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Apple Pay im Alltagstest: Wenn Technik die Realität überholt

TURN-ON-Redakteur Meru hat Apple Pay in den vergangenen Tagen einem Alltagscheck unterzogen.
TURN-ON-Redakteur Meru hat Apple Pay in den vergangenen Tagen einem Alltagscheck unterzogen.
Meru Klee Bezeichnet Games als 'durchgespielt' sobald er die Kampagne durch hat – auch "Black Ops 4".

Mit dem Start von Apple Pay in Deutschland wächst sie wieder: die Hoffnung, eines fernen Tages völlig ohne Klimpergeld aus dem Haus gehen zu können. Warum die Erfüllung dieses Traums trotz reibungslos funktionierender Technik wohl noch etwas dauert, zeigt mein Alltags-Test von Apple Pay.

Mit Vorfreude hatte ich den Deutschlandstart von Apple Pay erwartet – nach wenigen Tagen ist der Hype allerdings schon weitgehend der Alltags-Routine gewichen. Und das ist gut so: Dass der Launch unaufgeregt und ohne technische Komplikationen verläuft, ist immerhin ein Zeichen dafür, dass mein urbanes Umfeld für die Umstellung auf bargeld- und kontaktloses Zahlen bereit ist.

Aus Nutzersicht ist Apple Pay leicht verständlich und mehr als einfach: Auf meinem iPhone X drücke ich zweimal auf die Sperrtaste und blicke auf das Display. Face ID überprüft meine Identität in Sekundenbruchteilen und ich halte das Telefon an die jeweilige Bezahlstation – fertig. Bisher habe ich damit nicht einen einzigen Fehlversuch erlebt, toi toi toi.

Apple Watch Apple Pay Campus
Mit Apple Pay wird die Apple Watch zum Portemonnaie.

Von wegen umständlich – Apple Pay ist an der Kasse schneller als die EC-Karte

Die Befürchtung einiger Skeptiker, dass der ganze Vorgang doch viel zu umständlich sei, halte ich für widerlegt. Im Alltag ist die Zahlung sogar merklich schneller vollzogen als bisher: Kreditkarte aus dem Geldbeutel kramen, in das Gerät einstecken und dann den Pincode eintippen, dauert deutlich länger – das Wegstecken von Karte und Brieftasche nicht einmal eingerechnet.

Wie sicher ist Apple Pay wirklich?

Im Grunde ist die Zahlung per Smartphone nicht unsicherer als das Zahlen mit einer physischen Kreditkarte, bei der man sich entweder mit PIN oder Unterschrift authentifiziert. Auf dem iPhone muss ich meine Identität entweder per Face ID oder Fingerabdruck bestätigen – das lässt sich immerhin schwerer umgehen als ein PIN-Code.

Kartennummern und Informationen zu meiner Identität werden dem Händler nicht weitergegeben, Details zu meiner Kreditkarte sind (übrigens anders als bei Google Pay) nicht mal auf dem iPhone oder bei Apple gespeichert – das zumindest sagt Apple. Stattdessen erhält jedes kompatible Gerät einen individuellen Sicherheits-Token, der sich nicht duplizieren lässt.

Bei Verlust von iPhone oder Apple Watch lässt sich Apple Pay aus der Ferne über die Funktion "Mein iPhone suchen" sperren oder sogar dauerhaft vom Gerät entfernen. Mit den Daten der dann gesperrten Karten könnten Dritte selbst dann nichts anfangen, wenn sie es schaffen, das Gerät zu entsperren.

Verfügbar ist Apple Pay jetzt überall dort, wo auch vorher schon kontaktloses Zahlen möglich war. Achtet man im Alltag auf das bekannte Symbol, fällt schnell auf, dass im Grunde die meisten aktuellen Kartenlesegeräte bereits diesen Standard nutzen. Man ist also nicht nur auf die Geschäfte angewiesen, die vorab von Apple aufgelistet wurden – selbst kleine Läden oder Restaurants verfügen in der Regel über die benötigte Technik.

Warum ich trotzdem weiterhin nach Kartenzahlung frage

Nach wenigen Versuchen spare ich mir daher das Aufheben um die Zahlung per Handy. Stattdessen frage ich einfach, wie bisher, nach Kartenzahlung und verwende dann das iPhone. Für die Kassiererin oder den Kassierer handelt es sich sowieso um den gleichen Handgriff und ich umgehe Nachfragen, während hinter mir die Schlange an der Kasse immer länger wird. Nicht selten ernte ich dennoch verwunderte Blicke vom Kassenpersonal oder bekomme den Witz mit dem berühmten "ersten Mal" zu hören.

Soweit so gut! Aber – und das wurde mir im Test schon nach kurzer Zeit klar: Auch nach dem Start von Apple Pay (und Google Pay) in Deutschland sind wir noch weit hinterher, wenn es um unkompliziertes Zahlen ohne Bargeld geht. Das hat mit Apple Pay an sich aber kaum etwas zu tun, sondern eher mit der Trägheit vieler Händler.

Denn die Bargeld-Pflicht stört mich am meisten, wenn es um Kleinstbeträge geht: Das belegte Brötchen oder eine Flasche Wasser unterwegs, eine Postkarte oder ein Mitbringsel aus dem Souvenirgeschäft an der Ecke und sogar das Bier in der Kneipe – oft  geht es um die kleinen Käufe zwischendurch, bei denen ich Bargeld nicht oder nicht passend zur Hand habe.

Starrsinn oder falscher Geiz? Warum wollen viele Händler bei "Bargeld-only" bleiben?

Gerade hier wird Kartenzahlung beziehungsweise kontaktloses Zahlen aber meist nicht angeboten oder schlimmer, erst ab einem gewissen Mindestbetrag akzeptiert – es fühlt sich an, als ob sich die Realität gegen den technischen Fortschritt sträubt.

Dass es auch anders gehen kann, fiel mir am stärksten bei einem Besuch in London vor ein paar Monaten auf: Im Reisestress vergaß ich, vor der Abreise noch Britische Pfund einzutauschen. Noch bevor ich mich mich auf die Suche nach einem Geldautomaten begeben musste, fiel mir aber auf, dass ich in London ohnehin an jeder Ecke mit Kreditkarte zahlen konnte und sogar dazu ermutigt wurde. Jeder Zeitungsverkäufer dort bevorzugte meine Visa gegenüber Klimpergeld.

Apple Pay
Wird sich Apple Pay auch in Deutschland durchsetzen können?

In Deutschland sieht das leider oft anders aus. Warum ist das so? Zum einen mag das an gewissen "Steuer-Vorteilen" liegen, die sich aus dem "Bargeld-only"-Prinzip ergeben: Wie unter anderem Zeit Online berichtet, ist Steuerhinterziehung vor allem im deutschen Gastronomiebereich ein verbreitetes Problem. Geschätzt die Hälfte aller Gastro-Kassen entsprechen demnach nicht den gesetzlichen Vorgaben.

Je nach Sortiment lohnt sich Kartenzahlung aufgrund verschiedener Faktoren jedoch auch einfach kaum für den Verkäufer: Bietet ein Geschäft zum Beispiel Eintrittskarten für Veranstaltungen an, muss es – im Gegensatz zum Veranstalter – Mehrwertsteuer abführen und verdient außerdem lediglich an der Vorverkaufsgebühr. Für die Zahlung und das Anbieten von Kreditkartenzahlungen fallen für den Händler zusätzlich verschiedene Gebühren an, die die Marge weiter schmälern (siehe dazu etwa einen Bericht in der FAZ). Darum reagieren vor allem viele Geschäfte mit kleinteiligem Sortiment mit dem unsäglichen Mindestumsatz für bargeldloses Zahlen.

Verkäufer sollten über ihren Schatten springen – oder dazu gezwungen werden

Oft steckt aber auch ein gewisses Maß an Starrsinn hinter der Ablehnung mancher Händler: Ein Freund von mir, der in einem Handwerksbetrieb mit Ladengeschäft arbeitet, berichtete mir von den Vorurteilen seines Chefs gegenüber Kartenzahlung: Jahrzehntelang durften Kunden in dem Geschäft nur bar oder auf Rechnung zahlen, vor allem wegen der Gebühren für Kartenzahlungen war eine Umstellung nie Thema.

Seit sie dann 2018 auf Drängen einiger Stammkunden doch kam, ist derselbe Chef allerdings begeistert: Nicht nur spart er beim Steuerberater Kosten für die Bearbeitung der vielen Barzahlungs-Belege, durch Kartenzahlung ist auch schneller Geld auf dem Konto, auf das man bei Kauf auf Rechnung bisher teils wochenlang warten musste. Der Händler ist nun schneller liquide – was weitaus wertvoller ist als die paar Euro an EC-Gebühren.

Es könnte alles so schön einfach sein, oder: Wenn der Kunde König wäre

Für mich als Verbraucher ist es außerdem nervig, dass einzelne Unternehmen dann doch auf Insellösungen setzen, anstatt sich auf einen gemeinsamen Standard zu einigen. Das betrifft mich vor allem im öffentlichen Nahverkehr: Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) lässt mich kontaktlos ausschließlich mit der hauseigenen HVV-Card oder mit der HVV App zahlen. Solche Alleingänge mögen ihre Gründe haben, sind für mich als Kunden aber einfach nur umständlich – technisch dürfte die Akzeptanz wohl kein Problem sein.

Mein eigentliches Problem in Sachen bargeldlosem Zahlen hat also viel weniger mit Apple Pay zu tun, das praktisch ist, bisher (im wahrsten Sinne des Wortes) reibungslos funktioniert und für mich persönlich längst überfällig war. Fast überall, wo ich mit Karte zahlen kann, zahle ich jetzt mit Apple Pay – das ist wunderbar. Aber: So lange in Deutschland selbst Kartenzahlung noch weit vom Standard entfernt ist, werde ich wohl auch weiterhin auf Kleingeld angewiesen sein.

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