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HTC One M9 im Video-Test: Edel-Smartphone ohne Innovation?

Evolution oder Revolution? Wie viel hat sich vom HTC One M8 zum One M9 verändert?
Evolution oder Revolution? Wie viel hat sich vom HTC One M8 zum One M9 verändert? (©TURN ON 2015)

Mit dem HTC One M9 ist Ende März das erste Top-Smartphone des Jahres erschienen, das dem Samsung Galaxy S6 Konkurrenz macht. Am Design haben die Taiwaner wenig geändert, dafür kommt eine andere Rückkamera zum Einsatz. Ob das für einen Platz unter den besten Smartphones reicht? Das haben wir uns im Test genauer angeschaut.

Das HTC One M8 gehörte ohne Zweifel zu den elegantesten Smartphones der letzten Jahre. Kein Wunder, dass der Nachfolger die Designsprache weitgehend beibehält. Bei der Präsentation des HTC One M9 auf dem MWC 2015 hielten sich die Begeisterungsstürme aber in Grenzen, da die Erwartungshaltung hoch war. Dass Samsung im Anschluss mit dem Galaxy S6 und S6 Edge die Welt überraschte, machte es nicht einfacher. Denn eine Revolution bewirkt HTC mit seinem neuen Flaggschiff keinesfalls.

Mut zur Kante: Warum das HTC One M9 griffiger in der Hand liegt

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Kaum zu unterscheiden: das HTC One M9 und das HTC One M8. (©TURN ON 2015)

Auf den ersten Blick unterscheidet sich das One M9 kaum von seinem Vorgänger – zumindest auf der Vorderseite. Das einteilige Gehäuse besteht erneut aus Aluminium, allerdings setzt sich am Rand dieses Mal eine deutliche Kante ab, die zwei Millimeter tiefer liegt. Es entsteht der Eindruck, als wäre das Smartphone mit einem weiteren Gehäuse ummantelt. Dieses Gefühl wird durch farbliche Kombination aus Silber und Gold verstärkt, die unser Testgerät aufweist. Insgesamt liegt das Smartphone dank der überarbeiteten Bauweise deutlich kantiger und auch griffiger in der Hand. Auch die Rückseite wirkt nicht mehr ganz so glatt wie beim Vorgänger.

Bei den Abmessungen unterscheiden sich beide Modelle nur geringfügig: Mit 69,7 Millimetern ist das One M9 etwas schmaler ist als das One M8, auch wiegt es mit 157,5 Gramm minimal weniger. Dafür ist das Modell geringfügig dicker geworden (9,6 statt 9,4 Millimeter), was beim Nebeneinanderlegen der Flaggschiff-Generationen deutlich auffällt – das mag aber auch eine Täuschung aufgrund der Bauweise sein.

Apropos Nebeneinanderlegen: Im Direktvergleich liegt das One M9 etwas wackeliger auf dem Tisch. Denn HTC hat sich von der ungeliebten Rückkamera mit Ultrapixel-Auflösung verabschiedet – dazu später mehr – und stattdessen eine eckig eingebettete Kamera verbaut. Diese sticht ähnlich wie beim iPhone 6 leicht hervor, sodass das HTC One M9 nicht ganz eben auf einer Fläche ruht. Für Besitzer des Vorgängers ist eine weitere Änderung gewöhnungsbedürftig: Die Powertaste ist von der Oberkante an die rechte Seite gewandert, was die Einhandbedienung verbessert. Auch die Lautstärkenwippe wich zwei separaten Tasten, die wie der Rest des Smartphones hervorragend verarbeitet sind. Beim HTC One M8 kam es bei vielen Exemplaren vor, dass die Lautstärketaste leicht klapperte.

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Der Bildschirm wird erneut von den BoomSound-Lautsprechern umrahmt, die Dolby Audio und 5.1-Surround-Sound-Effekte bieten. Der Stereo-Klang der Boxen ist mehr als ordentlich, zudem ist er nun auch lauter. Im Vergleich zu den Lautsprechern des HTC One M8 klingt der Sound zudem klarer, dafür fehlt es aber auch etwas an Bässen. Trotzdem: Für den einen oder anderen Song reicht die Qualität vollkommen aus. Vielhörer werden auf Kopfhörer umsteigen, auch dem Umfeld zuliebe.

Der Bildschirm kann sich auch ohne QHD sehen lassen

Wie schon beim Vorgänger setzt HTC beim One M9 auf ein fünf Zoll großes LCD-Display. Anders als Samsung oder LG verweigern sich die Taiwaner dem UHD-Trend und der 4K-Auflösung, was der Akkuleistung zugutekommt. Stattdessen löst der Bildschirm mit Full HD (1920 x 1080 Pixeln) bei 441 ppi auf. Im Vergleich zum mittlerweile ein Jahr alten LG G3 mit seinen 538 ppi ist das zwar kein Referenzwert. Im Test wirkt das Display aber dennoch knackig scharf, einzelne Pixel lassen sich nicht erkennen.

Auch im Freien gibt es keinen Grund zur Klage. Die Inhalte lassen sich auch bei stärkerer Sonneneinstrahlung noch gut ablesen – sofern die Helligkeit hochgeregelt ist. Insgesamt wirkt der Kontrast aber schwächer als beim Vorgänger. Ein weiteres Manko: Zwar kann auch das HTC One M9 die Helligkeit automatisch der Umgebungsbeleuchtung anpassen. Im Vergleich zum HTC One M8 ist das Ergebnis jedoch deutlich dunkler.

Das HTC One M9 setzt auf einen Snapdragon 810

Im Inneren des einteiligen Aluminiumgehäuses verrichtet ein Snapdragon 810 seine Arbeit – das HTC One M9 ist eines der ersten Smartphones, das den achtkernigen Prozessor mit 64-Bit-Architektur nutzt. Vier Kerne sind mit 2 GHz getaktet, die übrigen vier mit 1,5 GHz. Vor dem Release berichteten mehrere Tests und Leaks von Hitzeproblemen, bei unserem Testgerät traten diese nicht auf. Der Grund liegt in der vorinstallierten Firmware 1.32.401.214, die noch am 23. März veröffentlicht wurde. Mit ihr bekam HTC das Hitzeproblem in den Griff, was offenbar durch eine Senkung der Taktrate einzelner Kerne gelang.

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HTC One M8 und One M9 4 (©TURN ON 2015)

Unterstützt wird die CPU von 3 GB Arbeitsspeicher. Die Gesamtperformance im Alltag bleibt somit insgesamt sehr gut, die meisten Spiele und Anwendungen laufen ohne Ruckler. Unter extremer Volllast kommt es aber nach kurzer Zeit zu Einbrüchen, sodass sich das HTC One M9 zeitweise der Performance seines Vorgängers annähert.

Für Apps, Musik und andere Daten besitzt das HTC One M9 insgesamt 32 GB internen Speicher, von dem aber nur 21 GB  genutzt werden können. Im Vergleich zum Samsung Galaxy S6 oder iPhone 6 lässt sich dieser aber mittels Micro-SD-Karte schnell und günstig erweitern. Und wer sich lieber auf eine Cloud verlässt, kann kostenlos zwei Jahre lang 100 GB Speicher bei Google Drive nutzen.

Bei der Akkuleistung macht das HTC One M9 keinen großartigen Sprung nach vorne: Die Kapazität ist von 2.600 mAh auf 2.840 mAh angewachsen, allerdings beanspruchen Prozessor und Display auch mehr Energie. Bei intensiver Nutzung kommt das Smartphone gut über den Tag, muss über Nacht dann aber auch wieder aufgeladen werden. Bei einer normalen Nutzung im Alltag hält die Batterie fast zwei Tage durch. Das Aufladen des vollständig entladenen Akkus dauert fast 2,5 Stunden. Ein Manko: Die Batterie ist leider fest verbaut.

Die Kamera ist bleibt und die Achillesferse

In beinahe jedem Test wurde das HTC One M8 für seine Rückkamera kritisiert – und das auch zurecht. Daher war es zwingend notwendig, dass die Taiwaner hier nachsteuern. Beim HTC One M9 kommt statt einer Rückkamera mit vier Ultrapixeln ein Pendant mit 20 Megapixeln zum Einsatz. Die DualCam ist ebenfalls verschwunden. Ganz von der Ultrapixel-Technologie verabschiedet hat HTC sich aber nicht: Die Frontkamera des One M9 löst mit vier Ultrapixeln auf. Hat der Wechsel der Rückkamera etwas gebracht? Leider nicht ganz so viel wie erhofft. Dabei hatte HTC noch vor Release des Smartphones ein Firmware-Update veröffentlicht, das die Bildqualität hochschraubte.

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Die mit der Rückkamera geschossenen Fotos wirken zwar schärfer und natürlich als beim HTC One M8. Allerdings bleiben die Aufnahmen kontrastärmer und blasser. Wer im Dunkeln fotografieren möchte, kann die Kamera gleich ausgeschaltet lassen. Somit eignet sich das HTC One M9 zwar für gelegentliche Schnappschüsse und entspricht durchschnittlichen Anforderungen. Vielfotografen werden allerdings bei anderen Top-Smartphones besser aufgehoben sein – dies haben auch andere Vergleichstests gezeigt. HTC kommt in Sachen Fotografien also nicht an das Samsung Galaxy Note 4 oder das iPhone 6 heran – und das ist die Riege, mit denen sich das Modell messen muss.  Anders ist es bei den Videoaufnahmen: Diese sehen sehr gut aus, gerade der UHD-Modus überzeugt. Im Gegensatz zum Vorgänger kann das HTC One M9 auch in 4K filmen (3840x 2160 Pixel).

Sense 7.0 bietet viele Möglichkeiten zur Individualisierung

Das HTC One M9 erscheint ab Werk mit Android 5.0.2 Lollipop, hinzu kommt die Benutzeroberfläche Sense 7.0. Sie beschert dem Smartphone einige neue Features, zum Beispiel die Individualisierung durch zahlreiche Themes. Diese lassen sich in einem Store herunterladen. Dabei gibt es komplette Pakete, aber auch einzelne Schrifttypen, Hintergründe, Symbole und Töne. Praktisch ist das neue Sense-Widget, das Dir auf der Startseite je nach Standort die für Dich wichtigsten Apps anzeigt. Eine weitere coole Änderung ist das Hinzuschalten einer vierten On-Screen-Taste, die etwa das Display des Smartphones ausschaltet oder direkt zu den Benachrichtigungen führt.

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Ansonsten hält Sense 7.0 an Vielem fest. Dazu zählt auch die Bedienung, die für Nicht-HTC-Nutzer ungewohnt ist. Durch den Homescreen navigiert man horizontal, während die Übersicht im App Drawer vertikal scrollt. Auch wieder mit dabei sind die Motion Launch-Gesten, sodass sich das Smartphone etwa mit einem doppelten Antippen des Displays aufwecken lässt, sowie die vorinstallierte App Blinkfeed. Diese hält Dich auf dem Laufenden, was bei den großen Nachrichtenseiten passiert, informiert Dich über Termine aus Deinem Kalender oder teilt Dir mit, was Deine Freunde bei Facebook, Twitter und Co. so treiben.

Fazit

Das HTC One M9 stellt keine Revolution dar – stattdessen hat sich der Hersteller auf seine Qualitäten besonnen. Zudem haben die Taiwaner offenkundig versucht, sich die Kritik am Vorgänger zu Herzen zu nehmen. Bei der Kamera ist tatsächlich eine Besserung zu erkennen, auch wenn der Sprung nicht wirklich groß ist. So gut die Performance des Smartphones insgesamt auch ist, die Rückkamera bleibt nur Durchschnitt. Apple, Samsung und Sony wissen weiterhin besser, wie Fotografieren auf dem Smartphone funktioniert. Abseits davon sichert sich das HTC One M9 im Test dennoch einen Platz weit vorne in unserer Bestenliste. Auch wenn die Erwartungshaltung der Fans und Kritiker nicht erreicht wurde, so bleibt es doch ein sehr gutes und elegantes Smartphone mit kleineren Schwächen. Dies lässt sich HTC 750 Euro kosten, auch wenn der Preis wie bei vielen Android-Geräten schnell fallen dürfte.

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