Test

Jawbone Up3 im Dauertest: Hat sich das lange Warten gelohnt?

Jawbone Up3 (11 von 17)
Jawbone Up3 (11 von 17) (©TURN ON 2015)

Was lange währt, wird endlich gut – sagt der Volksmund. Lange auf sich warten lassen hat das Jawbone Up3 definitiv. Mehr als sechs Monate sind zwischen Ankündigung und Auslieferung vergangen. Aber ob der vielversprechende Fitness-Tracker auch den zweiten Teil der Binsenweisheit erfüllt, muss er in unserem Dauertest erst einmal unter Beweis stellen.

Rund zehn Wochen trage ich das Jawbone Up3 jetzt – im Alltag, im Urlaub, (fast) überall. Zeit für eine neue Bilanz. Kann der sehnsüchtig erwartete Fitness-Tracker seine vielen Versprechen tatsächlich einhalten? Bestätigt sich der insgesamt doch recht positive Eindruck aus dem ersten Kurz-Test oder ist bereits nach wenigen Wochen die Luft raus und die Lust aufs Tracken verflogen? Motiviert der Smart Coach oder nervt er? Das wollte ich im Selbstversuch herausfinden.

Komfort: Up3 ist im Alltag schnell vergessen

fullscreen
Beim Sport darf ein Fitness-Tracker nicht stören. (©TURN ON 2015)

Wenn man einen Fitness-Tracker wirklich dauerhaft tragen will, dann sollte er komfortabel sein. Stört ein Armband, dann wird man es früher oder später wieder beiseite legen. Und so scheint es vielen Wearable-Besitzern zu gehen. Laut einer US-Studie von Ende 2013 hat rund die Hälfte der Vermessungsfreunde ihr Wearable nach spätestens anderthalb Jahren abgeschrieben. Dem Jawbone Up3 könnte es ebenso ergehen – muss es aber nicht. Zumindest nicht aufgrund des Tragekomforts. Das Jawbone-Topmodell ist zwar nicht ganz so schlank und leicht wie das Up2. Dennoch ist es schnell vergessen, weil sich das Gummiarmband sanft um das Handgelenk schmiegt.

Design: Wer die (Farb-)Wahl hat, hat die Qual...

Und damit es Fashion-Freunden auf Dauer nicht langweilig wird mit dem schwarzen oder grauen Fitness-Tracker, hat Jawbone dem Up3 zum Herbstbeginn ein Style-Update verpasst. Seitdem ist das Modell in insgesamt sechs verschiedenen Farben und Designs erhältlich. Ich habe mich natürlich gefreut, dass ich nach rund zwei Monaten auf ein farbenfroheres Test-Gerät umsteigen durfte. Allerdings bezweifle ich, dass Besitzer eines Up3 bereit sind, noch einmal 179,99 Euro auszugeben, um den Tracker in einer anderen Farbe tragen zu können. Für Erstkunden ist die gewachsene Auswahl natürlich eine gute Nachricht – und für Lifestyle-orientierte Menschen erst recht. Die farbenfrohen Versionen sehen nämlich noch einmal mehr nach Modeaccessoire und weniger nach funktionaler Technik aus.

Welches Modell mir besser gefällt? Dem schwarzen Up3 sieht man seine zwei Monate Benutzung doch schon etwas an. Die Tracker-Einheit zeigt einige winzige Kratzer von unabsichtlichen Kontaktaufnahmen mit Türrahmen, Tischen und Co. Auf dem Gummiband bleiben solche Spuren in Form von kleinen Kerben sichtbar. Und besonders im Sommerurlaub setzte der ständige Kontakt mit Sonnencreme dem Armband zu.

Jawbone Up3 (7 von 17) fullscreen
Jawbone Up3 (9 von 17) fullscreen
Jawbone Up3 (17 von 17) fullscreen

Grundsätzlich gilt aber auch hier: Wer seinen Fitness-Tracker pfleglich behandelt und regelmäßig reinigt, kann lange Freude daran haben. Die Entscheidung für eine bestimmte Farbe ist dann Geschmacksfrage – und vielleicht auch eine des Putzwillens. Ich kann mir nämlich vorstellen, dass man die helleren Varianten wie Silber und Gold häufiger reinigen muss als Schwarz oder Dunkelblau. Das dunkelrote Up3 gefällt mir daher derzeit am besten. Es scheint mir ein guter Kompromiss zwischen praktisch und schick zu sein. Natürlich werden Fashion-Begeisterte aber anmerken, dass es nicht mit jeder Kleidungsfarbe kombinierbar ist ...

Fitness-Tracking: Gute Animation zu mehr Bewegung

Wer sich selbst einen Fitness-Tracker kauft und ihn nicht als Geschenk aufs Auge gedrückt bekommt, hat in der Regel ein bestimmtes Ziel vor Augen: mehr Bewegung im Alltag. Dafür reicht zumeist ein Basis-Tracker mit Schrittzählerfunktion. Allerdings ist es dann eine Typfrage, ob allein die Info über die täglich zurückgelegten Schritte zu mehr Bewegung animiert. Wer mehr Ansporn braucht, sollte sich auch über die mit dem Tracker kompatiblen Apps informieren. Während aktuelle Schrittzähler im Grunde alle ähnlich genau arbeiten, gibt es bei der Frage, was mit den gesammelten Daten angestellt wird, noch große Unterschiede.

fullscreen
Wer öfter mal laufen geht, kommt ohne Weiteres auf die empfohlenen 10.000 Schritte am Tag. (©TURN ON 2015)

Hier weiß das Jawbone Up3 – ebenso wie das weniger umfangreich ausgestattete, aber auch günstigere Up2 – zu überzeugen. Die Schrittzählerfunktion arbeitet wie bei vielen anderen Modellen mehr oder weniger genau. Nach dem Zähneputzen oder Haarekämmen mit der Up3-Hand etwa hatte ich immer einige Schritte mehr auf der Uhr. Richtig überzeugen kann aber die Up-App.

Smart Coach & eine der aktuell besten Fitness-Apps

Messen kann jeder – auswerten und motivieren hingegen nicht. Als Beispiel führe ich hier gerne mein privates Mio Fuse an. Das Medisana-Modell misst die Herzfrequenz mit annähernder EKG-Genauigkeit und spuckt mir die Daten in der App auch übersichtlich aus. Das war's dann aber schon. Was es bedeutet, in welchen Herzfrequenzzonen ich mich beim Training bewege, muss ich selbst herausfinden.

fullscreen
Die Up-App ist für Fitness-Neulinge hilfreicher als viele anderen. (©TURN ON 2015)

Jawbone geht einen anderen Weg und legt nicht nur auf die Hardware, sondern auch auf die Software großen Wert. Die bereits in vorherigen Tests verwendete Up-App hat ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal: den Smart Coach. Dieser informiert, berät, fordert und lernt. Je länger ich das Up3 trage, desto informativer werden seine Statistiken und desto sinnvoller die daraus abgeleiteten Empfehlungen. So war es mir gar nicht so bewusst, dass ich mich im Schnitt über mehrere Wochen trotz vorwiegender Schreibtischarbeit gar nicht so wenig bewege, wie ich anfangs dachte. Ich habe natürlich nicht jeden Tag das eingestellte Schrittziel von 10.000 Schritten geknackt, im Durchschnitt erreiche ich laut Smart Coach jedoch 12.122 Schritte täglich – und gehöre damit "zu den besten 20 % der weiblichen Up-Läufer in ihren 20ern". Yeah!

JawBone (5 von 12) fullscreen
Jawbone Up-App 10 fullscreen
Jawbone Up-App 14 fullscreen
Jawbone Up-App 22 fullscreen

Solche Infos motivieren natürlich. Wer einen anderen Ansporn sucht, kann aber zum Beispiel auch Schrittduelle starten und einen anderen Up-Träger via App herausfordern. Zugegeben: Dass ich meine Mutter am ersten Pressetag der IFA 2015 herausforderte, war etwas fies. Aber alle vorherigen Schrittduelle hatte sie für sich entschieden ...

Wer schnell aufholen will, legt eine kurze Laufrunde ein. Dass Du Dich dabei schneller bewegst als üblich, registriert der Fitness-Tracker. Der Smart Coach fragt dann im Nachhinein, was Du in diesem Zeitraum gemacht hast. Auf diese Weise lassen sich Workouts und Co. vergleichsweise unkompliziert eintragen. Allerdings steht nur eine übersichtliche Auswahl an Sportarten zur Auswahl (ich vermisse etwa Inlineskaten und Kickboxen).

Jawbone Up3 (8 von 17) fullscreen
Jawbone Up-App 15 fullscreen
Jawbone Up-App 16 fullscreen
Jawbone Up-App 11 fullscreen
Jawbone Up-App 13 fullscreen
Jawbone Up-App 12 fullscreen

Der Smart Coach führte mir aber noch etwas anderes vor Augen. So war mir nicht bewusst, dass ich im Schnitt so deutlich unter den empfohlenen 8 Stunden Schlaf pro Nacht liege. Der Smart Coach informierte mich nicht nur regelmäßig über die Schlafdauer, die verschiedenen Schlafphasen und meine Herzfrequenz in der Nacht. Er unterbreitete mir auch Vorschläge für neue Schlafziele, gab Tipps, wie ich diese erreichen kann und lieferte Hintergrundinfos, warum das so wichtig ist.

Schlaf-Tracking: Update bringt Automatikmodus

Apropos Schlaf: Diesen analysiert das Jawbone Up3 dank zusätzlicher Bioimpedanz-Sensoren tiefgründiger als Fitness-Tracker, die lediglich Bewegungen im Schlaf registrieren. Während der Nacht misst das Modell auch den Puls und kann anhand der gesammelten Daten Leicht-, Tief- und REM-Schlafphasen auseinanderhalten.

Jawbone Up3 (6 von 17) fullscreen
Jawbone Up-App 9 fullscreen
Jawbone Up-App 20 fullscreen

Bis vor wenigen Wochen hätte das Schlaf-Tracking dennoch zu meinen größten Kritikpunkten am Jawbone Up3 gezählt. Denn das Armband musste per manueller Tippgeste (2x kurz, 1x lang) in den Schlafmodus versetzt werden. Das funktionierte nicht nur suboptimal und nervte tierisch, wenn man bereits halbwegs weggedöst war. Alle paar Nächte habe ich es schlicht und einfach vergessen und der Schlaf wurde nicht erfasst.

Anfang September lieferte Jawbone dann aber ein Firmware-Update. Seitdem fällt das nervige Getippe weg. Jawbone Up3 und Up2 erkennen den Schlaf jetzt automatisch – endlich!

Gesundheitsanalyse: Pulsmessung noch ausbaufähig

Jawbone Up3 (4 von 17) fullscreen
Jawbone Up-App 18 fullscreen
Jawbone Up-App 21 fullscreen

Vor allem löste Jawbone mit dem Update aber ein Versprechen ein, das schon zur Vorstellung des Up3 gemacht wurde: Der Fitness-Tracker misst den Puls des Trägers jetzt regelmäßig, nicht mehr nur einmal direkt nach dem Aufwachen. Weiterhin jedoch mit der Einschränkung, dass nur Ruhephasen abgebildet werden. Als Indikation für die grundlegende Herzgesundheit mag das vielleicht herhalten, als Sportler wünsche ich mir jedoch auch die Abbildung von Workouts. Aber noch hoffe ich: Bei einem Presseevent in Hamburg verriet Jawbone nämlich, dass das nächste Firmware-Update nicht mehr lange auf sich warten lässt.

Essensprotokollierung: Auf Dauer unpraktikabel

Jawbone Up3 (5 von 17) fullscreen
Jawbone Up-App 23 fullscreen
Jawbone Up-App 24 fullscreen
Jawbone Up3 (1 von 17) fullscreen

Puh! Jede zu sich genommene Mahlzeit, jeden Snack und am besten noch jedes Getränk in eine App einzutragen, ist ganz schön aufwendig – und im Alltag auf Dauer nicht zu bewältigen, denke ich. Einige Tage am Stück habe ich es durchgezogen, über den gesamten Test-Zeitraum hätte ich es allerdings nicht durchgehalten. Abnehmwilligen kann es durchaus helfen, sich mittels der Essensprotokollierung einen Überblick über die zu sich genommen Lebensmittel, deren Nährwerte und Zusammensetzung zu verschaffen. Auch erlaubt die Up-App recht kleinteilige Auswertungen – beispielsweise das Filtern nach aufgenommenem Zucker in der Trends-Ansicht. Wer jeden Snack im Alltag dokumentiert, entlarvt mit Sicherheit die eine oder andere kleine Sünde. Auf Dauer lässt die Motivation zur zeitraubenden Mahlzeitenprotokollierung aber schnell nach.

Fazit: Noch nicht das ultimative Fitness-Gadget

Noch vor wenigen Wochen hätte ich ein negativeres Fazit zum Jawbone Up3 gezogen. Doch meine zwei größten Kritikpunkte am Fitness-Tracker hat Jawbone mit einem Firmware-Update ausgemerzt. Jetzt kann das Topmodell des Herstellers den Schlaf automatisch erkennen und die Herzfrequenz auch tagsüber mehrmals messen.

Insgesamt zählt das Jawbone-Modell meiner Meinung nach zu den besten aktuellen Fitness-Trackern am Markt – einen großen Anteil daran hat auch die ausgereifte Up-App. Das Armband an sich ist bequem, die Tracker-Einheit fällt nicht allzu groß aus und stört daher auch nachts nicht. Seit dem Style-Update zum Herbstbeginn stehen zudem viele verschiedene Farben zur Auswahl.

Dennoch: Sein volles Potenzial schöpft das Up3 nach wie vor nicht aus. Die Bioimpedanz-Sensoren könnten noch viel mehr, die entsprechende Software fehlt aber noch. Meine Geschichte mit dem Jawbone Up3 bleibt daher eine Geschichte des Wartens. Erst das lange Warten auf den Fitness-Tracker, dann das Warten auf Firmware-Updates. Und es wird weitergehen. Wenn das Up3 dann künftig alle versprochenen Funktionen bietet, wird sich das Warten sicherlich gelohnt haben. Oder ist die Konkurrenz dann vielleicht schon weiter?

Artikel-Themen

Weitere Artikel zum Thema

close
Bitte Suchbegriff eingeben