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"Kingdom Come: Deliverance" im Hands-on-Test: Realismus ist King

"Kingdom Come: Deliverance" ist eine Open-World-Zeitreise ins 15. Jahrhundert.
"Kingdom Come: Deliverance" ist eine Open-World-Zeitreise ins 15. Jahrhundert. (©Kingdom Come: Deliverance 2017)

"Kingdom Come: Deliverance" will Open-World-Rollenspiele auf den Boden der historischen Tatsachen holen: Das Game von "Mafia"-Macher Daniel Vávra spielt im mittelalterlichen Böhmen und schreibt sich Realismus statt Fantasy auf die Fahnen. Spannender Historienkrimi oder dröge Geschichtsstunde? Wir haben's ausprobiert.

Auf den Werbeplakaten für "Kingdom Come: Deliverance" prangt der Slogan "Dungeons & No Dragons" – Kerker ja, Drachen nein. In der Münchener Zentrale des Publishers Deep Silver, wo ich zum Anspielen des Games zweieinhalb Monate vor dem Februar-Release zu Gast bin, ist das an jeder zweiten Wand zu lesen und macht schon vor dem Start ins Spiel klar, worum es den Machern vom Entwicklerstudio Warhorse Studios geht: Ausnahmsweise mal keine Machtfantasie in einer schillernden Fantasy-Welt erzählen, sondern das entbehrungsreiche Leben im historisch verbrieften Mittelalter in ein Rollenspiel übersetzen.

Zu großen, mittelalterlich inspirierten Open-World-Games wie "The Witcher 3" oder "The Elder Scrolls 5: Skyrim" verhält sich "Kingdom Come: Deliverance" deshalb wie "Der Herr der Ringe" zu einem akribisch recherchierten Historienroman. Das fängt schon damit an, dass die Hauptfigur Heinrich eben kein magisch begabter Superheld ist, sondern der Sohn eines Schmieds, dessen Dorf im Jahre 1403 von einer ihm fremden Armee überfallen wird. Heinrichs Eltern kommen ums Leben, er selbst macht sich auf zum örtlichen Lehnsherrn, um in die Armee einzutreten und Rache zu nehmen.

Rollenspiel vor historischer Kulisse

Was die Spielfigur Heinrich nicht weiß, die Historiker unserer Welt aber schon: Die fremde Armee gehört König Sigismund von Ungarn, der später römisch-deutscher Kaiser wurde und der Angriff auf das Dorf Skalitz im Jahr 1403 hat tatsächlich stattgefunden – genau wie der Machtkampf zwischen verschiedenen Königen, vor dessen Hintergrund "Kingdom Come: Deliverance" spielt.

Die Entwickler um Daniel Vávra haben dafür die Spielwelt aus Scans eines 16 Quadratkilometer großen Areals im heutigen Tschechien nachgebaut und mit einer Geschichtswissenschaftlerin zusammengearbeitet, damit die gezeigten Ereignisse und die Spielwelt auch der realen Vergangenheit entsprechen – zumindest ungefähr: Wie Warhorse-PR-Manager Tobias Stolz-Zwilling eilig klarstellt, erhebt "Kingdom Come: Deliverance" natürlich nicht den Anspruch, alles so zu zeigen, "wie es wirklich war". Als "freie Interpretation" historischer Ereignisse will es sich aber dicht an der Geschichte entlang bewegen.

Die Spielwelt von "Kingdom Come: Deliverance" wurde der Realität aufwändig nachempfunden. fullscreen
Die Spielwelt von "Kingdom Come: Deliverance" wurde der Realität aufwändig nachempfunden. (©Warhorse Studios 2017)
Zum Spielerlebnis gehört auch das Stadtleben im Mittelalter ... fullscreen
Zum Spielerlebnis gehört auch das Stadtleben im Mittelalter ... (©Warhorse Studios 2017)
...und das Leben auf dem Lande. fullscreen
...und das Leben auf dem Lande. (©Warhorse Studios 2017)
Die Open-World bietet malerische Landschaften und lädt zum Spaziergang ein. fullscreen
Die Open-World bietet malerische Landschaften und lädt zum Spaziergang ein. (©Warhorse Studios 2017)

Doch taugt die historische Realität als Szenario für ein Open-World-Rollenspiel, in dem ich im Idealfall 100 Stunden und mehr verbringen möchte? Unterhält das Dasein als einfacher Handwerker und Fußsoldat Heinrich, den ich in der Ego-Perspektive durch Böhmen steuere, lang genug? Beim Anspielen lassen sich diese Fragen natürlich nicht abschließend klären. Es zeigt sich aber zumindest schnell, dass sich der Realismus des Settings im Gameplay wiederfindet und für eine recht ungewohnte, aber sehr interessante Spielerfahrung sorgt.

Gameplay: Spieler-Skill und Rollenspiel-Würfel

Das Kampfsystem liefert hier wohl das eindrücklichste Beispiel: Schwertkämpfe erinnern mit ihrem Fokus auf Schwerthaltung und das Anvisieren bestimmter Zielzonen am Körper des Gegners an "For Honor" und bieten – realistischerweise – eher träges Hauen und Stechen als das übliche temporeiche Rumgefechte. Heinrich ist zu Anfang alles andere als ein großer Krieger, schnell aus der Puste und noch schneller verletzt. Spontanheilung mit Tränken gibt's nicht, wer an seinem Leben hängt, geht Gefechten besser aus dem Weg. Später werden dann auch Rüstungsteile verfügbar, mit denen sich in mehreren Lagen sensible Körperstellen schützen lassen. Die hat aber eben nicht jeder popelige Straßenhändler, sondern der Rüstmeister der Armee, der sie an seine Soldaten ausgibt.

Nahkämpfe mit dem Schwert sind roh, träge und anstrengend – wie im echten Leben. fullscreen
Nahkämpfe mit dem Schwert sind roh, träge und anstrengend – wie im echten Leben. (©Warhorse Studios 2017)
Im Schlachtgetümmel wird's leicht unübersichtlich. fullscreen
Im Schlachtgetümmel wird's leicht unübersichtlich. (©Warhorse Studios 2017)
Bogenschießen will in "Kingdom Come: Deliverance" gut geübt sein. Die Fernwaffe ist mächtig, aber schwer zu meistern. fullscreen
Bogenschießen will in "Kingdom Come: Deliverance" gut geübt sein. Die Fernwaffe ist mächtig, aber schwer zu meistern. (©Warhorse Studios 2017)

Wer sich dann eine schicke Hundsgugel mit Visier erspielt hat, die sogar das Gesicht vor Schlägen schützt, muss allerdings damit leben, dass das Sichtfeld plötzlich auf zwei kleine Schlitze verengt ist. Wer Bogenschießen will, sollte erst einmal am Schießstand üben gehen – ein Fadenkreuz gibt es dabei nämlich nicht. Und wer im Alchemielabor stärkende Kräutertinkturen zusammenmischen möchte, darf erst einmal einen Blick ins Lehrbuch werfen (vorausgesetzt, er hat vorher Lesen gelernt) und dann in der richtigen Reihenfolge Zutaten mixen, das Feuer anfachen und die Sanduhr im Auge behalten.

Wo das Können eines Charakters in Rollenspielen typischerweise durch ausgewürfelte Werte geregelt wird, knüpft "Kingdom Come: Deliverance" es insgesamt viel mehr an die Fähigkeiten des Spielers und lässt ihn viel selber machen, auch wenn die klassischen RPG-Elemente trotzdem als Fundament vorhanden sind. Ergänzt um einige Survival-Mechaniken – Heinrich bekommt zum Beispiel Hunger, wird müde oder betrunken – sorgt dieser Ansatz für eine tolle Immersion lässt mich die Welt viel besser aus den Augen des Hauptcharakters sehen.

Kreative Quests: Undercover unter Mönchen

Auch im Questdesign spiegelt sich die realistische Herangehensweise wider – etwa, wenn sich Heinrich als Mönch ins Kloster Sázava einschleicht, um dort einen Mörder unter den Novizen zu stellen. Dafür muss er sich dem Klosterleben unterordnen, und das heißt für den Spieler: zu den richtigen Tageszeiten aufstehen, essen, in die Messe gehen und die investigative Arbeit irgendwie unauffällig zwischen den Terminen unterbringen. Versäumt Heinrich eine Messe, drohen Verwarnungen oder sogar der Kerker.

Als Klosterbruder muss sich Heinrich einem strengen Tagesablauf unterordnen. fullscreen
Als Klosterbruder muss sich Heinrich einem strengen Tagesablauf unterordnen. (©Warhorse Studios 2017)
Das Kloster Sázava steht im heutigen Tschechien und wurde detailgetreu ins Spiel geholt. fullscreen
Das Kloster Sázava steht im heutigen Tschechien und wurde detailgetreu ins Spiel geholt. (©Warhorse Studios 2017)

Ob der Einfallsreichtum der Entwickler ausreicht, um das gesamte Spiel mit so viel Leben und Detailreichtum zu füllen, wird sich wohl erst nach einigen Dutzend Spielstunden sagen lassen. Handfeste Gründe, daran zu zweifeln, gibt es aber nicht – Gameplay-Videos, die die Macher bei YouTube veröffentlicht haben, zeigen bereits, dass viele Quests sich auf verschiedene Arten lösen lassen und versprechen eine dynamische offene Spielwelt mit vielen Möglichkeiten und Freiheiten.

Technisch stimmungsvoll, aber (noch) nicht frei von Fehlern

Was die Präsentation angeht, ist "Kingdom Come: Deliverance" grundsätzlich auf der Höhe der Zeit, wenn auch nicht überall zu gleichen Teilen: Die Spielwelt ist besonders in der Natur vielfältig und hübsch anzusehen, markante Orte wie das oben genannte Kloster wurden mit viel Liebe zum Detail in 3D-Modelle übersetzt. "Allerweltstexturen" – etwa von herumliegenden Gegenständen und Mobiliar – sehen dafür stellenweise recht detailarm aus, auch die hölzernen Animationen könnten besser sein. Schwächen offenbart "Kingdom Come: Deliverance" außerdem in einigen Bugs, an denen bis zum Release aber noch eifrig geschraubt werden dürfte. Besonders Massenschlachten in einem Bataillon von Soldaten leiden darunter noch etwas, zumal das ausgefeilte Kampfsystem im direkten Duell zweier Krieger weit besser zur Geltung kommt.

Allerdings ist "Kingdom Come: Deliverance" eh kein Action-Rollenspiel und wer fetzige Mittelalter-Kämpfe will, spielt besser "Mount & Blade". Der Fokus liegt vor allem auf dem Erzählen von Heinrichs Geschichte und dem Heraufbeschwören einer glaubhaften Atmosphäre. Entsprechend steckt auch sichtlich viel Arbeit in den lebhaften, ausdrucksstarken Gesichtern der Charaktere, einer liebevoll gestalteten Spielwelt-Karte im Stile mittelalterlicher Gemälde sowie im Soundtrack, der aus erhabenen Orchestersounds aber auch aus zur Epoche passender Musik besteht – von folkigen Flöten- und Lautenklängen bis zu mystischen gregorianischen Chorälen.

Fazit: Neuer Stern am Open-World-Himmel?

Mit seinem Anspruch, Realismus in ein Open-World-Rollenspiel zu übersetzen, hat "Kingdom Come: Deliverance" ein echtes Alleinstellungsmerkmal, aus dem die Entwickler jede Menge Potenzial herausziehen können – und das allem Anschein nach auch geschafft haben. Wenn es seine Qualitäten auch über mehrere Dutzend Spielstunden beibehalten und ausspielen kann, dürfte es für Fans ausgedehnter Singleplayer-Games ein Highlight des Jahres 2018 werden.

Datenblatt

  • Release-Datum
    13.02.2018
  • Genre
    Open-World-Rollenspiel
  • Plattform
    PC, PS4, Xbox One
  • Publisher
    Deep Silver
  • Entwickler
    Warhorse Studios
  • Systemanforderung (min.)
    tbd
  • Systemanforderung (empfohlen)
    tbd
  • USK
    18
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