der ständige Vergleich mit iOS kaum Sinn. iOS-Geräte bekommen neue Features und Sicherheitspatches nämlich tatsächlich nur dann, wenn ein neues Versionsupdate ansteht und sind daher viel stärker auf neue Software-Versionen angewiesen.

Unterm Strich lässt sich sicherlich festhalten, dass es immer noch sehr viel Raum für Verbesserungen gibt, was Android-Updates anbelangt. Schlimm ist vor allem, wenn Hersteller nicht mal die kritischen sicherheitsrelevanten Patches für aktuelle Geräte ausspielen. Aber es ist eben auch kein Skandal, wenn ein Hersteller wie Samsung sechs Monate braucht, um Android 8.0 auf das Galaxy S8 zu bringen.

Artikel-Themen
close
Bitte Suchbegriff eingeben
close
TURN ON Logo

Deine Meinung ist uns wichtig!

Wir wollen TURN ON weiter verbessern und möchten wissen, was du als Leser über TURN ON denkst. Nimm dir fünf Minuten Zeit und nimm an unserer Umfrage teil. Hilf uns, uns noch weiter zu verbessern.

Teilnehmen