Meinung

"Rag'n'Bone Man - Human"-Albumkritik: Der soulige Radioprediger

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Seit dem 10. Februar ist das Debütalbum "Human" von Rag'n'Bone Man im Handel erhältlich.
Seit dem 10. Februar ist das Debütalbum "Human" von Rag'n'Bone Man im Handel erhältlich. (©Columbia Records 2017)

Mit dem Exotenfaktor hätte der 32-jährige Rory Graham in jeder Castingshow überzeugt. Kaum ein Juror, der dem Rag'n'Bone Man wohl solch eine Hammerstimme zutrauen würde. Auf seinem nun erschienenen Debütalbum "Human" singt der Engländer den Blues mit Schmelz und Passion. Der Titelsong schallt uns schon seit mehr als einem halben Jahr entgegen – aus dem Radio, der Telefonanbieterwerbung, sogar dem RTL-"Dschungelcamp". Haben die anderen Lieder des Mr. Graham auch solches Überzeugungspotenzial?

Im ländlichen Uckfield wuchs der sanfte Riese auf, ein Scheidungskind mit zwei Schwestern, eine davon an einer geistigen Behinderung leidend. Einer der Gründe, warum Graham einige Jahre als Betreuer von Menschen mit dem Asperger-Syndrom arbeitete. Die abgemilderte Form des Autismus macht die betroffenen Patienten zu keinem leichten Umgang, sie können Emotionen ihrer Mitmenschen nicht deuten und ziehen sich stark zurück in ihre eigene Welt. Der Hobbypsychologe würde Rory Graham wohl attestieren, dass gerade deshalb die Lieder des Rag'n'Bone Man so leidenschaftlich sind, dass er sich mehr als andere mit Mitgefühl und Empathie auseinandersetzen musste, als Beschützer der Schwachen in der Gesellschaft. Er selbst bestätigte das gegenüber dem Spiegel: "Viele glauben, sie könnten das nicht machen, weil sie nicht wissen, wie sie kommunizieren sollen. Aber wenn du dich traust, gibt es dir viel Sinn für Empathie und Mitgefühl, es ist eine sehr gute Übung, um Menschen vorurteilsfrei zu begegnen."

Aufgewachsen in einer den Blues liebenden Arbeiterfamilie, versuchte sich Graham als später Teenager am Gesang, wandte sich erst dem Hip-Hop zu und mischte mit einem Kumpel die hippe Brightoner Indieszene als Duo The Rum Committee auf. Heute trägt er allein die Verantwortung für seine Musik, schreibt die Songs am Klavier. Aber nicht ganz ohne Hilfe, der Sänger und erfolgreiche Soulpopproduzent Jamie Hartman griff dem Hünen helfend unter die Arme, wie er es etwa schon bei der ungleich zarten Joss Stone tat. Und an Powerballaden nach deren Format ist auch Rag'n'Bone Mans Debütalbum "Human" nicht gerade arm.

Rag 'n' Bone Man fullscreen
Rag 'n' Bone Man (©Deans Chalkley for Sony Records 2017)
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Rag 'n' Bone Man (©Deans Chalkley for Sony Records 2017)

Schon die Titelsingle gibt den maßgeblichen Ton an und man kann Fans des souligen Ohrwurmes versprechen: Auch die anderen Songs des Rag'n'Bone Man gehen in diese Richtung, hier wird keine falsche Werbung betrieben. Fast jedes Lied auf "Human" wird von selbstkritischen und hinterfragenden Texten zu Midtempobeats und großen Bläsersätzen getragen. "Grace" etwa hat ähnliches Hitpotenzial wie "Human", ebenso "Skin" oder das musikalisch überraschend leichtfüßige "Arrow". Das ist gleichzeitig Stärke und Schwäche des Albums: Wenn eine Hymne auf die andere folgt, ist das toll, verliert aber recht bald seinen Reiz.

Abwechslungsreiche Impulse sind hier eher selten. In "Ego" oder "The Fire" etwa blitzen in kurzen gerappten Passagen die Hip-Hop-Wurzeln Grahams durch, die den dominierenden, modernen Gospel etwas auflockern. Oft verschwindet Grahams große, kraftvolle Stimme hinter den radiotauglichen Arrangements, sodass man sich bald wünscht, er hätte weniger auf poppige Melodien gesetzt und sich mehr auf sein spannendes Gesangsorgan konzentriert. So wie im komplett acapella gesungenen "Die Easy". Hier kommt etwas mehr Schwere durch, ein schöner Kontrast zu den sonst in Melancholie light gehaltenen anderen Nummern.

Fazit: Souliger Prediger für die Massen

Dank soliden und eingängigen Songs platziert sich der Rag'n'Bone Man mit "Human" bereits als feste Größe in der Radiolandschaft. Das Debüt hat mehr Hits im Format der berühmten Single zu bieten und ist eine sichere Bank für Freunde ohrwurmiger Soulpopnummern. Schade, dass der Sound letztlich so einförmig und glatt geraten ist. Überraschungen sind selten, die Songs sich untereinander in ihren Mustern und Arrangements sehr ähnlich. Hier hat der Rag'n'Bone Man noch Luft nach oben, die er sicher nutzen wird können, denn sein Debüt ist ein sicherer internationaler Erfolg.

TURN ON-Albumwertung: 3/5

TURNON
Score
3.0
Rag 'n' Bone Man - Human
Rag 'n' Bone Man - Human
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Datenblatt

  • Länge
    65:00 min
  • Songs
    19
  • Label
    Columbia Records
  • Singles
    "Human"
  • 10.02.2017

Tracklist

  • 1
    Human
  • 2
    Innocent Man
  • 3
    Skin
  • 4
    Bitter End
  • 5
    Be the Man
  • 6
    Love You Any Less
  • 7
    Odetta
  • 8
    Grace
  • 9
    Ego
  • 10
    Arrow
  • 11
    As You Are
  • 12
    Die Easy
  • 13
    The Fire
  • 14
    Fade to Nothing
  • 15
    Life In Her Heart
  • 16
    Your Way or the Rope
  • 17
    Lay My Body Down
  • 18
    Wolves
  • 19
    Healed
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