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Virtual Reality im Test-Duell: LG 360 VR vs. Samsung Gear VR

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160617_VR-Brillen_m.A. (5 von 9) (©TURN ON 2016)

Mit der LG 360 VR tritt ein Herausforderer der Samsung Gear VR auf den Plan. Virtual Reality kann man mit den Brillen auch unterwegs und mit der Gear VR sogar kabellos erleben. Welche Brille entführt den Nutzer überzeugender in virtuelle Welten?

Virtual Reality erfährt gerade eine große Renaissance. Die ruhmlosen Zeiten von Nintendos Virtual Boy, aber ebenso von Sega VR, Jaguar VR und Co. aus den 1990er-Jahren sind längst vergessen. Vorbei sind die pixeligen Ausflüge in farblose virtuelle Welten, bei denen man sich gleich wieder die gute alte Realität herbeisehnte. Oder doch nicht? Zwei VR-Brillen für Smartphones möchten die Menschen heute erneut überzeugen, dass eine bessere Welt zumindest simuliert werden kann. Bei einem Modell klappt das auch ganz gut. Bei dem anderen ganz und gar nicht. Wir haben die Samsung Gear VR und die LG 360 VR einem Test überzogen.

Unterschiede: Mit und ohne Kabel

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Galaxy-S-Smartphone reinstecken, fertig. Die Gear VR funktioniert kabellos. (©TURN ON 2016)

Die LG 360 VR ist LGs VR-Brille für das aktuelle Smartphone-Flaggschiff des Unternehmens, das LG G5. Im Unterschied zur Samsung Gear VR steckt man das Smartphone nicht in die VR-Brille, sondern man verbindet die Brille via USB-Typ-C mit dem Smartphone, das man dabei auf dem Tisch vor sich platziert. Das LG G5 kann als Controller für die Virtuelle Welt eingesetzt werden. Dazu dienen alternativ zwei Knöpfe auf der Oberseite der Brille. In die LG 360 VR ist ein Akku mit einer Kapazität von 1200 mAh eingebaut. Das interne Display löst mit 960 x 720 Pixeln auf.

Samsungs VR-Brille ist derweil mit dem Galaxy S7, dem Galaxy S7 Edge, dem Galaxy S6 Edge Plus, dem Galaxy S6 und dem Galaxy S6 Edge kompatibel. Diese Smartphones steckt man via USB-Eingang in eine Halterung  in die Gear VR ein. Dann benutzt man ihre Displays für seinen Ausflug in virtuelle Welten. Die Halterung hat einen gewissen Spielraum für die unterschiedlich großen Smartphones.

Die beiden Ansätze haben Vor- und Nachteile. Ein klarer Vorteil ist die höhere Auflösung der Samsung-Smartphones von 2560 x 1440 Pixeln. Ein Nachteil ist das höhere Gewicht, da man bei der Gear VR zusätzlich ein Smartphone auf dem Kopf trägt, während es bei LG auf dem Tisch liegt oder man es in der Hand hält.

Von Geordi La Forge empfohlen: Das Design

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Mit der LG 360 VR wird man zwar zum Trekkie, aber das VR-Erlebnis lässt zu Wünschen übrig. (©TURN ON 2016)

Die LG 360 VR ist erheblich kleiner und schmaler als die Gear VR. Die VR-Brille sieht aus wie eine Mischung aus einem Messinstrument vom Augenarzt und der VISOR-Brille von Geordi La Forge aus "Star Trek: The Next Generation". Zwar mag "Star Trek" erst einmal cool klingen, aber Geordis Brille ist eine prothetische Seehilfe, das dem blinden Mannschaftsmitglied das Sehen erlaubt und kein Laser verschießendes Sci-Fi-Gerät.

Die LG 360 VR wirkt je nach Anwender eher wie ein vom Arzt verschriebenes Instrument oder wie ein "Star Trek"-Device. Manchen Redakteuren hat die Brille sogar richtig gutgestanden. Die empfindlich anmutende Plastikverarbeitung lässt allerdings zu wünschen übrig. Außerdem ist die Brille ziemlich unbequem und lässt Licht von den Seiten ein.

Die Gear VR ist zwar auch kein Meisterwerk des Designer-Handwerks und besteht ebenso aus Plastik, aber man sieht zumindest, dass es sich um eine VR-Brille handelt. Die schwarz-weiße Brille ist viel größer als die LG 360 VR und schwerer, wobei einem das Gewicht nicht sonderlich auffällt. Die Brille sitzt nämlich nicht auf der Nase, sondern wird mit Bändern um den Kopf geschnallt. Dadurch wird das Gewicht besser verteilt und man kann sie auch länger angenehm tragen. Sie lässt kein Licht von außen ein, was die Immersion erheblich verbessert.

Was nicht passt...: Die Einrichtung

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Um die LG 360 VR zu benutzen, muss man erst eine Reihe von Apps auf dem LG G5 installieren.  Dann nimmt man den Lichtschutz von der Brille ab. Hierauf schließt man die Brille via USB-Kabel an das LG G5 an. Setzt man die Brille auf, aktiviert sie sich automatisch. Scharf sieht das Bild aber nicht unbedingt aus, also geht es jetzt an die Fokussierung. Dafür dreht man, wie bei einem Fernglas, an den Linsen für beide Augen, bis das Bild in der Mitte des Sichtfelds scharf wird. "Scharf" ist allerdings relativ. Nun nimmt man die Brille ab, befestigt den Lichtschutz und setzt sie wieder auf.

Mit dem Touchscreen des Smartphones, das auf dem Tisch liegt und kein Bild zeigt, lässt sich das Geschehen in der virtuellen Welt der LG 360 VR steuern. Das funktioniert grundsätzlich, allerdings gibt es ein großes Problem: Die Bildmitte verschiebt sich bei Gebrauch der Brille schnell und man muss sie immer wieder ins Zentrum zurückholen, indem man mit zwei Fingern auf das Display des LG G5 tippt. Ansonsten findet das Geschehen über oder unter einem statt oder man muss sich umdrehen, um in der VR-Welt an der richtigen Stelle zu sitzen oder zu stehen.

Die Einrichtung der Gear VR funktioniert trotz des anderen Konzeptes ähnlich. So steckt man das Smartphone in einen USB-Anschluss auf der Brille hinein. Ist die Gear VR erkannt, entfernt man das Smartphone wieder und installiert darauf einige Systemapps für die virtuellen Welten. Dann kommt das Smartphone in die Brille zurück und man stellt die Schärfe ein, womit VR auch Brillenträgern zugänglich wird. Ab geht's in einen virtuellen Raum, der als Menü dient.

Sein oder nicht sein: App-Angebot

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Beeindruckend: Mit "Ocean Rift" kann man von Zuhause aus in die Tiefsee tauchen. (©Ocean Rift 2016)

Im App-Store kann man sich mit der Gear VR Spiele und Videos besorgen. Für Samsungs Brille ist das App-Angebot klar größer als für die LG 360 VR. Die auf der LG 360 VR installierten Apps wie Jaunt VR bieten nur Videos. Man kann auch in YouTube via Sprachsuche VR-Clips ausfindig machen, während man die Brille trägt und sich diese dann ansehen. VR-Spiele waren noch keine in LGs Angebot auszumachen.

Um YouTube mit der Gear VR zu nutzen, muss man den Umweg über die Samsung Internet App nehmen und dort im Browser YouTube verwenden. Vom YouTube-Umweg abgesehen ist das App-Angebot für die Gear VR deutlich besser als beim Konkurrenten. Dafür ist unter anderem der offiziellen Unterstützung durch Oculus zu danken. Eine ganze Reihe an Spielen, die meisten davon kostenpflichtig und mit einem etwas höheren Preis versehen als normale Android-Games, stehen im Store bereit. Auch die Auswahl an VR-Filmen und 360-Grad-Fotos ist bei Gear VR größer.

Magen einmal wenden: Bildqualität und VR-Erlebnis

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Samsungs Gear VR steuert man mit einem Touchcontroller an der Seite. (©TURN ON 2016)

Die Bildqualität ist mit der LG 360 VR schlicht und ergreifend miserabel. Die Pixel sieht man bei der schlechten Auflösung ohnehin, dazu kommt jedoch ein Pixelraster, Schlieren, ein stotterndes Bild und Licht fällt auch noch von außen ein und zerstört regelmäßig jeden Ansatz von Illusion, geschweige denn Immersion.

Die Soundqualität ist mit angeschlossenem Kopfhörer hervorragend und vielleicht sogar etwas besser als mit den Samsung-Smartphones, was aber am LG G5 liegt und nicht an LGs VR-Brille. Auch kann man ansatzweise erahnen, wie toll VR eines Tages – oder mit einer anderen Brille – einmal sein könnte. Leider kann man das aktuelle Erlebnis mit der LG 360 VR nicht lange ertragen, ohne dass es einem den Magen umdreht. Und das liegt nicht am vorinstallierten Achterbahn-Video.

Die Gear VR hingegen bietet wirklich einen soliden ersten Ausflug in virtuelle Welten. Die Bildschärfe ist zwar auch niedriger als man es von PC-Monitoren oder Full-HD-Fernsehern kennt, aber sie ist gefühlt viel höher als auf der LG 360 VR. Das Bild sieht dank der Amoled-Technik der Samsung-Smartphones farbenfroher und kontrastreicher aus. Relativ scharf ist das Bild auch noch, wobei man seinen Blick relativ in die Mitte des Bildes richten muss. Nur die Steuerung der VR-Welt mit der Touch-Oberfläche an der Seite der Brille ist unglücklich gelöst und funktioniert mit der LG-Brille und dem LG G5 theoretisch besser. Das Problem lässt sich mit der Gear VR jedoch einfach mit einem Bluetooth-Controller wie dem SteelSeries Stratus XL lösen.

Die Spiele für die Gear VR sind simpel gestrickt. Es gibt einige Gratis-Titel wie den Arcade-Weltraumshooter "Anshar Wars 2", Knobelspiele wie "Darknet" und das Tauchspiel namens "Ocean Rift". Besonders "Ocean Rift" empfiehlt sich für einen ersten VR-Games-Ausflug, denn es ist sehr beeindruckend, wenn man im Meer einem Hai gegenübersteht oder Seebären um einen herumschwimmen. Schwimmt man zu lange einsam im virtuellen Meer herum, kann es aber auch mal gruselig werden.

Für's Wohnzimmer oder die Tonne: Fazit

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Samsungs Gear VR geht klar als Sieger aus unserem Vergleichstest hervor. (©TURN ON 2016)

Was LG da für einen Preis von 280 Euro abliefert, ist, man kann es nicht anders sagen, richtig unverständlich. Man sucht als Tester lange nach möglichen Pluspunkten, aber diese sind sehr geringfügig, darunter das leichtere Gewicht der LG 360 VR, die bessere Steuermethode via Smartphone – würde sie richtig funktionieren – und die etwas bessere Tonqualität via LG G5, wobei das Galaxy S7 auch eine ordentliche Tonqualität bietet. Die Bildqualität und das VR-Erlebnis sind bei LG aber so schlecht, dass all dies letztlich keinen Unterschied macht.

Besitzer eines LG G5, die unbedingt mit diesem Smartphone VR erleben möchten, sind – kein Witz – selbst mit Google Cardboard besser aufgehoben. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Käufer der LG 360 VR jetzt nicht allen Glauben an VR verlieren. Schließlich ist diese Brille nicht repräsentativ für die aktuellen Durchbrüche in dieser Technologie.

Eine klare Empfehlung können wir hingegen für Samsungs Gear VR aussprechen. Jeder, der ein kompatibles Smartphone besitzt und einen ersten Ausflug in die Virtual Reality erleben möchte, ist hier an der richtigen Adresse. Die Brille ist mit verschiedenen Smartphones der neueren Galaxy-S-Serien kompatibel und besticht mit einer vergleichsweise guten Bildqualität. Das App-Angebot ist bereits ganz ordentlich und wächst weiter. Wer mit dem Smartphone in virtuelle Welten eintauchen will, hat im Moment keine andere Alternative als zur Gear VR zu greifen. PC-Spieler entscheiden sich hingegen zwischen HTC Vive und Oculus Rift, während PS4-Besitzer auf die PlayStation VR warten.

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