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ATOM-Gimbal im Test: Kann das Hype-Gadget in der Praxis überzeugen?

Alles sitzt, alles im Blick: Der Smartphone-Gimbal ATOM mit einem iPhone 7 Plus.
Alles sitzt, alles im Blick: Der Smartphone-Gimbal ATOM mit einem iPhone 7 Plus.
Alexander Mundt Wartet weiterhin sehnsüchtig auf die ersten erschwinglichen OLED-TVs mit 65 Zoll aufwärts.

Du möchtest mit Deinem iPhone oder Android-Smartphone Videos ohne Verwackler aufnehmen? Dann brauchst Du eine extrem ruhige Hand – oder einen Smartphone-Gimbal. Was das Gadget von ATOM tatsächlich leistet, verrät unser Test.

Kameras in Smartphones sind in all den Jahren stets besser geworden und eignen sich mittlerweile auch hervorragend dafür, Videos mit ihnen aufzuzeichnen. Während die Qualität an sich meist stimmt, ist das Bild oftmals sehr unruhig und alles andere als stabil. Moderne Smartphones sind zwar oftmals mit Bildstabilisatoren ausgestattet, die mal mehr und mal weniger gut funktionieren, doch wer wirklich nahezu verwacklungsfreie und sanfte Videos aufnehmen möchte, kommt um einen ordentlichen Gimbal nicht drumherum.

Das Crowdfunding-Projekt ATOM des chinesischen Herstellers Snoppa Technology entpuppte sich auf der Plattform Indiegogo als voller Erfolg. Mehr noch: Mit unglaublichen 14.609 Prozent wurde das Projekt so deutlich überfinanziert, wie es nur selten vorkommt. Doch was ist an dem Gimbal so besonders und was kann das Gadget, was die Konkurrenz, allen voran DJI, nicht kann?

Leicht und transportabel

Atom Gimbal
Lässt sich auf Wunsch auch kompakt zusammenfalten.

Zunächst handelt es sich um einen 3-Achsen-Gimbal, der vor allem mit seiner Transportfähigkeit punktet. Denn: Er lässt sich falten und schrumpft damit zwar nicht auf Taschengröße, aber doch spürbar, vor allem im Vergleich zu ähnlichen Produkten. Beim DJI Osmo Mobile musst Du auf diesen Komfort etwa verzichten – ein großer Pluspunkt also.

Mit einem Gewicht von 440 Gramm fällt das Modell auch vergleichsweise leicht aus. Das ist vor allem bei längeren Sessions nützlich, gleichwohl spürt man nach gewisser Zeit natürlich dennoch das Gewicht. Die Halterung ist geeignet für Smartphones mit einem maximalen Gewicht von 310 Gramm – was wohl für die allermeisten Smartphones mehr als ausreichend sein dürfte.

ATOM-Gimbal Technische Daten
Abmessungen betriebsbereit:123 x 73 x297 Millimeter
gefaltet:50 x 106 x 178 Millimeter
Gewicht 440 Gramm
Neigungsachse 330 Grad
Rollachse 330 Grad
Zulässige Smartphone-Breite zwischen 55 und 90 Millimetern
Zulässige Smartphone-Höhe ≤ 9 Millimeter
Maximales Nutzgewicht 310 Gramm
Akku 2000 mAh
App iOS und Android

In die Halterung passen Handys mit einer Größe zwischen 55 und 90 Millimetern. Mein iPhone 7 Plus passt selbst mit Schutzhülle locker hinein. Das Gerät sitzt äußerst gut, insgesamt wirkt der Gimbal für diese Preisklasse recht ordentlich verarbeitet – mit einer Ausnahme: Der Zoom-Button, der eigentlich sanfte Zooms ermöglichen soll, versagt. Die Taste dafür ist viel zu schwergängig und hakt mehr, als dass sie funktioniert.

Atom Gimbal
Die Steuerung ist gut durchdacht, einzig und allein der Zoom-Regler an der Seite ist verbesserungswürdig.

Unkomplizierte Einrichtung, aber mangelhafte Software

Die Einrichtung ist kinderleicht: Nach dem Download der Snoppa-App, die kostenlos im Play Store und App Store bereitsteht, muss nur noch Bluetooth auf dem Smartphone eingeschaltet werden. In der App kannst Du Dich jetzt ganz einfach mit dem iPhone oder Android-Smartphone verbinden – was in unserem Test stets nahtlos funktionierte. Um das Smartphone in die Halterung einzuführen, müssen zuvor die Griffe auseinandergeschoben werden. Damit der Gimbal das Handy jetzt korrekt ausrichten kann, muss der Power-Button betätigt werden. Das alles funktioniert ziemlich schnell und reibungslos.

Doch der größte Knackpunkt ist derzeit definitiv noch die Software. Die App gibt es aktuell nur auf Englisch, während punktuell ein Mischmasch zwischen Deutsch und sogar Chinesisch eingestreut wird. Was etwa Foto-Modi wie "Lit-Filed" oder "Lit-paint" bedeuten, lässt sich für den Laien allenfalls erahnen. Nach dem ersten Start wurde direkt ein Firmware-Upgrade eingespielt, was innerhalb weniger Augenblicke auch gelang.

Trotz neuester Software machte der Gimbal während der ersten Versuche aber gleich mehrmals die Biege. Aus unerklärlichen Gründen gab das Gadget während der Aufnahme im Dunkeln ein paar Piepser von sich und schaltete sich einfach ab. Die Folge: Das iPhone hing da wie ein nasser Sack und die Aufnahme war für die Katz. Sehr ärgerlich und hoffentlich nur ein Fehler in der Software, der bis zum finalen Release im Dezember noch behoben wird.

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Im "Sudoku"-Modus werden insgesamt neun Aufnahmen zu einem Bild zusammengefügt, um einen größeren Bildausschnitt erfassen zu können.

Ein weiteres Software-Problem: Nach Aufnahme eines Panoramas gelang es der App das ein oder andere Mal nicht, diese ordentlich fertigzustellen. In einem Fall ließ die App mein iPhone 7 Plus sogar einfrieren – nichts ging mehr, nur noch der Hard Reset schaffte Abhilfe. Ein absolutes No-Go! Bei anderen Panoramen wiederum schlich sich offenbar ein Fehler in der abschließenden Bearbeitung ein, weswegen Bilder teilweise nur mit winziger Höhe von 210 Pixeln gespeichert wurden. Kurzum: unbrauchbar.

Obwohl ein dedizierter Nachtmodus zur Wahl steht, gelangen zumindest im Test keine vernünftigen Aufnahmen bei Dunkelheit, auch nicht, wenn der Gimbal auf einer Fläche positioniert wurde. Vielleicht war es zu windig, vielleicht taugt der Gimbal aber auch schlicht nicht als Stativ-Ersatz in Low-Light-Situationen. Wer aber ein Stativ sein Eigen nennt, kann den ATOM-Gimbal dank entsprechender Vorrichtung mühelos anbringen.

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Trotz Smartphone-Gimbal wollte diese Low-Light-Aufnahme nicht so recht gelingen.

Hardware und Gimbal-Funktionalität überzeugen

Doch schlecht ist längst nicht alles: Die Hardware tut größtenteils das, was sie soll. Die Stabilisierung von Videos gelingt hervorragend, der Unterschied zwischen einem normal aufgenommenen Video und einem, das mit ATOM stabilisiert wurde, ist gewaltig. Bei schnelleren Bewegungen sind zwar auch leichte Verwackler auszumachen, doch insgesamt erledigt das Gadget in puncto Bildstabilisierung einen hervorragenden Job, ohne Wenn und Aber.

Auch für Vlogger leistet das Gerät sehr gute Dienste. Das Gesichts-Tracking funktioniert: Die Person wird automatisch erfasst und auch dann verfolgt, wenn der Gimbal bewegt wird – so bleibst Du stets im Fokus. Das gleiche Prinzip funktioniert nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Objekten. Reicht Dir die Tonqualität der Smartphone-Aufnahme nicht aus, kannst Du sogar ein externes Mikrofon anschließen – ein großer Vorteil gegenüber anderen Gimbals, die diese Option oftmals nicht bieten.

Auch mit Action-Cams
Entwickelt wurde ATOM zwar primär für die Verwendung mit Smartphones. Gleichwohl kannst Du den Gimbal auch mit Action-Cams von GoPro nutzen – mit speziellem Adapter oder auch ohne.

Die Bedienung des Gimbals erfolgt größtenteils gut und intuitiv. Direkt auf der Front findest Du einen Joystick, mit dem Du das Smartphone sanft nach oben, unten, links und rechts bewegen kannst, einen Auslöser und die Menütaste. Direkt darunter befindet sich der Power-Button, während seitlich ein sogenannter M-Button platziert ist, mit dem Du standardmäßig das Smartphone um 180 Grad drehen kannst. Das funktioniert genauso gut, indem Du das Handy einfach per Hand in die gewünschte Position bringst.

Atom Gimbal
Direkt nach dem Einschalten richtet der Gimbal das Smartphone korrekt aus.

Praktisch: Sowohl den M- als auch Back-Button kannst Du frei belegen. So kannst Du den Tasten unkompliziert andere Funktionen zuweisen. Nur der sogenannte Zoom-Slider, der leider eher stottert als slidet, ist in diesem Zustand nahezu unbrauchbar. Denkbar aber, dass wir einfach ein Montagsgerät erwischt haben. Insgesamt ist die Tastenbelegung aber logisch und geht gut von der Hand.

Mitgedacht haben die Macher auch an anderer Stelle: So verfügt der ATOM-Gimbal über einen integrierten Wireless Charger. Wer also ein Qi-kompatibles Smartphone einlegt, etwa das iPhone XS, das Galaxy S9 und viele andere Handys, kann dieses während der Nutzung direkt mit Energie versorgen. Das geht natürlich auf Kosten der Gimbal-Laufzeit. Ist Dein Smartphone aber fast leer, wirst Du dieses Feature zu schätzen wissen. Nicht ganz so komfortabel ist das Laden per Kabel, entsprechende Adapter liegen dem Lieferumfang bei.

Fazit: Gutes Produkt, wenn Software-Probleme gefixt werden

Atom Gimbal
Der Gimbal eignet sich auch prima, um verwacklungsfreie Fotos zu machen – zumindest bei guten Lichtverhältnissen.

Kurzum: Willst Du noch mehr aus Deinen Smartphone-Videos rausholen, kommst Du an einem Gimbal kaum vorbei. Dieser ist für sanfte Videoaufnahmen Grundvoraussetzung, wenngleich neuere Smartphones wie das iPhone XS schon einen recht guten Bildstabilisator an Bord haben. Die Hardware des ATOM-Gimbals bietet nur wenig Angriffsfläche für Kritik, das System ist durchdacht und die Bedienung einfach.

Für diesen Preis bekommst Du ein ordentliches Gesamtpaket, das aktuell vor allem noch an der Software hapert. Ein echter produktiver Einsatz ist damit kaum möglich, weswegen zur Zeit noch keine Kaufempfehlung für den Gimbal ausgesprochen werden kann. Sollte es den Entwicklern aber gelingen, die Bugs und die mangelhafte Bedienung alsbald zu fixen – wovon auszugehen ist –, sieht die Sache anders aus.

Dann bekommst Du ein Gadget, das sich auch vor übermächtigen Konkurrenten wie DJI nicht verstecken muss. Doch gerade in der heutigen Zeit steht und fällt alles mit der Software. Eine derlei fehlerhafte App wird keine Akzeptanz mehr finden, weswegen die Macher hier schnell handeln müssen, um daraus ein empfehlenswertes Produkt zu machen. Ob das gelingt, wird die Zeit zeigen.

Kurz vor Fertigstellung dieses Tests wurde der Gimbal zudem auf die Firmware 2.4.2 aktualisiert, die gefühlt etwas besser funktioniert, aber immer noch an vielen Stellen schwächelt. Allein die Verarbeitung eines Panoramas oder Sudokus dauerte bisweilen mehr als eine halbe Minute. Aber: Es bewegt sich langsam in die richtige Richtung. Und der Hype, den der Crowdfunding-Hit im Vorfeld entfachte, könnte irgendwann tatsächlich angemessen sein – bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Das hat mir gut gefallen Das hat mir weniger gefallen
+ insgesamt ordentliche Verarbeitung - unausgereifte Software
+ wenn die Software  mitspielt, weiß die Hardware zu überzeugen - schwache Anleitung, die zudem nur in der App hinterlegt ist

 

Alexander Mundt Wartet weiterhin sehnsüchtig auf die ersten erschwinglichen OLED-TVs mit 65 Zoll aufwärts.
Das sagt Alexander:
Smartphone-Gimbals sind eine praktische Sache: Wer, genau wie ich, mit seiner Handykamera viele Videos dreht, wird butterweiche Aufnahmen zu schätzen wissen. Privat besitze ich den DJI Osmo Mobile der ersten Generation, der die gestellten Anforderungen mit Bravour erfüllt. Einen Grund, diesen bald durch den ATOM-Gimbal auszutauschen, sehe ich aber nicht.

Dennoch macht der Gimbal vieles richtig, nur eben nicht bei der Software. Hier ist Konkurrent DJI dem jetzt getesteten Modell meilenweit voraus. Das muss aber nicht immer so bleiben: Sollte der Hersteller seine Software-Probleme in den Griff bekommen, kannst Du Dir das Gadget ruhigen Gewissens einmal näher anschauen.
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