"Fallout 4" angespielt: Die PS4-Version im Test

Ein Mann und sein Hund: "Fallout 4" spielt im Ödland von Boston. Ein Mann und sein Hund: "Fallout 4" spielt im Ödland von Boston. (© 2015 YouTube/ Bethesda Softworks)

Fünf Jahre mussten Rollenspiel-Fans auf einen Nachfolger von "Fallout: New Vegas" warten – seit einer Woche kann "Fallout 4" nun gezockt werden. Wir haben uns ein paar Stunden im Ödland von Boston herumgetrieben und verraten, wie gut sich das postapokalyptische RPG im Test schlägt.

Große Stärke: Atmosphäre und Story

Alle Teile der "Fallout"-Serie lebten bislang von ihrer starken Story und Atmosphäre – vor allem in den zahlreichen Nebenquests. Das ist auch beim neuesten Teil "Fallout 4" nicht anders. Das Spiel beginnt zunächst mit einem umfangreichen Charakter-Editor, in dem jedes kleine Detail des Gesichts angepasst und geändert werden kann. Der Editor ist recht intuitiv gestaltet, erschlägt den Spieler aber fast mit Optionen. Nach der Festlegung des Charakters kann man in einer kurzen, aber stimmigen Story-Frequenz den Zeitraum kurz vor dem Ausbruch des Atomkrieges miterleben. Dieser Teil der Geschichte ist gut gemacht, fällt aber gegenüber den ausführlichen Vault-Szenen in "Fallout 3" etwas ab. Nach circa 20 bis 30 Minuten verlässt man schließlich den Bunker und darf das Ödland völlig frei erkunden.

Die Hauptstory von "Fallout 4" dreht sich zwar um den entführten Sohn des Protagonisten, spielt aber zumindest in den ersten Stunden kaum eine Rolle. Stattdessen kommt wieder das altbekannte und süchtig machende "Fallout"-Prinzip zum Tragen: Ständig entdeckt man neue Orte, die oftmals eigene kleine Nebenquests starten – wen kümmert da schon die Suche nach dem Sohnemann?

Fallout 4
"Fallout 4" ist der Nachfolger von "Fallout: New Vegas". (© 2015 Screenshot TURN ON)
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Am Anfang des Spiels steht ein umfangreicher Charakter-Editor. (© 2015 Screenshot TURN ON)
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Die Story beginnt stimmig mit einer Sequenz kurz vor dem Atomkrieg. (© 2015 Screenshot TURN ON)
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Als Spieler flüchtet man mit seiner Familie zum nahen Bunker. (© 2015 Screenshot TURN ON)
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Und erlebt dort die Explosion einer Atombombe mit. (© 2015 Screenshot TURN ON)
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Nach dem Aufwachen ist nichts mehr wie zuvor. (© 2015 Screenshot TURN ON)

Grafik-Engine verbessert, aber etwas altbacken

Bethesda hat die Grafik-Engine von "Fallout 4" verbessert und nutzt jetzt ein System, das zuvor bereits bei "The Elder Scrolls V: Skyrim" zum Einsatz kam. Die neue Creation-Engine erlaubt unter anderem den erweiterten Charakter-Editor und bringt zudem bessere Lichteffekte mit. "Fallout 4" ist außerdem der erste Teil der Spielserie, in dem Dein Charakter auch eine eigene Stimme hat – sogar in der deutschen Version. Falls Du einen weiblichen Charakter spielen willst, ist auch dieser komplett vertont.

Bethesda versprach für die PS4- und Xbox One-Version von "Fallout 4" eine stabile 1080p-Darstellung mit 30 frames per second. Tatsächlich lief die PS4-Version im Test die meiste Zeit relativ flüssig. Mit der Grafik auf dem PC können die Konsolen-Varianten aber natürlich nicht mithalten. Allgemein sollte man bei "Fallout 4" keine Grafik-Bombe wie etwa bei "Call of Duty: Black Ops 3" erwarten – und das ist auch nicht schlimm. Das Game lebt nämlich mehr von seinem fantastischen Open-World-Setting als von irgendwelchem optischen Blendwerk. Und ganz so altbacken, wie manche Kritiker in ihren Tests behaupteten, ist die Grafik von "Fallout 4" nun auch wieder nicht.

Viel ärgerlicher als kleine Ruckler und Grafik-Abstriche sind vielmehr die teilweise arg langen Ladezeiten von "Fallout 4". Betritt man beispielsweise ein Gebäude, muss dieses erst geladen werden – was durchaus 30 Sekunden und länger dauern kann.

Neues Siedlungsbau-System ist zu umständlich

Die First-Person-Steuerung hat Bethesda gegenüber dem Vorgänger etwas verbessert. Während Echtzeit-Ballereien in "Fallout 3" eher ein Graus waren, funktioniert das Schießen in "Fallout 4" recht genau und intuitiv. Der Entwickler hat sich hier eindeutig eine Scheibe von Egoshooter-Größen wie "Call of Duty" abgeschnitten. Ganz so knackig wie bei reinen Shooter-Spielen funktioniert das Kämpfen aber immer noch nicht. Die Third-Person-Ansicht hingegen ist wie beim Vorgänger eher als Gimmick gedacht und nicht wirklich gut spielbar.

Sowieso dürften "Fallout 4"-Zocker die meisten Kämpfe möglichst im bekannten V.A.T.S.-Modus verbringen, in dem Körperteile eines Gegners gezielt anvisiert werden können. Im Gegensatz zu den Vorgängern wird das Spiel im V.A.T.S. aber nicht mehr pausiert, sondern nur noch verlangsamt – ewig darf man sich also nicht Zeit mit dem Anvisieren lassen.

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"Fallout 4" ist voll von Orten, die entdeckt werden wollen. (© 2015 Screenshot TURN ON)
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Ausrüstung und Waffen können jetzt umfangreich verbessert werden. (© 2015 Screenshot TURN ON)
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Auch der Bau von Siedlungen ist vollkommen neu. (© 2015 Screenshot TURN ON)
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Bekannt ist hingegen das Kampf-System V.A.T.S. (© 2015 Screenshot TURN ON)
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Auf dem Pip-Boy können auch Mini-Spiele gezockt werden. (© 2015 Screenshot TURN ON)

Ebenfalls bekannt ist das Perk-System, das auf Basis von sieben Grundwerten wie Stärke oder Intelligenz etwa 275 unterschiedliche Fertigkeiten freischaltet. Somit kann man seinen Charakter dem individuellen Spielstil anpassen – Schleichfreunde kommen also ebenso auf ihre Kosten wie Rambos oder Hacker. Die einzelnen Perks werden jetzt in einer schönen Ansicht mit kleinen Vault-Boy-Animationen dargestellt, die jedoch etwas übersichtlicher sein könnte.

Vollkommen neu ist bei "Fallout 4" das umfangreiche System für die Verbesserung von Waffen und Ausrüstung sowie der Siedlungsbau. So kann man als Spieler nun sein eigenes kleines Dörfchen mit Generatoren, Farmen und Verteidigungsanlagen basteln. Leider ist das Bauen aus der Ego-Perspektive arg frickelig und wird zudem überhaupt nicht erklärt. Im Test kam es beispielsweise zu einer Situation, in der nur durch eine Google-Suche herausgefunden werden konnte, wie ein Generator mit einer Wasserreinigungsanlage verbunden werden kann. Das Spiel gibt hierfür keinerlei Hinweise. Auch die Feinheiten des Upgrade-Systems für Waffen und Rüstung muss sich der Spieler selbst erarbeiten.

Fazit: "Fallout" never changes?

"Fallout 4" ist ein typisches Bethesda-Rollenspiel – mit sämtlichen Vor- und Nachteilen. Die Spielwelt ist wie in "Fallout 3" oder "Skyrim" erneut riesig und lädt mit immer neuen Orten und Figuren zum Erkunden ein. Das Charakter-System und die Egoshooter-Passagen wurden deutlich ausgebaut, während die Atmosphäre "Fallout"-typisch grandios ist.

Auf der anderen Seite hat der Entwickler offenbar ziemlich wenig Interesse an einer technischen Weiterentwicklung: Die Grafik-Engine wurde zwar verbessert, erscheint aber nicht mehr wirklich zeitgemäß. Die berühmt-berüchtigten Bugs und Glitches in einem "Fallout"-Spiel sind uns im Test nicht begegnet – das kann allerdings auch einfach Glück gewesen sein. Zudem darf man als Spieler nicht damit rechnen, in "Fallout 4" groß an die Hand genommen zu werden. Die Möglichkeiten des Ödlands von Boston muss man sich selbst hart erarbeiten – auf die Gefahr hin, dass man einige Dinge schlichtweg vermasselt oder verpasst.

Rollenspiel-Einsteiger sollten also lieber eine Test-Runde mit "Fallout 4" drehen, Ödland-Veteranen auf der Suche nach mehr "Fallout" können hingegen fast blind zugreifen.