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"The xx – I See You"-Kritik: Einladung zu Dance 'n' Chill

The xx
The xx (©Laura Coulson 2017)

Endlich! Fünf Jahre nach ihrem letzten Album "Coexist" hat das englische Indierocktrio The xx wieder einen Langspieler veröffentlicht. Warum "I See You" alte wie neue Fans ansprechen wird, erfährst Du in unserer Albumkritik.

The xx: "I See You" jahrelang in der Mache

Sie wurden zu Galionsfiguren einer Gegenbewegung. In den späteren 2000ern, in denen Techno-DJs immer lauter werdende Popstampfer in die Charts schickten und sich Dubstep langsam aufmachte, ein penetranter Trend zu werden, standen sie dagegen: die Indierocker von The xx. Drei junge Londoner, nicht übermäßig gut aussehend, in uniformem Schwarz gekleidet, schüchtern und denkbar bühnenuntauglich. Wären sie bei "Deutschland sucht den Superstar" aufgeschlagen, Dieter Bohlen hätte Romy Madley Croft (Gitarre, Gesang), Jamie Smith (Beats) und Oliver Sim (Bass, Gesang) wohl ausgiebig kritisiert.

 The xx bestehen aus Romy Madley Croft (Gitarre, Gesang), Jamie Smith (Beats) und Oliver Sim (Bass, Gesang). fullscreen
The xx bestehen aus Romy Madley Croft (Gitarre, Gesang), Jamie Smith (Beats) und Oliver Sim (Bass, Gesang). (© 2017)

In Großbritannien sah man das – mal wieder – anders, machte das 2009er-Debüt zu einem Verkaufserfolg und überschüttete "xx" mit Höchstplatzierungen in den Best-of-Charts. Sogar den prestigeträchtigen Mercury Prize räumte das Album ab. Fortan war das Indietrio fast ein wenig prominent, fand sich sogar in Klatschblättern wieder. Derweil haben sich The xx als feste Größe in der Indiemusikwelt etabliert, bisher verkauften sie insgesamt knapp drei Millionen Alben. Ihr drittes Werk "I See You" war vier Jahre in der Mache und gehört zu den meisterwarteten Alben des noch jungen Musikjahres 2017.

"I See You"-Kritik: Marktforschung im kleinen Kreis

Nun ist "I See You" da und bringt tatsächlich einige subtile Änderungen des Stils der Band mit. Wieder basiert ihr minimalistischer Rock auf einfachen Akkorden, angelegt im mittleren oder unteren Tempobereich. Den Wiederkennungswert bekommt The xx vor allem durch die gemeinsamen Gesangsharmonien von Gitarristin Croft und Bassist Sim, die zerbrechlich und verträumt mit ihren leichten Stimmen die Lieder tragen. Ein gutes Beispiel auf "I See You" ist hierfür "Brave For You" mit seiner sanft gezupften Gitarre und später der typischen, wummernden Basslinie darunter.

 Ihr drittes Album "I See You" ist das bislang wohl zugänglichste. fullscreen
Ihr drittes Album "I See You" ist das bislang wohl zugänglichste. (©Alasdair McLellan 2017)

Jamie Smith hingegen ist für die elektronischen Parts bei The xx zuständig. Als Jamie xx lieferte er 2015 mit "In Colour" ein gefeiertes und grammynominiertes Soloalbum ab und ist auch als Produzent für den Trademarksound der Band zuständig. Diese Synthie- und Sample-Spielereien zeigen sich besonders im Song "Dangerous", der das Album mit kräftigen Beats markant eröffnet – oder auch an der ersten Single "On Hold", das ein Versatzstück aus dem 1980er-Hit "I Can’t Go For That (No Can Do)" von Hall and Oates enthält. Das ist zwar irgendwie auch tanzbar, zu Discohits werden die neuen Songs dennoch nicht wirklich. Eine zurückgehaltene Melancholie trägt sie weiterhin: passend zur Zeile "I've been a romantic for so long" aus dem Song "I Dare You".

Und doch ist "I See You" merklich leichtfüßiger als die beiden Vorgänger. The xx erklären das damit, dass sie im Entstehungsprozess mehr Einflüsse von außen zuließen. Statt nur in einem einsamen Londoner Studio entstanden die Lieder auch in New York, Texas, Reykjavík und Los Angeles. Freunde, Familie und Kollegen durften reinhören und Input geben. The xx haben sozusagen Marktforschung betrieben, und das merkt man dem Album an.

Fazit: Gelungener Spagat – in jeder Hinsicht

Während stilistische Experimente gerne mal den markanten Sound von Bands verwässern, geht die Rechnung von The xx auf "I See You" voll auf. Schon bei den ersten Hördurchgängen mit dem neuen Album schälen sich einige Highlights heraus. Wer dem Trio gerne seine schluffige Verschlafenheit vorhielt, der sollte dem dritten Album eine neue Chance geben. Der Balanceakt zwischen subtilen Balladen und Elektroeinflüssen gelingt auf "I See You" fast ausnahmslos. Eine gewagte Neuerfindung ist das Album zwar nicht, aber das bisher zugänglichste und stärkste Werk des Trios.

TURN ON-Albumwertung: 4/5

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