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Microsoft Lumia 950 im Test: Das Windows 10-Smartphone

Wie schlägt sich das Lumia 950 mit Windows 10 Mobile im Test?
Wie schlägt sich das Lumia 950 mit Windows 10 Mobile im Test? (©TURN ON 2015)

Das Microsoft Lumia 950 kommt als weltweit erstes Smartphone mit Windows 10 Mobile und Continuum. Wir haben im Test nicht nur das Gerät, sondern auch das Betriebssystem und seine Features auf Herz und Nieren geprüft. Kann das Mobiltelefon Samsung und Apple das Fürchten lehren?

Das Lumia 950 ist gemeinsam mit seinem großen Bruder, dem Lumia 950 XL, die große Hoffnung für Microsofts Mobilfunk-Sparte. Als erstes Smartphone mit Windows 10 Mobile kommt dem Gerät zudem die Aufgabe zu, Pionierarbeit mit dem neuen Betriebssystem zu leisten.

Das Design: Klassisch Lumia

Schon beim Auspacken des Lumia 950 zeigt sich: Microsoft wagt zumindest beim Design keine Experimente. Anders als die meisten Hersteller setzen die Redmonder auch 2015 auf ein Kunststoff-Gehäuse. Dementsprechend kann das Windows-Phone natürlich nicht den gleichen hochwertigen Eindruck vermitteln wie etwas ein Huawei Mate S oder ein Samsung Galaxy S6. Am ehesten lässt es sich optisch noch mit dem aktuellen Nexus 5X vergleichen.

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Haptisch erweist sich das 5,2-Zoll-Gerät allerdings angenehmer als so manches andere Kunstoff-Gerät, wobei die Rückseite für einen guten Halt aber etwas weniger glatt ausfallen dürfte. Generell ist das kantige Design nicht unbedingt der größte Handschmeichler. Das ist aber Kritik auf hohem Niveau, denn trotz allem liegt das Smartphone gut in der Hand und tatsächlich habe ich es in der Testphase auch gern bedient.

Die rechte Seite wird von drei silbernen Tasten geschmückt, die beim Anfassen leider etwas hin und her wackeln. Neben der Lautstärke-Wippe und dem Power-Button gibt es dabei auch einen physischen Auslöser für die Kamera – ein nettes Feature für alle Hobby-Fotografen und etwas, an dem sich andere Hersteller gern ein Beispiel nehmen dürfen.

Windows 10 Mobile: Ein Konkurrent für Android und iOS?

Auch wenn Microsoft konsequent seine eigene Designsprache durchzieht, wirklich interessant oder besonders ist das Äußere des Lumia 950 nicht. Umso aufregender ist allerdings die Software. Zum ersten Mal läuft auf dem neuen Lumia nämlich Windows 10 Mobile. Mit dem Betriebssystem möchte Microsoft im Mobilfunk-Geschäft in Zukunft ein gehöriges Wörtchen mitreden. Der grundlegende Aufbau von Windows 10 ähnelt dabei dem von Windows Phone 8. So wird der Homescreen von der bekannten Kachelansicht dominiert. Die Kacheln selbst sind allerdings leicht transparent, sodass der gewählte Hintergundbildschirm durchscheint.

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Windows 10 Mobile präsentiert sich schick und stylisch. (©TURN ON 2015)

Wer möchte, kann die Darstellung aber auch anpassen, sodass Hintergrundbild und Kacheln verschmelzen. Auch Größe und Position der Kacheln lassen sich individuell anpassen, wodurch man als Nutzer durchaus die Möglichkeit bekommt, seinen Homescreen zu selbst einzurichten. Insgesamt wirkt der Bildschirm wie eine schickere Version des neuen Windows 10-Startmenüs auf dem PC.

Für User, die von einem iPhone oder einem Android-Smartphone zum Lumia wechseln, mag die Ansicht zunächst ungewohnt und vielleicht auch etwas unübersichtlich wirken. Schon nach kurzer Zeit fallen die Unterschiede jedoch nicht mehr negativ auf. Mir persönlich gefällt die Optik von Windows 10 Mobile wirklich gut. Das Design, das sich durch alle Menüs und Oberflächen sowie durch viele Apps zieht, wirkt stylisch und unverbraucht und hebt sich vom Einheitsbrei angenehm ab. Zudem präsentiert sich Windows 10 Mobile nach kurzem Ausprobieren als sehr übersichtliches Betriebssystem.

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Beim Wischen vom oberen Bildschirmrand öffnet sich das Action-Center von Windows. Auch hier verwendet das Lumia 950 eins zu eins die Ansicht, die sich auch in der Desktop-Version von Windows 10 findet. Auch Benachrichtigungen über verpasste Anrufe, erhaltene SMS oder Mitteilungen von Apps laufen in diesem Fenster ein – das kennt man genau so ja auch von Android und iOS.

Keine Schwächen bei Performance und Ausstattung

Das Betriebssystem selbst macht zum Start einen runden Eindruck. Mit Performance-Problemen hatte das Lumia 950 im Test nicht zu kämpfen. Viele PC-User, die bereits Erfahrungen mit Windows 10 gesammelt haben, werden sich zudem in der Menüstruktur schnell zurechtfinden. Umsteiger von Android oder iPhone müssen sich ein wenig neu orientieren. Erwähnt werden sollte, dass das Lumia 950 mit einem Snapdragon 808-Prozessor und einem Arbeitsspeicher von 3 GB RAM sehr ordentlich ausgestattet ist.

Der interne Speicher beträgt 32 GB, lässt sich jedoch per microSD-Karte erweitern. Die Speicherverwaltung selbst ist deutlich übersichtlicher gestaltet als auf den meisten Android-Geräten. Beim Akku lässt sich Microsoft ebenfalls nicht lumpen: Mit 3000 mAh hält das Lumia 950 den Tag durch und dank Quick Charge ist das Gerät auch schnell wieder aufgeladen.

Apps, wir brauchen Apps

Grundsätzlich ist Windows 10 Mobile das gleiche Betriebssystem, das auch auf aktuellen PCs und Tablets zum Einsatz kommt. Der Funktionsumfang ist allerdings etwas abgespeckt. So ist es erst einmal nicht möglich, klassische Windows-Programme, also sogenannte Win32-Apps, auf dem Smartphone auszuführen. Die Auswahl bleibt stattdessen beschränkt auf die Applikationen aus dem Microsoft Store. Denkbar ist jedoch laut Microsoft, dass sich Win32-Programme in Zukunft in einer Art virtuellen Emulator auch unter Windows 10 Mobile ausführen lassen, aber das ist zum jetzigen Zeitpunkt reine Zukunftsmusik.

Der Windows Store und sein Angebot

Aktuell gilt: Wer auf dem Lumia 950 Apps nutzen möchte, ist auf den Windows Store angewiesen. Dort gibt es durchaus eine gewisse Auswahl an Programmen. Wichtige Apps wie Facebook, WhatsApp, Spotify, Flipboard, Vine, Photoshop Express, Netflix, Twitch und Sky Go finden sich auch unter Windows 10. Problematisch wird es allerdings, wenn es beispielsweise um Google-Apps geht. So sucht man eine Anwendung für Gmail oder Google Maps leider vergeblich. Für YouTube bietet Microsoft immerhin eine eigene App an, die als Direktverlinkung zum Videoportal dient.

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Besser als befürchtet, schlechter als erhofft: Das aktuelle Angebot im Windows Store. (©TURN ON 2015)

Das kleinere App-Angebot im Vergleich zu Android und iOS wird zum Teil von Microsoft selbst abgefedert. Mit Office, Outlook, Excel und Powerpoint können die Redmonder viele grundlegende Dienste aus eigener Hand anbieten. Trotzdem bleiben größere Lücken, gerade im Bereich Gaming, mit denen Nutzer unter Windows 10 Mobile derzeit einfach leben müssen. Wie schnell sich diese schließen lassen, ist leider noch nicht absehbar. Immerhin ist es im Gegensatz zu Windows Phone 8 aber nun möglich, Apps per Sideload zu installieren.

Insgesamt bleibt das App-Angebot der große Knackpunkt von Windows 10 Mobile. Das bezieht sich nicht unbedingt auf Standard-Anwendungen, die es meist in der einen oder anderen Form gibt. Gerade kleinere Apps, die im Alltag manchmal gebraucht werden, fehlen aber unter Windows 10 Mobile oft. Hier wird klar, dass sich die meisten Anbieter bei der Entwicklung in der Vergangenheit zuerst auf Android und iOS konzentriert haben.

Das Smartphone als Fotoapparat

Eine gute Lumia-Tradition setzt Microsoft auch beim Lumia 950 fort. So bewegt sich die Kamera erneut auf einem sehr hohen Niveau. Verbaut wurde ein 20-Megapixel-Sensor mit Zeiss-Optik, einem dreifachen LED-Blitz und einem optischen Bildstabilisator. Fotos werden jedoch maximal in einer Auflösung von 16 Megapixeln geknipst.

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Die Kamera gehört zu den Besten in einem Smartphone. (©TURN ON 2015)

In der Praxis enttäuscht die Kamera nicht. So macht das Lumia 950 für ein Smartphone sehr gute Aufnahmen, ohne das der Nutzer groß an den Einstellungen herumschrauben muss. Der physische Auslöser sorgt dafür, dass sich das Smartphone beim Fotografieren mehr wie eine echte Digitalkamera anfühlt. Dieses Feeling wird durch die recht umfangreichen Einstellungsmöglichkeiten der Kamera-App noch verstärkt. So lassen sich beispielsweise Weißabgleich oder Verschlusszeit der Blende manuell anpassen. Auch Fotoserien von drei oder fünf Bildern mit unterschiedlicher Belichtung lassen sich mit dem Lumia knipsen. Videoaufnahmen werden in Full HD mit bis zu 60 Bildern pro Sekunde angefertigt oder in 4K mit maximal 25 Bildern pro Sekunde.

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Nach dem Fotografieren sind die Möglichkeiten der Lumia-Kamera jedoch noch nicht erschöpft. Serienmäßig mit Windows 10 Mobile liefert Microsoft die App Creative Studio aus. Diese erlaubt es, das Bild nachträglich noch umfangreich zu bearbeiten. So lassen sich Beleuchtung und Schärfe immer noch anpassen. Das nötige Fingerspitzengefühl vorausgesetzt, nimmt die App einen Großteil der normalerweise am PC durchgeführten Bildbearbeitung bereits vorweg. Zusätzlich bietet Microsoft selbst zahlreiche Apps an, die noch mehr aus der Kamera herausholen. Zu nennen wären da beispielsweise Office Lens, Lumia Cinemagraph oder der Kamera-Übersetzer.

Iris-Scanner statt Fingerabdrucksensor

Bei der Gleichförmigkeit aktueller Smartphones ist es erfrischend zu sehen, dass Microsoft einige Dinge grundlegend anders macht als Samsung, Apple und Co. Das trifft unter anderem auf das Entsperren des Smartphones zu. Während aktuelle Android-Smartphones auf einen Fingerabdrucksensor setzen, gibt es diesen im Lumia 950 nicht. Was es stattdessen gibt, ist ein Iris-Scanner namens Windows Hello. Dieser erfasst das Auge des Nutzers und entsperrt das Smartphone, ohne dass dafür einen Finger gerührt werden muss.

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Entsperrt wird das Lumia 950 auf Wunsch mit dem Iris-Scanner Windows Hello. (©TURN ON 2015)

Im Test klappte das in den meisten Fällen erstaunlich gut, allerdings wurden die Augen manchmal nicht auf Anhieb erkannt. Zudem gibt es einen Mindestabstand, in dem das Smartphone vor das Gesicht des Nutzers gehalten werden muss. Damit der Iris-Scanner reibungslos funktioniert, sollte man die Augen besser weit geöffnet haben, um die Erkennung zu erleichtern. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, dann arbeitet Windows Hello tatsächlich blitzschnell und entsperrt das Smartphone ähnlich rasch wie ein guter Fingerabdruckscanner.

Continuum: Ist das Lumia 950 ein echter PC?

Über das Continuum-Feature von Windows 10 wurde bereits viel geschrieben. Kurz gesagt: Continuum verwandelt das Smartphone in einen PC. Im Idealfall funktioniert dies über einen Displayport, den Microsoft als optionales Zubehör anbietet. An den Port lassen sich neben einem Monitor oder Fernseher auch Maus, Tastatur und eine zusätzliche Festplatte anschließen.

Der Clou an Continuum: Durch das Anschließen an ein externes Display wechselt Windows 10 automatisch in den Desktop-Modus. Das Betriebssystem sieht dann nicht nur so aus wie am PC, es lässt sich auch genauso bedienen. Geöffnete Apps werden wie gewohnt in der Taskleiste am unteren Bildschirmrand angezeigt. Sobald mehrere Apps parallel geöffnet sind, kann auf diese Weise auch bequem zwischen diesen hin und her gewechselt werden – in puncto Multitasking ist das Lumia 950 auf diese Weise jedem Android- oder iOS-Gerät deutlich überlegen.

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Das Display-Dock wird am USB Type-C-Port angeschlossen. (©TURN ON 2015)

Selbst der Edge-Browser funktioniert in Continuum wie am PC und kann mehrere Tasks nebeneinander anzeigen und auch Programme wie Word, Powerpoint und Outlook lassen sich wie am großen Rechner bedienen. Zum Start leidet Continuum jedoch unter dem gleichen Problem wie beispielsweise auch Apples 3D Touch und wird nur von einer Handvoll Apps unterstützt – hauptsächlich natürlich Programme von Microsoft selbst.

Schon jetzt lässt sich jedoch sagen, das Continuum tatsächlich so funktioniert, wie es im Vorfeld von Microsoft angekündigt wurde und das bei weitem beeindruckendste neue Feature ist, das ein Smartphone im Jahre 2015 mit sich bringt. Sollten mehr App-Entwickler diese Funktion in Zukunft unterstützen, dann ist das Potenzial wahrlich riesig. Ohne Display-Dock klappt Continuum auch drahtlos per Miracast – etwa auf den meisten aktuellen Fernsehern. Der Touchscreen des Smartphones dient dann als Trackpad.

Fazit: Toll bis auf den App-Support

Mit dem Lumia 950 liefert Microsoft das erste Flaggschiff für Windows 10 Mobile ab. Technisch leistet der Hersteller gute Arbeit. So läuft das Smartphone im Alltagsbetrieb absolut rund. Lediglich bei einigen Anwendungen kam es zu merklicher Hitzeentwicklung. Die Kamera gehört mit zum Besten, was derzeit in Smartphones verbaut wird. Unterstützt wird sie von cleveren Foto- und Video-Apps.

Beim Design spielt Microsoft allerdings noch nicht in der Oberklasse mit. Das Lumia 950 ist ein Kunststoffhandy, das wenig Anstalten macht, dies zu verbergen. Wer sich für das Gerät entscheidet, muss sich somit zwangsläufig auch auf den Plastik-Look und die zugehörige Haptik einlassen.

Der unbestreitbare Star ist jedoch die Software. Windows 10 Mobile ist schick, flink und lässt bereits in dieser frühen Phase seiner Entwicklung großes Potenzial erahnen. Features wie den Iris-Scanner und vor allem Continuum sucht man derzeit bei Android und iOS vergeblich. Zu hoffen bleibt nur, dass auch die App-Entwickler die Möglichkeiten der neuen Software-Plattform erkennen und Windows 10 Mobile mit mehr Anwendungen versorgen als seine Vorgänger.

Die Apps sind daher derzeit auch noch der größte Knackpunkt des Lumia 950. Wer sich auf das Gerät einlässt, bekommt deutlich weniger Auswahl als etwa unter Android. Ob und wie schnell sich das ändert, ist leider noch nicht absehbar.

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