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Bose QuietComfort 35 im Test: Chance vertan?

Im Test überzeugt der Bose QuietComfort 35 mit seinem Noise Cancelling. Der Bluetooth-Kopfhörer im Over-Ear-Design wird in puncto Soundqualität jedoch von einem Konkurrenten überflügelt. Hat Bose die Chance vertan oder kann der Hersteller dennoch vorne mitspielen?

Den Bürolärm einfach per Knopfdruck abschalten, ohne nervendes Kabel im Weg. Das Over-Ear-Headset Bose QuietComfort 35 macht es möglich. Auch Großstadtlärm, Baulärm, Verkehrslärm, Fluglärm – alle tiefen, dröhnenden Störgeräusche kann der Bose-Kopfhörer unterdrücken, nur Stimmen sind noch auszumachen. Das neue Wireless-Modell bietet die Geräuschunterdrückung des kabelgebundenen Modells QuietComfort 25. Zusätzlich ist eine kabellose Tonübertragung via Bluetooth an Bord. Als Wireless Noise Cancelling-Kopfhörer mit eingebauten Mikros fürs Telefonieren ist der QuietComfort 35 ein echtes High-Tech-Headset.

Meditative Stille: Die Geräuschunterdrückung

 Die Mikrofone messen den Außenlärm und der QuietComfort 35 gleicht ihn mit Gegenschall aus. fullscreen
Die Mikrofone messen den Außenlärm und der QuietComfort 35 gleicht ihn mit Gegenschall aus. (©TURN ON 2016)

Das zentrale Feature der QuietComfort-Serie ist das digitale oder aktive Noise Cancelling, das mit Mikrofonen und Gegenschall den Umgebungslärm unterdrückt. Das wird elektronisch mit einem im Kopfhörer eingebauten Akku ermöglicht, der bis zu 20 Stunden lang durchhält. Die Geräuschunterdrückung funktioniert so gut, dass es fast schon gespenstisch still wird, wenn man das Noise Cancelling aktiviert.

"Ich wusste gar nicht, dass es hier normalerweise so laut ist", meinte ein Kollege aus der TURN ON-Redaktion beim Kopfhörertest. Tatsächlich wird einem der Umgebungslärm in einer Großstadt wie Hamburg erst so richtig bewusst, wenn man entweder gerade frisch vom Land kommt oder wenn man den QuietComfort 35 von Bose anschaltet. Allerdings sollte man unbedingt darauf achten, die Geräuschunterdrückung im Verkehr mit Bedacht einzusetzen. Nahende Autos hört man so nämlich kaum bis gar nicht. Im Flugzeug ist dieser Grad an Lärmunterdrückung super, im Straßenverkehr gefährlich. Dafür kann der Kopfhörer nichts, hier ist die eigene Verantwortung gefragt.

QuietComfort: Bequemlichkeit findet Anklang

Der Tragekomfort des Bose QuietComfort 35 weiß zu überzeugen. Die Kunstleder-Polster schmiegen sich angenehm um die Ohren, wobei sie zugleich fest anliegen. Es ist kein Problem, längere Zeit seiner bevorzugten Musik zu lauschen oder mit den Kopfhörern eine Fernsehserie durchzusehen, bis man genug von ihr hat. Zwar werden die Ohren dabei nicht sofort warm, aber auf längere Sicht schwitzt man mit dem QuietComfort 35, was vor allem im Sommer unangenehm werden kann.

Wireless: Auf den Kabelsalat pfeifen

 Die recht stabile Bluetooth-Verbindung sorgt für kabellosen Klanggenuss. fullscreen
Die recht stabile Bluetooth-Verbindung sorgt für kabellosen Klanggenuss. (©TURN ON 2016)

Im Gegensatz zum Vorgänger muss man sich nun keine Sorgen mehr über das Kabel machen. Man koppelt den QuietComfort 35 einfach via NFC beziehungsweise Bluetooth mit einem Smartphone oder einem anderen Musikwiedergabegerät und lauscht unter lärmbefreiten Bedingungen seiner Lieblingsmusik. Es wirkt befreiend, sich keine Sorgen mehr machen zu müssen, dass das Kabel hängenbleibt oder dass man später wieder den Kabelsalat entwirren muss.

Leider ist Bluetooth auch eines der Probleme des QuietComfort 35. Die Tonqualität fällt bei der drahtlosen Übertragung nämlich deutlich schlechter aus, als wenn man das Headset via Klinkenkabel anschließt – was zum Glück auch möglich, aber eigentlich nicht Sinn der Sache ist. Mit Bluetooth klingt jede Art von Musik detailärmer, lustloser und matschiger. Das ist allerdings nicht die Schuld von Bose, sondern ganz allgemein ein Kompromiss, den man als Nutzer von kabellosen Kopfhörern ohne Sonys LDAC-Technik immer noch eingehen muss.

Soundqualität: Der Ton macht die Musik

 Im Flugzeug ist der QuietComfort 35 zu Hause – die Lärmunterdrückung klappt hervorragend. fullscreen
Im Flugzeug ist der QuietComfort 35 zu Hause – die Lärmunterdrückung klappt hervorragend. (©TURN ON 2016)

Entsprechend klingen Musik und auch ein Film viel klarer und detailreicher, wenn man den QuietComfort 35 mit einem Kabel an die HiFi-Anlage oder an ein Smartphone anschließt. Bei den neuen Folgen von "Marco Polo" auf Netflix konnten wir uns insbesondere über eine sehr gute Sprachverständlichkeit freuen. Man verpasst keine wichtigen Dialoge. Ebenso klingt der Gesang bei Musik sehr klar. Der Grund dafür ist die Mittenlastigkeit des Headsets. Stimmen bewegen sich im Frequenzspektrum tendenziell in der Mitte, was vom neuen Bose-Headset herausgestellt wird.

Für harte Musik, darunter Rock und Metal, bietet sich der Bose QuietComfort 35 daher eher nicht an, denn die Tiefen sind nur schwach ausgeprägt und die Höhen kaum vorhanden. So hat man wenig Freude an Gitarrensoli oder Doublebass-Attacken. Für echte Klassik-Fans ist der typische mittenbetonte Bose-Klang auch nicht das Gelbe vom Ei. Man versteht den Gesang bei Mozarts "Don Giovanni" zwar deutlich, aber das Drama der Oper bleibt eher auf der Strecke. Zudem wirkt der Klang gedrängt und lässt es an Räumlichkeit vermissen, auch wenn der Kopfhörer zumindest etwas mehr Räumlichkeit bietet, wenn man die Geräuschunterdrückung aktiviert. Leider schleichen sich damit auch eine leichte Distanz und Hall in den Klang ein.

Konkurrenzvergleich: Bose spielt die zweite Geige

Trotz der Schwächen hätte man den QuietComfort 35 bis vor Kurzem noch einer bestimmten Zielgruppe empfehlen können, denn die Kombination einer digitalen Geräuschunterdrückung von dieser Qualität mit Bluetooth findet man nur selten. Aber: Seitdem Sony den Hear On Wireless NC veröffentlicht hat, findet man die Kombination eben doch noch einmal bei einem Kopfhörer, dessen Klang keine Mittenbetonung aufweist, sondern alle Frequenzen gut abdeckt.

Der Sony-Kopfhörer hat also ordentlich Bass und Höhen zu bieten und außerdem überzeugt eine Innovation des Herstellers: LDAC. Dank dieses Bluetooth-Übertragungsstandards kann Ton mit viel höherer Qualität (990 KB/s, dreimal so viel wie bislang möglich) kabellos übertragen werden, was man auch hört. Der Sony MDR-100ABN kostet obendrein etwas weniger, nämlich rund 300 Euro, während der Bose QuietComfort 35 aktuell für etwa 380 Euro den Besitzer wechselt.

Fazit: Gehört nicht mehr zum guten Ton

 Der Bose QuietComfort 35 hat große Stärken, aber die Konkurrenz macht ihm das Leben schwer. fullscreen
Der Bose QuietComfort 35 hat große Stärken, aber die Konkurrenz macht ihm das Leben schwer. (©TURN ON 2016)

Der QuietComfort 35 vereint moderne Technik wie digitale Geräuschunterdrückung und kabellose Tonübertragung via Bluetooth in einem Headset. Der Tragekomfort überzeugt und die Geräuschunterdrückung begeistert. Leider kommt ihm sein mittenlastiger Klang in die Quere. Stimmen sind zwar deutlich zu verstehen, aber die Tiefen sind nur schwach ausgeprägt, was sich selbst mit einem Equalizer nur bedingt ausgleichen lässt. Höhen sind derweil kaum auszumachen. Und unter der Bluetooth-Übertragung leidet die Tonqualität. Schlecht klingt der Bose trotz allem sicher nicht, sondern – jedenfalls im Kabelbetrieb – nach gehobener Mittelklasse mit einer Mittenbetonung, die man mögen muss.

Trotzdem hätte man den QuietComfort 35 einer eingeschränkten Zielgruppe, die eine hervorragende Lärmunterdrückung bei gleichzeitigem Kabelverzicht schätzt, empfehlen können. Wäre da nicht der Konkurrent von Sony: Der Sony MDR-100ABN klingt besser, bietet also die Höhen und Tiefen, die man bei Bose vermisst. Mit dem Bose-Kopfhörer teilt er sich nur den Mangel der eingeschränkten Räumlichkeit. Mit LDAC bietet der Sony obendrein kabellose Musikübertragung in viel besserer Qualität. Wer den mittenlastigen Bose-Sound allerdings bevorzugt und kein Problem mit Kabeln hat, kann zum Vorgänger QuietComfort 25 greifen. Der kostet wie das Sony-Modell rund 300 Euro.

Meinung des Autors
Dieser Test bietet mir die Gelegenheit, ein paar Worte über den sogenannten "Bose-Klang" zu verlieren. Dieser gibt sich "kultiviert" mit betonten Mitten, zurückhaltendem Bass und stark reduzierten Höhen. Daraus ergibt sich ein gefälliger Klang, der leicht runtergeht – wie eine Margarita im Unterschied zu kratzigem Whisky. Keine spitzen Höhen, kein Tiefbass, der bis in den Keller hinunterreicht. Wem das gefällt, mag gerne damit glücklich werden. Mit audiophilem Klang hat das meiner Meinung nach allerdings nichts zu tun, im Gegenteil.

Es ist keineswegs der Fall, dass Hi-Res- und Klassikfreunde gerne auf Bass verzichten würden, nur weil sie den dumpfen, muffigen Bass-Klang älterer Beats-Kopfhörer nicht genießen. Vielmehr sollte der Bass klar definiert sein und ein rhythmisch akkurates Timing aufweisen. Dass kultivierte Musik keine ausgeprägten Höhen und keinen Tiefbass haben sollte, ist vielleicht die Meinung von Bose, aber unter Audiophilen und unter leidenschaftlichen Klassik-Freunden wird man eine solche Auffassung nicht antreffen.

Die Musik sollte vielmehr so klingen, wie der Komponist sich das gedacht hat und wie es die Quelle hergibt, etwa eine CD oder eine Hi-Res-Datei. Wenn der Komponist auf Bass oder Höhen verzichten möchte, entscheidet er das – und vorzugsweise nicht der Kopfhörer, was die QuietComfort 35-Lauscher bedauerlicherweise anders handhaben.

Auch der Sony Hear On Wireless ist nicht audiophil, aber wenigstens verzichtet er bei vergleichbaren Features auf einen pseudo-kultivierten Klang und setzt auf Natürlichkeit und Ausgewogenheit. Bose hat sich zu sehr auf seinen Lorbeeren ausgeruht, die sich der Hersteller mit der großartigen Geräuschunterdrückung einst verdient hat. Sony ergreift die Chance und singt Arien, während Bose nur große Töne spuckt.
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