Samsung Gear S: Die Smartphone-Smartwatch im Test

Mit der Gear S beginnt ein neues Smartwatch-Zeitalter. Das intelligente Wearable von Samsung soll dank eigenem 3G- und WLAN-Modul ohne Smartphone-Anbindung auskommen. Im Test stellten wir fest: Dieses Versprechen hält die Nachfolgerin der Gear 2 nur teilweise.

Samsung Gear S: Die erste Standalone-Smartwatch am Markt

Wer sie sieht, wird den Gedanken an ein Smartphone im Mini-Format nicht los. Und genau das will die Samsung Gear S auch sein. Die Smartwatch, die bei Samsung auf Gear und Gear 2 folgt, hat vom Hersteller einen Nano-SIM-Kartenslot sowie ein eigenes WLAN- und 3G-Modul verpasst bekommen. Das soll die Uhr unabhängig von einem Smartphone machen, Standalone also – zumindest theoretisch. Soviel aber vorweg: Bereits zum Einrichten verlangt die Smartwatch nach einem Smartphone. Und zwar nicht nach irgendeinem, sondern nach aktuellen Samsung Galaxy-Modellen wie dem Note 4 oder dem S5.

Design und Handling: Ein Handy am Handgelenk

Viele Hersteller aktueller Smartwatch-Modelle legen ihren Fokus auf das Design. Die Motorola Moto 360 und die LG G Watch R beispielsweise sollen nicht nur praktisch sein, sondern auch schick aussehen. Die Moto 360 ginge durchaus als Fashion-Accessoires durch, die G Watch R erinnert mehr an eine klassische Herrenarmbanduhr. Samsung geht mit seiner jüngsten Smartwatch einen anderen Weg. Der Uhr ist auf den ersten Blick anzusehen, dass sie mehr kann, als nur die Zeit anzuzeigen.

Samsung Gear S und LG G Watch R
Optischer Vergleich: eckige Samsung Gear S und runde LG G Watch R. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S und LG G Watch R
Auch mit klassischem Uhrenhintergrund wirkt die Gear S mehr wie ein Technik-Gadget. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S und LG G Watch R
Mit einigen Zifferblätter geht die G Watch R als klassische Herrenarmbanduhr durch. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S und LG G Watch R
Ein recht klobiges Gehäuse besitzen beide Modelle. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S und LG G Watch R
An schmalen Handgelenken sehen beide Smartwatches nicht schön aus. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S Krümmung
Steckt viel Technik drin: Das Curved-Gehäuse der Uhr fällt dick aus. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S
Mit ihrer Rundung soll sich die Gear S ans Handgelenk anschmiegen. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S Armband
Das Armband besteht aus Kunststoff – ist aber austauschbar. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S Armband
Der Chromrand um das Display wertet das Design etwas auf. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S
Der Startbildschirm kann wie bei einem Handy mit eigenen Bildern gestaltet werden. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S
Alternativ stehen mehrere Uhrendesigns zur Auswahl (© 2014 TURN ON)

Der 2-Zoll-Bildschirm macht den größten Teil des Gadgets aus und lässt es vergleichsweise klobig wirken. Mit ihrem Curved-Display soll sich die Uhr an das Handgelenk schmiegen, passt aufgrund ihrer Größe aber nicht zu jedem Arm. Immerhin ist die schwarze Variante der Gear S mit 67 Gramm vergleichsweise leicht. Die weiße Version ist 17 Gramm schwerer. Doch auch ohne die Extragramm saß das schwarze Testgerät nicht auf Anhieb bequem am Handgelenk.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist auch das Armband der Smartwatch, das Samsung-typisch aus Kunststoff besteht. Wie ein billiges Spielzeug sieht die Gear S dank verchromter Display-Umrandung und matt glänzender Metallschnalle aber dennoch nicht aus. Ob klassisch runde Smartwatch à la Moto 360 beziehungsweise G Watch R oder eckiger Mini-Computer wie Samsungs Modell ist letztendlich wohl auch eine Geschmacksfrage.

Display und Bedienung: Kurven mit Tücken

Angeschaltet wird die Samsung Gear S durch langes Drücken auf den Home-Button am unteren Bildschirmrand. Sofern nicht geschehen, erinnert die Uhr dann an das Einlegen der Nano-SIM-Karte und fordert die Verbindung mit einem Samsung Galaxy-Smartphone. So ganz trifft die Bezeichnung "Standalone" also doch nicht zu. Zumindest zum ersten Einrichten des Geräts werden ein aktuelles Samsung-Smartphone und die Samsung Gear Manager-App benötigt. Ist die schlaue Uhr eingerichtet, kann sie vielfältig individualisiert werden. Wie bei den Smartphones des Herstellers wird durch seitliches Wischen zwischen verschiedenen Startbildschirmen gewechselt. In den Einstellungen lassen sich Uhrentyp, auf dem Hauptbildschirm angezeigte Informationen und Widgets sowie das Hintergrundbild für das Menü individuell festlegen.

Abzulesen ist die gut 3 x 4 Zentimeter messende Super-AMOLED-Anzeige aus vielen verschiedenen Blickwinkeln. Inhalte werden ausreichend hell, knackig scharf und kontrastreich dargestellt. An die Auflösung der Gear S von 360 x 480 Pixeln reicht derzeit keine andere Smartwatch heran.

Die Bedienung erfolgt Smartwatch-typisch per Touch-Gesten oder Sprachsteuerung. In unserem Test erwies sich die S Voice-App der Gear S ausgereifter als auf so manchem Samsung-Smartphone. Wer allerdings nicht dauerhaft mit seiner Uhr reden möchte, sollte die Wischgesten auf dem Curved-Display ein wenig üben. Während das seitliche Scrollen durch die verschiedenen Bildschirme problemlos funktionierte, klappte das vertikale Wischen im Test nicht immer auf Anhieb. Aufgrund der gebogenen Anzeige scrollte die Uhr außerdem häufig weiter, als sie eigentlich sollte. Dafür lassen sich Texte und Nachrichten auf der Uhr viel besser ablesen als auf Konkurrenzmodellen.

Hardware und Ausstattung: Tizen statt Android Wear

Zwar setzt Samsung bei der Gear S nicht auf Android Wear als Betriebssystem. Nutzer aktueller Android-Smartphones sollten sich aber auch mit der Tizen-Oberfläche schnell anfreunden können. Diese bringt nicht nur die seitlich durchwechselbaren Panels, sondern auch einen App-Drawer mit, der nach dem Wischen vom unteren zum oberen Bildschirmrand eine Liste aller installierten Apps anzeigt.

Samsung Gear S
Die Samsung Gear S kann eigenständig telefonieren. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S
Die am häufigsten genutzten Apps können auch auf dem Startbildschirm angezeigt werden. (© 2014 TURN ON)

Im Inneren der Samsung Gear S schlägt ein Dual-Core-Prozessor, der mit 1 GHz getaktet ist und von 512 MB Arbeitsspeicher unterstützt wird. Im Test lief die Uhr damit flüssig – sofern die Touch-Gesten korrekt ausgeführt wurden. Für Musik, Nachrichten und Co. ist die Smartwatch mit 4GB internem Speicher ausgerüstet. Erweitern lässt er sich nicht.

Sensoren und Funktionen: "Knight Rider" lässt grüßen

Dass die Gear S ein multifunktionaler Alltagsbegleiter sein will, offenbart auch der Blick auf die Liste der integrierten Sensoren. Mit Beschleunigungsmesser, Barometer, Lagesensor, geomagnetischem Sensor, Pulssensor, Umgebungslichtsensor und UV-Sensor zählt die Samsung-Uhr zu den am besten ausgestatteten Modellen am Markt. Mit ihrer Vielzahl an Sensoren kann sie beispielsweise Schritte zählen, Puls messen, den Schlaf überwachen, die Display-Helligkeit automatisch anpassen und vor starker UV-Strahlung warnen. Dank GPS eignet sie sich zudem als Navigator und Fitness-Tracker beim Joggen, Radfahren und Co. – wobei sie aufgrund ihrer Größe insbesondere Frauen mit schmalen Handgelenken beim Sport stören dürfte.

Samsung Gear S Home-Button
Links und rechts neben der Home-Taste sitzen Licht- und UV-Sensor. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S Display
Wer will, kann die Gear S als Fitness-Tracker nutzen. (© 2014 TURN ON)
Samsung Gear S und LG G Watch R
Auf der Uhrenrückseite kommen Pulssensor, SIM-Kartenslot und Ladekontakte unter. (© 2014 TURN ON)

Im Fokus der Samsung Gear S steht allerdings eine andere Funktion: Die Smartwatch soll ein vollwertiger Smartphone-Ersatz sein und kann dementsprechend auch telefonieren. Dank integriertem Lautsprecher und Mikrofon ist ein Bluetooth-Headset dafür nicht zwangsweise nötig. Stattdessen kann der Käufer ganz in "Knight Rider"-Manier in seine Uhr sprechen und als K.I.T.T.-Ersatz beispielsweise ein Taxi rufen. Die Sprachqualität ist passabel. Ob das Telefonieren per Uhr allerdings als cool oder peinlich wahrgenommen wird, liegt im individuellen Ermessen.

Wer von der ersten Standalone-Smartwatch am Markt allerdings einen vollwertigen Smartphone-Ersatz erwartet, wird womöglich enttäuscht. Zwar kann die Uhr Anrufe tätigen und empfangen oder Nachrichten schreiben. Einige Apps, unter anderem die vorinstallierte Anwendung Nike+, lassen sich aber weiterhin nur mit Smartphone-Anbindung nutzen. Zudem kann die Smartwatch keine eigenen E-Mails senden oder empfangen. Ob die Mails vom Smartphone auf der Uhr angezeigt werden können, hängt vom Handy-Modell ab.

Akkulaufzeit: Nicht viel anders als beim Smartphone

Der Akku der Samsung Gear S speichert 300 mAh. Das reicht laut Hersteller für eine Laufzeit von ein bis zwei Tagen bei typischer Nutzung der Uhr. Wer sie weniger nutzt, soll angeblich erst nach vier Tagen wieder zur Ladeschale greifen müssen. Damit die Smartwatch länger durchhält, kann zum Beispiel die dauerhafte Zeitanzeige deaktivieren – allerdings geht dann natürlich der Uhrencharakter verloren. Im Test hielt der Akku bei etwas überdurchschnittlicher Nutzung wie versprochen rund 1,5 Tage. Das Aufladen mit der mitgelieferten Ladeschale war dann nach rund zwei bis drei Stunden abgeschlossen. Die Ladeschale kann übrigens auch als Ersatzakku herhalten und die Smartwatch auch ohne Verbindung zum Stromnetz – zumindest teilweise – wieder aufladen.

Fazit: S für Standalone? Nicht wirklich!

Die Gear S weiß Samsung-typisch eher technisch als optisch zu überzeugen. Und keine Frage: Mit ihrer Vielzahl an Sensoren und Funktionen gehört die Smartwatch definitiv zu den am besten ausgestatteten aktuellen Modellen. Ihr Versprechen – nämlich ein Smartphone zu ersetzen – hält sie dennoch nicht vollständig ein. Zudem ist sie mit einem Preis von 399 Euro auch noch einmal deutlich teurer als andere Smartwatches.

Wer erwägt, sich eine Smartwatch zuzulegen, sollte unbedingt wissen, was er möchte – eine Erweiterung des Smartphones oder einen weitestgehenden Ersatz. Ist Letzteres der Fall, führt aktuell kein Weg an der Samsung Gear S vorbei. Wer jedoch nur von einer intelligenten Uhr über eingegangene Smartphone-Nachrichten informiert werden möchte und hin und wieder mal kurze Antworten senden, der ist ebenso gut mit einer günstigeren Alternative wie der Moto 360, der G Watch R oder dem Vorgängermodell der Gear S, der Samsung Gear 2, beraten.